Sport : Die Gnade der frühen Siege

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Lance Armstrong hat in den vergangenen Tagen für seine Doping-Vergangenheit bezahlt. Der US-Amerikaner hat alles verloren: Titel, Ruhm, Geld. Selbst jene Radsportfans, die im Zweifelsfall für den Nie-Positiv-Getesteten waren, sind nach den Enthüllungen der USDopingagentuer eines Schlechteren belehrt. Umso bizarrer mutet die Meinung des Spaniers Miguel Indurain an, der der Sportzeitung „Marca“ sagte: „Ich glaube, dass Armstrong unschuldig ist.“ Man darf diese Meinung, mit der der 48-Jährige weitgehend allein dastehen dürfte, als persönliche Schutzbehauptung werten.

Indurain war der letzte Dominator der Tour de France vor der Ära Armstrong. Von 1991 bis 1995 gewann der Spanier die Tour fünfmal in Folge und schien dabei überlegen und unbesiegbar wie der Texaner einige Jahre später. Die meisten Konkurrenten Indurains – Chiappucci, Bruyneel oder Virenque – sind inzwischen längst des Dopings als Fahrer oder als Teamchef überführt. Ähnliches gilt für die Tour-Sieger in den Jahren zwischen Indurain und Armstrong:  Riis, Ullrich und Pantani. So weit die Fakten.

Man darf also zumindest vermuten, dass Indurain die Gnade der frühen Siege genießt: Seine Triumphe feierte er in einer Zeit, in der über Doping noch gnädiger hinweggesehen wurde als zu Armstrongs Ära. Ist es also erstaunlich, dass Indurain anscheinend immer noch ein anderes Rechtsverständnis besitzt als der Rest der Sportwelt? Über Armstrong sagte er, der Texaner habe sich immer an die Regeln gehalten und alle Normen erfüllt. Aus Indurains Perspektive entspricht das wahrscheinlich sogar der Realität.

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