Sport : Folge 9: Über die Länge die Größe vergessen - Verbale Entgleisungen

Michael Rosentritt

In diesem Frühjahr, derzeitiger Stand 8. März, verlässt Lothar Matthäus das Land. Nach 20 Jahren Wirkens auf Deutschlands Fußballfeldern ist alle Häme vergossen. Wir wollen noch einmal auf das Gesamtwerk des Mannes zurückkommen, der es vom fränkischen Raumausstatter zum Krösus fußballerischen Schaffens gebracht hat: in Herzogenaurach, Mönchengladbach, Bayern, Italien und, wenn der Fußball-Gott denn will, demnächst auch in den USA. Eine Erinnerung in noch nicht absehbar vielen Folgen.

Der klein gewachsene Fußballer aus Herzogenaurach hatte schon immer einen Hang zum Außergewöhnlichen. Lothar Matthäus selbst hat in seiner Karriere solches geleistet, gesehen und gern davon erzählt. So auch im Herbst des Jahres 1993. Es soll ein ganz besonderer Herbst für ihn werden.

Beim 2:1-Sieg über Brasilien überflügelt Matthäus in seinem 104. Länderspiel den großen Franz Beckenbauer. Er ist jetzt Deutschlands Rekordnationalspieler. In dieser Zeit wird er auf dem Münchner Oktoberfest einen niederländischen Staatsbürger beschimpfen. Der Mann will eigentlich nichts weiter, als den berühmten Lothar, seine Lebensgefährtin Lolita Morena und den gemeinsamen Sohn Loris filmen. Matthäus fühlt sich bedrängt. Im Verlauf einer überaus unterhaltsamen Unterhaltung fällt der Satz: "Ach, auch noch Holländer, das sind sowieso alles Arschlöcher, und du bist wohl vergessen worden vom Adolf."

Nur wenige Wochen später beginnt das vom Deutschen Fußball-Bund, dem FC Bayern und Lothar Matthäus über diesen Zwischenfall so sorgsam ausgesäte Gras zu wachsen, da verliert er erneut die Nerven. Auf dem Düsseldorfer Flughafen kreuzen sich die Wege des FC Bayern und des TuS Lichterfelde. Die Basketballerinnen aus Berlin befinden sich auf der Rückreise von einem Punktspiel in Bensberg. Auch die Bayern, die am Nachmittag auf Schalke spielten, wollen eigentlich nur nach Hause.

"Es war mal interessant, die Münchner Spieler aus nächster Nähe zu sehen", erzählt der Berliner Trainer Michael Okada. Plötzlich schert Matthäus aus einer Spielertraube aus und stellt Augenkontakt zu den Basketballerinnen her. Ihre Blicke lotst er nun auf seinen kolumbianischen Stürmerkollegen Adolfo Valencia. Nachdem das geklappt hat, ruft er den jungen Damen zu: "Hey, unser Schwarzer hat so einen Langen." Damit auch ja jeder versteht, was er meint, zeigt Matthäus auf sein Geschlechtsteil und deutet mit seinen Händen die Länge (Okada: "Gut einen halben Meter") an. Für das Boulevardblatt "BZ" ist diese Begegnung "mit der unheimlichen Art" ein gefundenes Fressen und tags dareinen Aufmacher auf Seite eins ("Matthäus: Ferkeleien gegen Berlinerin") wert. Manuela Falk ist damals 22 Jahre jung. "Er ist für viele ein Vorbild", sagt sie der Zeitung. "Warum sagt der so was? Hat der nichts anderes im Kopf?"

Matthäus selbst ist zu einer Stellungnahme nicht bereit. Er kann von Glück reden, dass die Basketballerinnen aus Lichterfelde diesen Vorfall nur publik machen, ihn nicht anzeigen. Im Strafgesetzbuch beschäftigt sich der Paragraph 185 ausführlich mit derartigen Obszönitäten. Auch der DFB kommt nicht auf die Idee, seinen Kapitän ernsthaft in Frage zu stellen. In der Frankfurter Zentrale verweist man darauf, Matthäus habe in Vergangenheit und Gegenwart gezeigt, dass er weder sexistisch noch ausländerfeindlich sei. Schließlich habe er als langjähriger Gast in der italienischen Serie A gearbeitet, außerdem führe er eine Lebensgemeinschaft mit einer Schweizerin.

Vier Tage später tritt Lothar Matthäus wieder vor eine Gruppe. Diesmal handelt es sich um eine Ansammlung von Münchner Journalisten, und die bekommen von ihm Verblüffendes zu hören: "Tur mir Leid, aber ich kann mich an keine Berliner Basketball-Mannschaft erinnern." Schließlich gibt er diese außergewöhnliche Angelegenheit in die Hände seines Anwalt. Nicht nur in diesem Fall hat es dem großen Fußballer Lothar Matthäus an menschlicher Größe gefehlt.

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