Ehemaliger Welttorwart : Oliver Kahn ist der beste Experte der EM

Er wurde einst respektiert, aber nie geliebt. Bei dieser EM ist Oliver Kahn zum populärsten und souveränsten deutschen Fernseh-Experten aufgestiegen.

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Ballversteher. Oliver Kahn zeigt sich in Frankreich von seiner Schokoladenseite.
Ballversteher. Oliver Kahn zeigt sich in Frankreich von seiner Schokoladenseite.Foto: dpa

Der Fußballer Oliver Kahn sprach gerne von Druck. Wenn er das tat, dann wirkte das stets wie ein großer Kraftakt. Kahns „Druuuuuck“ hatte immer ein paar „Us“ zu viel. Wenn Kaugummis, die an heißen Sommertagen an Schuh und Asphalt hängen bleiben, ein Geräusch machen würden, dann das Kahnsche „Druuuuuck“.

Kahn hatte immer Druck, wirkte häufig gestresst und, meistens viel zu ehrgeizig und nahe am Überdrehen. Er gewann fast alles, aber er schien keinen Spaß daran zu haben. So beeindruckend seine Leistungen als Sportler und Gewinner, so abschreckend sein Stil. Zu seiner größten Zeit war Kahn Welttorwart und Welt-Unsympath zugleich. Was ihm vermutlich bewusst war. „Es ist schon verrückt, was der Fußball aus mir macht“, sagte Kahn über Kahn.

Was bleibt, ist der Mythos des Titan Kahn

Seit 2008 nun schon arbeitet Kahn für das ZDF als Experte. Bei dieser Europameisterschaft – bleiben wir aus Gründen bei den sportlichen Vergleichen – erleben wir einen Experten, der vom Talent zum Stammspieler zum Dreh- und Angelpunkt gereift ist. Und es geschafft hat, den Fußballer Kahn, der ja respektiert, aber nun wirklich nicht beliebt im eigentlichen Sinne war, abzustreifen und trotzdem immer noch vom Mythos des Titan Kahn zu zehren. Kahn bleibt sich treu, hat weiter, immer weiter analysiert und expertelt, und gehört pünktlich zur EM – ganz Turnierexperte – zu den Besten seines Fachs.

Ein selbstironischer Kahn - erstaunlich

Mehr als das: War der Fußballer Kahn während seiner Arbeitszeit ein zum Teil unausstehlicher Konkurrenz-Wegbeißer und bedingungsloser Erfolgsmensch, ist der Experte Kahn auch deshalb so beliebt, weil er Kompetenz mit sympathischer Ausstrahlung verbindet. So oft wie man ihn früher schreien sah, so häufig zeigen uns die Bilder heute einen lachenden Kahn, der sich sogar dann wegschmeißt, wenn Oliver Welke einen Witz auf seine Kosten macht. Wie bei der Übertragung am 14. Juni, als Kahn in einem Nebensatz erwähnte, ein Buch gelesen zu haben, Welke kicherte und einwarf: „Entschuldige, dass ich lache.“ Und Kahn? Hätte Welke vor zehn Jahren vermutlich hinter die Kamera gezerrt und ihm eine Abreibung verpasst, im Studio lachte er noch mehr als Welke. Ein selbstironischer Oliver Kahn, das ist eigentlich das Erstaunlichste an der ganzen Sache.

Wissen zeugt von Aufmerksamkeit

Weniger überraschend, aber angenehm zu beobachten, ist Kahns Fähigkeit, klug und unterhaltsam über Fußball zu sprechen. Anders als ARD-Konkurrent Mehmet Scholl, der mit seiner Meckerrentner-Poesie als Erbe von Günter Netzer auftritt, dabei aber wenig Eloquentes zu bieten hat, ist Kahn als Experte wie schon als Torwart: Er weiß, was er tut. Und das auf verschiedenen Ebenen. Beim gemeinhin als „Grottenkick“ abgetanen Spiel zwischen Portugal und Kroatien verfiel Kahn nicht in die Rolle des mürrischen Erfolgsfans, sondern war sich seiner Rolle als hochbezahlter Experte durchaus bewusst und versuchte zumindest eine Erklärung für den Spielverlauf zu finden: „Ich habe mich über 120 Minuten gefragt, was das war. War das jetzt eine taktische Meisterleistung?“ Und: „Klar kann man polemisch sagen: Was ein Drecksspiel, warum habe ich mir das angeguckt? Aber wenn man sich anschaut, wie die portugiesischen Spieler sich in der Defensive 120 Minuten lang verausgabt haben, dann muss man auch einfach mal akzeptieren, dass man mit einer defensiven Taktik weiterkommt.“

Die ewigen Führungsspieler-Debatten seien nervtötend

Ähnlich souverän agiert Kahn im verbalen Konflikt mit anderen Experten, auch das ja eine Aufgabe, wenn man vor der Kamera über Fußball sprechen muss. Stellvertretend hierfür sei die Kritik von Michael Ballack an der DFB-Elf genannt („Der Mannschaft fehlen Persönlichkeit und Charakter“) und Kahns Replik, es sei interessanter, stattdessen „über Fußball an sich zu diskutieren, über die Durchschlagskraft, wie wir vorne Fußball spielen können“. Dass der einstige Vorzeige-Führungsspieler die ewigen Führungsspieler-Debatten seiner Ex-Kollegen nicht mehr hören kann, spricht ja auch für die Fähigkeit der beständigen persönlichen Modernisierung.

Kluge Kommentare, die fürs Fernsehen notwendige Lässigkeit, eine Karriere, die seinen jetzigen Job als Experten zweifellos rechtfertig und eine positive Entwicklung – Oliver Kahn hat auch bei der Berichterstattung über das deutsche Achtelfinale wieder bewiesen, dass er eine der medialen Gewinner dieser Europameisterschaft ist. Ganz ohne Druck und Ausbrüche grotesk wirkender Siegermentalität. Zu dieser Wandlung kann man ihm nur gratulieren. Wir haben ja alle etwas davon.

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