Sport : Fusion in Halle: Abschied von der Zukunft

Julius Müller-Meiningen

Beide sind schon ältere Herren, aber heute ist es, als seien sie neu geboren. Dieter Tettenborn, genannt Teddy (77), war vor etwa 60 Jahren Torwart beim VfL Halle von 1896. Richard Schmieder (70), bald 50 Jahre Mitglied beim Verein für Leibesübungen, war bis vor kurzem Vizepräsident. Bis die Idee mit der Fusion kam. Jetzt stehen die beiden im Stadion am Zoo und Teddy sagt: "Ach, unser Schmuckkästchen, das wollten die sich alles unter den Nagel reißen." Sie haben es nicht geschafft.

Am Abend zuvor fand im Hallenser Hotel Maritim die Mitgliederversammlung statt. Wilfried Klose, Geschäftsführer der Stadtwerke Halle und Präsident des VfL Halle, wollte sich per Abstimmung von den Mitgliedern ermächtigen lassen, die Fußballabteilung an den Halleschen FC, immerhin einst DDR-Meister, abzutreten. Um fortan nicht mehr Konkurrenten in der Oberliga zu sein, sondern, so stellten es sich die Befürworter der Fusion vor, um bald im Profifußball mitzuspielen. Für Richard Schmieder hätte das bedeutet, "dass die unserem VfL das Herz rausreißen". Die Mehrheit wollte das nicht. 71 Mitglieder stimmten für den Beitritt, 134 dagegen. Zuvor versuchte der Präsident die Vereinsmitglieder zu überzeugen, dass zwei gute Fußballmanschaften in Halle, einer Stadt mit etwa 240 000 Einwohnern, nicht finanzierbar seien. Deswegen müssten die Kräfte gebündelt werden. Vierzig Mannschaften, vor allem Jugendliche, hätten dann für zwei Jahre bei dem gemeinsamen Klub gespielt, nach zwei Jahren wäre ausgemistet worden, nur die besten Spieler hätten bleiben können.

Für Benjamin George, einen 16-Jährigen, waren die Präsidiumsmitglieder des VfL Halle 96 deswegen nichts anderes als "Wasserköpfe". Johannes Klubach, ein älterer Herr, wendete sich an den Präsidenten: "Die Kloses kommen und gehen, aber der VfL bleibt". Die Stadt hatte Druck gemacht. Die Sponsoren des VfL Halle hatten gedroht, nur bei einem Beitritt weiter zu unterstützen und die Presse, vor allem die Bild-Zeitung, versuchte, Einfluss zu nehmen. Die Reporter wollten "endlich über guten Fußball berichten" und waren fassungslos, als in den vielen Reden die Liebe und Treue zum 105 Jahre alten VfL Halle beschworen wurde. Am Tag nach der gescheiterten Fusion titelte die Hallesche Ausgabe der Bild-Zeitung enttäuscht: "Halle bleibt Fußball-Provinz!"

Noch in der Saison 1991/1992 hatte der Hallesche FC in der Zweiten Bundesliga gespielt. Der 1966 gegründete Verein wurde zu DDR-Zeiten von der SED unterstützt. Der VfL hingegen, der damals Empor Halle hieß, galt bei der Partei als bürgerlich. Dariusz Wosz spielte früher bei Empor und später beim Halleschen FC. Der Bundesligaprofi von Hertha BSC erzählt, dass Empor immer den besseren Nachwuchs hatte, den aber meistens beim Halleschen FC abliefern musste. Inzwischen hat der Hallesche FC Schulden von mehreren 100 000 Mark und steht in der Oberliga nur fünf Punkte von einem Abstiegsrang entfernt. Der VfL Halle 96 dagegen rangiert auf einem sicheren Mittelfeldplatz in derselben Spielklasse.

Wenige Tage vor der Abstimmung hätte Michael Schädlich, der Vizepräsident des Halleschen FC und Fusionsbefürworter, wohl besser geschwiegen, als er in der Diskussion mit Fans gesagt hatte: "Wir brauchen die Scheiss-96er nicht, der VfL muss von der Landkarte verschwinden." Das wird wohl nicht passieren. Ein neuer Sponsorenpool sicherte dem VfL Halle sechs Millionen Mark für die nächsten beiden Spielzeiten zu. Der Verein scheint gerettet und Richard Schmieder, der nach Schädlichs Diskussionsbeitrag als Vizepräsident des VfL Halle zurück getreten ist, sagt: "Die vom HFC waren einfach wütend, dass wir sie in allen Bereichen überflügeln."

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