Jesus Navas : Von der Sehnsucht nach der kleinen Welt

Er bekam immer wieder Panik und floh aus dem Hotel. Der Spanier Jesus Navas litt unter einer seltsamen Heimweh-Krankheit, nun hat er sie wohl überwunden.

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Nicht zu stoppen. Außer Heimweh kann Jesus Navas nichts aufhalten.
Nicht zu stoppen. Außer Heimweh kann Jesus Navas nichts aufhalten.Foto: AFP

In Schruns haben sie sich große Mühe gegeben. Überall im Dorf wehen spanische Nationalflaggen, Restaurants bieten Tapas an und selbst die örtliche Table-Dance-Bar wirbt in rot-gelben Lettern mit „spanischen Wochen“, ohne zu verraten, was sich genau hinter diesem Angebot verbirgt. Schließlich soll es den Fußballern der spanischen Nationalmannschaft an nichts fehlen, während sie sich in den österreichischen Alpen auf die Weltmeisterschaft in Südafrika vorbereiten. Und vielleicht hat es ja auch mit der herzlichen Aufnahme durch die Bewohner in Schruns zu tun, dass Jesus Navas noch immer in dem österreichischen Örtchen weilt und nicht wie sonst üblich schon wieder zu Hause in seiner über 2000 Kilometer entfernten Heimat ist. Der spanische Nationalspieler leidet an einer nicht nur für Profifußballer außergewöhnlichen Krankheit: Heimweh.

Was sich im ersten Moment kindisch anhört, war für Navas bisher die Hölle. Panikattacken, Schweißausbrüche, Angstzustände, all das ereilte ihn, sobald er sich außerhalb seiner gewohnten Umgebung befand. Weite Reisen wie jetzt nach Schruns waren für Navas bis vor kurzem unmöglich. Sein Verein, der FC Sevilla, musste bei Auswärtsspielen mit dem Bus immer die gleichen Routen fahren, die Navas bekannt vorkommen. Aufgewachsen ist er in Los Palacios, einer Kleinstadt im Süden Sevillas. Dies ist der einzige Ort, an dem sich Jesus Navas wirklich wohlfühlt.

Dort lebt seine Familie, dort leben seine Freunde. Beides braucht er, um glücklich zu sein – und wichtiger noch: um seinem Beruf nachkommen zu können. Deshalb spielt Jesus Navas auch für den FC Sevilla und nicht für Real Madrid oder den FC Barcelona. Angebote, vor allem von Real, gab und gibt es noch immer. Navas, der sportlich zu den besten Spielern der Primera Division gehört, lehnte sie bisher alle ab. „Jesus hat alles, um ein ganz Großer zu werden“, sagt Andreas Hinkel, der zwei Jahre lang mit Navas zusammen beim FC Sevilla gespielt hat. Für einen Wechsel zu einem größeren Klub stand ihm bisher immer sein Heimweh im Weg. Navas ist durch und durch Familienmensch, wohl auch weil der 23-Jährige und seine Familie zu den Kalé gehören, einer spanischen Roma-Gruppe, in der Familienbande noch mehr zählen als ohnehin schon in Spanien. Daher überrascht es auch nicht, dass Jesus Navas trotz Millionengage immer noch bei seinen Eltern wohnt.

Jesus Navas kam lange nicht aus diesem Mikrokosmos heraus. Einladungen zur spanischen Nationalmannschaft lehnte er stets ab. Zu gegenwärtig war die Erinnerung daran, wie er vor fünf Jahren aus dem Trainingslager einer Jugendnationalmannschaft floh, weil er es nicht mehr aushielt, weit weg von zu Hause zu sein. Erst Jahre später begriff Jesus Navas, dass er Hilfe benötigt. Er sprach mit seiner Familie, suchte den Rat von Psychologen und verkündete im November des vergangenen Jahres endlich: „Ich glaube, dass ich jetzt weit genug bin, den Schritt zur Nationalmannschaft zu machen.“ Nationaltrainer Vicente del Bosque zögerte keine Minute und berief Navas in das Angebot der Spanier gegen Argentinien. Als der Mann aus Sevilla nach gut einer Stunde ins Spiel kam, erhoben sich alle Fans in Madrid von ihren Plätzen.

Seitdem ist der nur 60 Kilogramm leichte Angreifer ein fester Bestandteil der spanischen Elf. Das Trainingslager in Schruns war nun für Navas auch so etwas wie die Generalprobe für den Ernstfall. Zwar weilte er mit der Nationalmannschaft bereits im Frühjahr für eine kurze Zeit in Frankreich, so lange wie bisher war er aber noch nie von seiner Heimat entfernt. Mit dem FC Sevilla kam er bisher nie in die Bredouille eines Trainingslagers. Der Verein tut alles, um es seinem besten Spieler recht zu machen. Die Verantwortlichen buchen die Trainingslager in der Nähe, so dass Navas immer nach Hause fahren kann. Das ist nun in Österreich nicht mehr möglich, doch Jesus Navas scheint das nichts auszumachen. „Ich genieße es, hier zu sein“, sagte er während des Trainingslagers und lobte gleichzeitig seine neuen Mitspieler: „Es ist großartig, wie sie mir helfen“.

Wie wohl er sich fühlt, zeigte Navas am Donnerstag im Testspiel gegen WM-Teilnehmer Südkorea. Kurz vor Spielschluss erzielte er ein Traumtor zum 1:0-Sieg der Spanier und sagte den Medien nach Spielschluss. „Dieses Tor ist der Beweis, dass ich mich gut in der Mannschaft fühle“.

Gut gefühlt hatte er sich auch schon während der gesamten Zeit in Schruns, denn Jesus Navas konnte außerhalb des Platzes problemlos jenes zurückgezogene Leben führen, das er auch in Los Palacios lebt. Das Interesse der österreichischen Fans galt nämlich ausnahmslos seinem Sturmkollegen Fernando Torres.

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