Doping : Leben auf Pump

Gut aussehen – das will doch jeder, und für alles gibt es Mittel, leicht zu haben, aber gefährlich für den Körper: Schmerztabletten für Marathonläufer, Schlankmacher für die Figurbetonten. Doping ist längst Teil des Breitensports. Vielleicht passt es einfach zu gut in die Zeit, um verboten zu werden.

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Ins Volle greifen. Etwa 7,5 Millionen Männer und Frauen sind in deutschen Fitnessstudios angemeldet, wo sie auch auf Hardcore-Bodybuilder treffen.
Ins Volle greifen. Etwa 7,5 Millionen Männer und Frauen sind in deutschen Fitnessstudios angemeldet, wo sie auch auf...Foto: picture alliance/dpa

Noch immer sieht er gut aus – groß, schlank, breitschultrig, muskulös. Massive Präsenz, auch mit 50 Jahren. Aber Gerd B., Inhaber und Betreiber eines großen Sportstudios weit nördlich von Berlin, hält sich für einen Schatten seiner selbst. Er holt den Rahmen mit den Fotos von früher von der Studiowand. Als junger Mann hat er geboxt: 67 Kilo, auf 1,85 Körpergröße verteilt – die reine Fitness. Dann, mit 30, begann er mit dem Bodybuilding. Und mit Doping.

Ein Foto aus der Zeit zeigt einen Schrank von einem Mann, 117 Kilo schwer, der Bauch ein definiertes Sixpack, der Rücken die anatomische Darbietung aller Muskeln, die dort ihre Arbeit tun. Gerd – ein Kraftpaket, fettfrei.

Seine Doping-Geschichte, die er freimütig erzählt, ist auch eine Sucht-Geschichte. „Es war schon ein tolles Gefühl unter Stoff, man hat einen Adrenalinschub und eine Menge Glücksgefühle. Na ja, dadurch merkt man leider auch nicht wenn’s zu schwer ist, man hat viel weniger Schmerzen, wodurch später die Gelenke leiden“, sagt er. Dopende Pumper sind süchtig nach Masse.

Anfangs habe er beim Bankdrücken zwei bis fünf Mal 70 Kilo geschafft, erzählt Gerd B. In seinen massivsten Zeiten waren es 180 Kilo. Was man sich darunter vorstellen soll: einen Turm von neun Kästen Bier, in Rückenlage Richtung Himmel gedrückt. 130 Kilo auf der Langhantel beim Kreuzheben: sechseinhalb Kisten Bier mit der Kraft der Beine und des Rückens und gegen den heißen Schmerzen überlasteter Armsehnen vom Boden bis auf die Höhe einer Kofferraumklappe gezogen.

„Ich hab’s mit dem Herzen gekriegt“, sagt Gerd. Der Infarkt kam bei einer Serie von Kniebeugen, „da bin ich zusammengebrochen“.

Außerdem sind ein stark vergrößertes Herz, problematische Leberwerte und Rückenschmerzen Folgen seines Anabolika-Gebrauchs. Dabei hatte Gerd B. seine biochemischen Kuren unter ärztlicher Aufsicht gemacht und sein „schwarzes Buch“ zu Rate gezogen. Es trägt den Titel „Anabole Steroide“, klebt voller gelber Post-it-Zettel und steht noch immer in seinem Sportstudio. Es ist die Bibel der Hardcore-Bodybuilder. Was an Substanzen auf dem Markt ist, findet sich darin, inklusive vieler Anwendungsbeispiele. Seine Kunden, vor allem die jungen, fragen ihn um Rat.

Gut aussehen – die Eisenpumper aus der Fitness-Szene machen auf extreme Weise vor, wie es geht. 120-Kilo-Männer, die sich 20-Kilo-Eisenscheiben reihenweise auf die Langhantel packen, sich auf den Rücken legen, die Stange fassen. Die Hände suchen nach dem richtigen Abstand, der Kumpel am Kopfende der Bank in seiner Sporthose mit Tarnmuster und dem Muscleshirt ist bereit, um notfalls ein wenig mitzuhelfen. Und dann: neuer persönlicher Rekord, glückliches Grinsen, schwielige Hände patschen auf nass geschwitzte Schultern. Am Tresen, schmeckt der Proteinshake noch besser als sonst.

Siebeneinhalb Millionen Frauen und Männer sind in deutschen Fitness-Studios angemeldet, so eine Studie. Dort sieht jeder, der einfach bloß ein bisschen fitter werden will, Männer und auch ein paar Frauen das Ideal eines Herkules-Körpers erstreben. Doping ist mit allem, was dazu gehört, im Breitensport angekommen. Die Mengen an Dopingsubstanzen und importierten Medikamenten von irgendwoher, die Zollfahnder jährlich sicherstellen, nehmen kontinuierlich zu.

43 Ermittlungsverfahren führten Zollfahnder in Sachen Doping im Jahr 2006, 1036 waren es im vergangenen Jahr. Dabei läuft alles, was mit Doping und dem Import von Substanzen und Hormonen zu tun hat, unter „Arzneimittelkriminalität“.

Verboten ist in Deutschland nicht die Einnahme von einschlägigen Substanzen – wer sich mit Testosteron, Dinitrophenol oder Stanozol in Form bringen will, den hindert kein Gesetz daran. Verboten sind allein das „In-Verkehr-bringen von Arzneimitteln zu Dopingzwecken im Sport“ und deren Anwendung „bei anderen“. Der Pumper im Fitness-Studio darf dopen, der Amateur-Gewichtheber darf es auch – der Wettkampf-Gewichtheber darf es nicht.

Die Liste der Dopingverstöße, die die Nationale Antidoping-Agentur Nada für 2012 veröffentlicht hat, enthält fast hundert Fälle im Verbandssport, wo Doping verpönt ist: Mit einschlägigen Spuren im Urin wurden Boxer erwischt, Gewichtheber, Triathleten, Kanuten, Leichtathleten, Rugby-Spieler, ein Karateka, ein Mitglied des „Deutschen Rasenkraft- und Tauziehverbandes“ und sogar ein Schachspieler. Kokain und die Konzentrationshilfe Ritalin, sind, so sagen Fachleute, für Turnier-Schachspieler interessant.

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