Fußball-WM 2018 in Russland : Putin: Ein WM-Boykott darf kein Tabu sein

Wenn es ernst wird, flüchtet sich der Sport gern in die politische Neutralität. Doch auch er muss sich an Überlegungen beteiligen, Putins WM zu boykottieren. Ein Kommentar

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Balla balla! Joseph Blatter (li.) und Wladimir Putin.
Balla balla! Joseph Blatter (li.) und Wladimir Putin.Foto: dpa

Oha, da ist es wieder. Das böse B-Wort. Boykott, eines der größten Tabus in der Sportszene. Die EU hat laut „El País“ zumindest darüber nachgedacht, ihren Mitgliedsländern einen Boykott der Fußball-WM 2018 in Russland zu empfehlen. Über den Sinn und Unsinn und auch den Zeitpunkt eines solchen Vorschlags kann man sicher diskutieren. Nur: Man muss es auch.

Gern beruft sich der Sport auf seine Vorbild- und Repräsentationsfunktion, wenn es Fördergelder oder Imagegewinne zu verteilen gibt. Die deutschen Olympiamissionen etwa unterstehen offiziell dem Innenministerium, das Millionen für die Medaillenträume springen lässt. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mag auf finanzielle Unterstützung nicht mehr angewiesen sein, aber auch er vermarktet seine lukrativste Fußballmannschaft geschickt als Diplomaten in kurzen Hosen. Bundestrainer Joachim Löw hat mal gesagt: „Die Nationalmannschaft ist Botschafter für das Land.“

Wenn es dann aber ernst wird, dann flüchten sich die selbst ernannten Botschafter gern in die politische Neutralität. Ob DFB-Präsident Niersbach, IOC-Präsident Bach oder Fifa-Chef Blatter: Beim Wort Boykott schütteln sie reflexartig mit den Köpfen. Doch wer die Nähe zur Politik sucht, wer Geld und Selbstverständnis aus diesen Sphären generiert, der ist per se politisch. Und der muss sich auch gefallen lassen, wenn er als politische Option auf dem Tisch liegt. Zumindest aber muss er sich an der politischen Debatte beteiligen – und sich nicht, wie auch jetzt wieder, einfach wegducken.

Ja, die Wirkung der letzten großen Olympia-Boykotte 1980 und 1984 ist umstritten. Aber daraus darf man kein Tabu bis auf alle Ewigkeit ableiten. Was war denn mit Berlin 1936? Wäre da ein Fernbleiben nicht sinnvoller gewesen, als sich an Hitlers perfider Inszenierung eines friedvollen Deutschland zu beteiligen?

Es wäre an der Zeit, auch im Sport das B-Wort wieder ins Repertoire aufzunehmen. Denn wer mitkassiert, muss auch mitdiskutieren. Alles andere ist Opportunismus.

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