Formel 1 in Bahrain : Die perfekte Ablenkung für das Regime

Während die Formel 1 am Sonntag in Bahrain fährt, steigt die Zahl der Verhaftungen. Ein solches Regime sollte nicht gefeiert werden, findet unser Gast-Autor, ein Menschenrechtler aus Bahrain.

Said Yousif Al-Muhafdah
Ein Scheich klatscht 2004 vor dem ersten Formel-1-Rennen in Bahrain auf der Rennstrecke Beifall.
Ein Scheich klatscht 2004 vor dem ersten Formel-1-Rennen in Bahrain auf der Rennstrecke Beifall.Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Während Lewis Hamilton die Finalrunde des Grand Prix von Bahrain 2015 beendete und anschließend mit seiner Mannschaft feierte, ahnte er vermutlich nicht, dass er damit vor allem die Herrschaftselite Bahrains erfreute. Denn sie sonnte sich in den Bildern des Siegers – und lenkte damit ab von den Menschenrechtsverletzungen auf der winzigen Golfinsel. In Bahrain wird die Meinungsfreiheit verfolgt. Und die wenigen, die sich trauen doch den Mund auf zu machen, landen im Gefängnis – weggesperrt ohne gerechten Prozess und gefoltert.

Kronprinz Salman bin Hamad Al-Khalifa genoss den Moment, als er dem Briten Hamilton auf dem Podium die Siegestrophäe überreichte. Er liebt solche Bilder, auf denen er sich im besten Licht präsentieren kann. Dabei behauptet das Königshaus seine Macht im Lande mit repressiven Mitteln gegenüber der Opposition – insbesondere seit dem Volksaufstand 2011; damals war der Grand Prix abgesagt worden.

Am Sonntag findet nun das nächste Formel-1-Rennen in Bahrain statt. Und im Monat des Rennens erreichen die Menschenrechtsverletzungen zumeist ihren Höhepunkt – vor allem im Hinblick auf die Anzahl der dokumentierten Fälle. Die Zahl der Verhaftungen steigt erheblich verglichen mit den anderen Monaten des Jahres. Die meisten Verhaftungen sind illegal und dienen dazu Protest zu unterdrücken. Während und nach der Gefangenschaft sind die Demonstranten regelmäßig schwerwiegender Folter ausgesetzt.

Geständnisse werden unter Folter erpresst

Während des Grand Prix 2013 wurden die Zuschauerinnen Rayhana Al-Mosawi und Nafeesa Al-Asfoor verhaftet. Die beiden jungen Frauen wurden in direkten Gewahrsam genommen, geschlagen, gefoltert und gezwungen ein Geständnis zu unterschreiben. In einem anschließenden Scheinprozess wurden diese erpressten Geständnisse benutzt, um beide Frauen zu fünf Jahren Gefängnis zu verurteilen.

Zudem eskaliert die Anzahl an dokumentierten Verletzungen unter Demonstranten, da Sicherheitskräfte nicht davor zurückschrecken, exzessive Gewalt anzuwenden. Das alles dient nur einem Ziel: die Schreie nach Demokratie und Freiheit sollen erstickt werden. Erzwungene Geständnisse, schwerwiegende Folter und übermäßige Gewaltanwendung sind der traurige Alltag in Bahrain. Derzeit befinden sich mehr als 3000 Menschen in willkürlicher Gefangenschaft, Insassen berichten regelmäßig über Folter. Freie Meinungsäußerung ist untersagt, Menschen werden verhaftet für den Missbrauch von Social Media.

Ein solches Land sollte nicht gefeiert und mit positiver Aufmerksamkeit der Medien belohnt werden. Und genau das bewirken die Formel-1-Rennen für das Regime. Es ist die perfekte Ablenkung, nicht nur für die einheimische Bevölkerung, sondern auch für die internationale Berichterstattung. Der Fokus liegt ausschließlich auf dem Sport in Bahrain und nicht auf den unverhohlenen Menschenrechtsverletzungen, die ungehindert stattfinden während die Fahrer ihre Reifen in der Hitze der Strecke erwärmen.

Die Formal 1 und die International Automobile Association (Fia) fügen sich dem Regime in Bahrain, indem sie dem Königreich erlauben, den Grand Prix auszurichten. Dies ist eine stillschweigende Einverständniserklärung mit den verschiedenen Menschenrechtsverletzungen, die dem Regime zugerechnet werden. Das Blitzlichtgewitter, welches den Stars an die Rennstrecke folgt, und das Glitzern der Rennautos überstrahlen schlicht die Bilder von düsteren Gefängnissen, wo die Insassen getreten und gefoltert werden, ihrer Bürgerrechte beraubt und zu lebenslanger Haft oder gar zum Tode verurteilt werden.

Bahrain verkauft sich als perfektes Touristenziel

In diesen Tagen sind Journalisten aus der ganzen Welt in Bahrain. Sie berichten darüber, ob es Ferrari gelungen ist, mit Mercedes auf Augenhöhe zu konkurrieren. Sie sollten sich jedoch  dessen bewusst sein, dass an gleicher Stelle Journalisten und Fotografen gezielt verfolgt, verhaftet und verurteilt wurden. Ihre Kollegen wurden verschleppt und verbüßen nun unrechtmäßige Haftstrafen, da sie es sich nicht nehmen lassen wollten, ihren Beruf frei auszuüben und auf ihrem Recht der freien Berichterstattung beharrten.

Der Glanz und Luxus im Dunstkreis der Formel 1 sind eine willkommene Möglichkeit für Bahrain, sich als perfektes Touristenziel zu verkaufen und starke Verträge zu schließen, während die Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung unter den Teppich gekehrt wird. Die Bürger bleiben auf der Strecke, gefoltert, verfolgt und dem grausamen Unrechtsregime ausgeliefert. So lange die Show weitergeht, scheint es niemanden zu interessieren. Das eigentliche Dilemma liegt vielmehr darin, dass sowohl die Regierung in Bahrain als auch die internationale Gemeinschaft das Leiden der Bevölkerung einfach ignoriert und den Kommerz und Profit des TV-Entertainments an einem Sonntag vorzieht. 

Der Menschenrechtler Said Al Muhafdah ist Vizepräsident des Bahrain Center for Human Rights und lebt in Berlin.

Der Menschenrechtler Said Al Muhafdah ist Vizepräsident des Bahrain Center for Human Rights und lebt in Berlin.
Der Menschenrechtler Said Al Muhafdah ist Vizepräsident des Bahrain Center for Human Rights und lebt in Berlin.Foto: null

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