Geständnis eines Werder-Fans : Bundesliga vor Beerdigung

Fahnen im Blickfeld, Bierduschen und Tränen. Wie es ist, wenn das Leben nur noch um Fußball, Fußball, Fußball und Werder kreist, erzählt eine junge Anhängerin aus der Ostkurve in Bremen.

Friederike Klaedtke
Wo das Feuer brennt. In der Kurve, da litt unsere Autorin mit.
Wo das Feuer brennt. In der Kurve, da litt unsere Autorin mit.Foto: Klaedtke

Der Song hämmert noch in meinem Kopf. Obwohl die Musik längst aus ist. „And after all you’re my wonderwall“. Oasis. Noch ein kurzer Blick über die Schulter, auf das Ungetüm aus Graubeton und blauen Photovoltaikanlagen und dann war es das. Auf dem Vorplatz des Weserstadions sieht man noch die Spuren des vergangenen Spiels, letzte Gestalten in Grün und Weiß huschen vorbei. Und ich gehöre zu ihnen. Seit vier Jahren.

Vier Jahre. 2012. Werder Bremen war in den Abstiegskampf der Liga gerutscht und ich stand mit knapp 15 Jahren das erste Mal in der Ostkurve. Ich war zuvor schon einige Male im Weserstadion, hatte Spiele gegen den AC Mailand oder den HSV gesehen, doch gepackt hatte mich der Verein nie. Da jedoch der Fußballklub, den ich gut fand, über 700 Kilometer weiter im Süden angesiedelt ist, musste ich mich als Bremerin damit begnügen, was vor meiner Haustür lag: das Weserstadion und der SV Werder. Vielleicht war es Schicksal, denn an meinem ersten Abend in der Kurve lieferte Werder die perfekte Dramaturgie ab. Ein Last-Minute-Freistoßtor zum Sieg, direkt vor der Ostkurve. Und die Kurve kochte. Es war um mich geschehen. Ich kochte mit, wollte das unbedingt wieder erleben.

Und so folgte ein Spiel auf das andere, bei dem ich in der Kurve stand – erst als neutrale Beobachterin, bis irgendwann die ersten schüchternen Gesangsversuche folgten. Und dann kam im Februar 2014 das Spiel gegen Borussia Mönchengladbach. Werder lag 0:1 hinten und eine erneute Niederlage hätte das Abrutschen in den Bundesliga-Abstiegskampf bedeutet, aber es gab da ja noch die 88. Minute und einen von Ludovic Obraniak getretenen Freistoß, der im Gladbacher Tor landete. Und ich, die, die immer noch behauptete, sie gehe nur zu Werder, um Fußball im Stadion zu erleben, stand in der „Ost“ und weinte vor Freude.

Die Gehirnerschütterung tat meiner Euphorie keinen Abbruch

Ab da spielte Werder eine tragende Rolle in meinem Leben. Jeder Heimspieltag war Pflicht, auch unter der Woche. Und irgendwann wollte ich ein „richtiger“ Fan sein und meine Mannschaft auch auswärts unterstützen. Ich kann mich genau an die erste Fahrt erinnern. Es war Sommer, erster Spieltag und es ging nach Berlin. Morgens mit dem Zug hin, abends zügig nach dem Spiel zurück. Die Gästekurve im Olympiastadion war voll und viele der mitgereisten Fans ebenso. Das Spiel lief in der ersten Halbzeit komplett gegen uns. Hertha hatte Werder voll im Griff und die Hoffnungen auf einen Punktgewinn waren bei fast allen Werder-Fans tief gesunken. Um so ekstatischer wurde der Ausgleichstreffer bejubelt. Bierduschen gehörten dazu, aber die Kante eines Hartplastikbechers mit voller Wucht an meinem Hinterkopf zu spüren, war dann doch schon etwas Ungewöhnliches. Mir wurde schlecht und schwindlig, aber das Spiel war noch nicht zu Ende und so hüpfte ich weiter mit dröhnendem Kopf und beklatschte am Ende die Jungs unten auf dem Platz, die doch noch einen Punkt mit an die Weser nahmen. Und ich nahm, wie sich im Nachhinein herausstellte, eine Gehirnerschütterung mit aus Berlin.

Doch die Verletzung tat meiner Euphorie für Werder keinen Abbruch. Sie war mehr eine kleine Trophäe, eine gute Geschichte, die ich vor allem denjenigen erzählen konnte, die an meiner Fußballkompetenz und meinem Fansein zweifelten. Man gehört als Frau immer noch der Minderheit in der Kurve an. Und dies machte sich auch, bei Heim- und besonders bei Auswärtsspielen bemerkbar. Ab und zu wurde ich argwöhnisch beäugt. Dinge, wie den Arm um die Schulter des Nebenmannes zu legen beim Fanchor wurde bei mir nur vorsichtig nach Nachfrage getan oder dann lieber ganz gelassen.

Während einer Trauung hing ich am Smartphone

Negative Erfahrungen als Frau habe ich aber nicht gemacht. Dafür lebte ich nun mit einer Sucht. Ich war in einer Blase, alles drehte sich nur noch um Fußball. Wann sind die Spiele? Bekomme ich von Werder eine Karte zugeteilt und wenn nicht, wo bekomme ich sonst die Karte her? Wie komme ich am günstigsten zum Auswärtsspiel? Meine Wochenenden waren reserviert für den Fußball genauso wie mein Taschengeld. Jeder Termin, der damit kollidierte, wurde dem Spieltag angepasst. So kam ich später zu Geburtstagsfeiern, da ich vorher noch beim Auswärtsspiel in Hannover war, hing während einer Trauung am Smartphone, um den Liveticker zum Spiel zu verfolgen und kam an einen Punkt, an dem ich mich zwischen einer Beerdigung und dem richtungsweisenden Spiel der Saison gegen Borussia Dortmund entscheiden musste. Ich entschied mich für Werder.

Spätestens ab diesem Moment war Werder keine Freizeitaktivität mehr sondern Lebensinhalt. Die Blase wurde immer größer und umschloss mich immer mehr. Ich war in ihr gefangen, bis sie nach dem großen Abstiegsendspiel gegen Frankfurt am letzten Spieltag zerplatzte. Werder hatte gewonnen, die Klasse gehalten und mich überkam Erleichterung. Auch weil endlich Sommerpause war und mir dadurch ein paar Monate Abstand zu Werder garantiert waren.

Auf einmal war da kein großes Feuer mehr, mein Interesse an den ersten Spielen der neuen Saison erfolgte mehr aus einem Pflichtgefühl heraus. Und dieses treibt mich auch jetzt im Winter der diesjährigen Bundesligasaison in die Kurve. Dort ist es wie immer. Die grün-weißen Fahnen der Ultras im Blickfeld, die Finger gekreuzt, warte ich auf den Anpfiff und mich überkommt langsam wieder dieses grün-weiße Feuer, das schon mal in mir brannte.

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