Sport : Die Mutter aller Blamagen

Wie Österreichs Ex-Trainer mit dem 0:1 gegen die Färöer lebt

Stefan Hermanns

Die Fans von Rapid Wien haben den neuen Trainer ihres Klubs in diesem Frühjahr nicht gerade mit großer Ehrfurcht empfangen. Als Färöer-Pepi haben sie ihn verspottet, und das nicht etwa, weil Josef Hickersberger von den Färöern kommt. In seinem ganzen Leben ist der 54-Jährige noch nie dort gewesen. „Leider nicht“, sagt er. Dabei hat Hickersberger keine besonders angenehmen Erinnerungen an die kleine Inselgruppe im Atlantik. Das hängt mit dem 12. September 1990 zusammen, dem Tag, an dem die österreichische Nationalelf mit ihrem Teamchef Hickersberger in der EM-Qualifikation gegen die Färöer spielte. Die Begegnung ist als eine der größten Blamagen in die Fußball-Geschichte eingegangen. 1:0 gewannen die Färöer, und Hickersberger hat unmittelbar nach der Niederlage gesagt, sie sei „die größte Enttäuschung meines Lebens, nicht nur meiner sportlichen Laufbahn".

„Das hat sich relativiert", sagt Hickersberger heute, zwölf Jahre später. „Es gibt im Leben Schlimmeres als Niederlagen im Fußball. Aber im Fußball gibt es keine schlimmere Niederlage als gegen Färöer." Gleich nach dem Spiel hat Hickersberger seinen Rücktritt angeboten: „Nach so einer Niederlage gibt es nur eine Konsequenz."

Es schienen keine Worte groß genug, um die Bedeutung zu erfassen: Torleif Sigurdsson, Präsident des färingischen Fußballverbands, sagte: „Dieser Sieg ist für uns das, was die Mondlandung für Amerika war." Für die Österreicher war es eine Bauchlandung. Genau genommen wird der österreichische Fußball seitdem international nicht mehr ernst genommen. Im Laufe der Jahre folgten zwar noch ein paar weitere peinliche Pleiten, ein 0:9 gegen Spanien oder ein 0:5 gegen die Türkei. Das 0:1 gegen die Färöer aber ist für die Österreicher die Mutter aller Blamagen. „Unsere Fußballer haben sich zum Gespött Europas gemacht", hat Hans Krankl, der heutige Teamchef Österreichs, damals gesagt.

Einer der Verspotteten war Toni Polster, der später für den 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach spielte. „So was gehört zu einer Karriere dazu", sagt er. Für Polster war die Begegnung „ein typisches Pokalspiel". Auf der einen Seite der Favorit Österreich, der noch drei Monate zuvor bei der WM in Italien gespielt hatte; auf der anderen der Außenseiter, für den die Begegnung zwei Jahre nach der Aufnahme in den Weltfußballverband Fifa das erste Pflichtspiel überhaupt war.

Auf den Inseln der Färöer leben gerade mal 45 000 Menschen, allein im Wiener Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus sind es mehr. Was sollte da passieren, zumal der Außenseiter auch noch auf seinen Heimvorteil verzichten musste? Auf den Färöern gab es damals fünf Kunstrasenplätze, die aber nicht wettkampftauglich waren. Daher wurde die Partie in Landskrona in Schweden ausgetragen. 1265 Zuschauer sahen das Spiel, in dem der Favorit wie erwartet das Geschehen bestimmte. „Die waren ja nicht gut", sagt Polster über den unerfahrenen Gegner. Chance auf Chance hätten die Österreicher gehabt, aber ein Tor gelang ihnen nicht: „Der Torwart hat die Bälle an den Kopf und an die Hände gekriegt. Der wusste selbst nicht, wie er die gehalten hat." Der Torwart hieß Jens Martin Knudsen, und als wäre es für die Österreicher nicht schon schlimm genug gewesen, dass er jeden Schuss abwehrte – Knudsen trug auch noch eine Pudelmütze auf dem Kopf, wie er das immer machte, seitdem er 14 war. Extra für das Spiel gegen Österreich hatte er sich eine neue gekauft. Eine weiße von Adidas. Am nächsten Tag waren die Bilder vom Mützenmann in allen Zeitungen Europas. Über Nacht war Knudsen ein Held geworden, genau wie Torkil Nielsen. Der damals 26-Jährige vom FIF Sandawag, eigentlich Arbeiter in einer Wollfabrik, erzielte in der 60. Minute den einzigen Treffer des Spiels.

Josef Hickersberger hat die Szene noch vor Augen: wie Nielsen Richtung östereichischen Strafraum läuft und mit rechts aus etwa 18 Metern an Torwart Konsel vorbei ins lange Eck trifft. Es war ja nicht so, dass die Österreicher den unbekannten Gegner von den Schafsinseln nicht ernst genommen hätten. Hickersberger hatte die Mannschaft sogar eigens beobachtet, mangels anderer Spionagemöglichkeiten in einem Freundschaftsspiel gegen Bröndby Kopenhagen. „Der Torhüter mit der Zipfelmütze hat sechs Tore gekriegt", sagt Hickersberger. „Da ist es schwer, den eigenen Spielern deutlich zu machen, dass sie diesen Gegner ernst nehmen müssen." Schon vor dem Spiel hatten die Zeitungen in Österreich Listen mit den höchsten Siegen der Nationalmannschaft veröffentlicht, und „entsprechend locker und überheblich sind wir in das Spiel reingegangen", sagt Polster.

Josef Hickersberger muss deswegen damit leben, noch heute als Färöer-Pepi verspottet zu werden. „Inzwischen kann ich darüber schmunzeln", sagt er. Dieses Spiel, die Niederlage, die Blamage „ist ein Bestandteil meines Lebens", und sie hat ihn gelehrt, dass es keinen Gegner gibt, den man nicht respektieren sollte. Josef Hickersberger sagt: „Das war die wertvollste Niederlage meiner Karriere."

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