Sport : Hamburg, seine Perle

Der Gladbacher Max Kruse unterstreicht mit zwei Toren gegen den HSV seinen Wert als falscher Neuner.

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Jubel zu Hause. Kruse mag den HSV. Foto: dpa
Jubel zu Hause. Kruse mag den HSV. Foto: dpaFoto: dpa

Hamburg - Wie feiert man nun ein Tor in der Heimat, wenn man es gegen die Heimat schießt? Die Political Correctness im Profifußball des dritten Jahrtausends verbietet bekanntlich jeglichen Jubel gegen frühere Liebschaften (wahrscheinlich wirkte Felix Magath deshalb so oft so verkniffen, weil er ja fast immer gegen ehemalige Arbeitgeber spielte). Und Max Kruse? Dreht erst einmal verhalten ab, mehrfach drückt er die Arme nach unten und senkt den Blick, bis ihm nach ein paar Sekunden auffällt, dass er in Richtung Gladbacher Fankurve läuft, was den Entscheidungsprozess doch sehr erleichtert. Also stößt Kruse die Faust in die Luft und winkt und traut sich dann doch ein bisschen zu jubeln über dieses Tor, das erste von zweien zum 2:0-Sieg für Borussia Mönchengladbach beim Hamburger SV.

„Es ist immer sehr schön hier“, hat Max Kruse später erzählt und dass das mit seiner persönlichen Serie gern so weitergehen dürfe. Schon mit St. Pauli und Freiburg hat er beim HSV gewonnen. Bei seinem HSV.

Max Kruse ist in Reinbek aufgewachsen, früher öfter mit der S-Bahn die 40 Minuten nach Stellingen gefahren, um im Volkspark dem großen HSV zuzuschauen. Vor Gastspielen in Hamburg darf er sich regelmäßig die Geschichte anhören, dass der kleine Max früher in der Bettwäsche seines Lieblingsklubs schlief. Die Zuneigung war einseitig, denn der große HSV hat Max Kruse nicht gewollt. Im Rückblick ist das so überraschend nicht, denn der heutige Nationalstürmer war ein Spätzünder. Noch mit 17 hat Kruse für den mäßig ambitionierten SC Vier- und Marschlande gespielt. Bei Werder Bremen reichte es zu einem einzigen Bundesligaspiel, später stieg er mit St. Pauli auf und wieder ab und arbeitete an seinem Image als technisch begabter, aber zur Faulheit neigender Mittelfeldspieler.

Es war der Freiburger Trainer Christian Streich, der Kruse ein Stück weiter nach vorn platzierte. Als zurückgezogenen Stürmer, der sich gern aus der Etappe anschleicht und die Gewohnheitstiere aus der Innenverteidigung ärgert. Mit seiner Technik, Schussstärke und seinem Instinkt ist Kruse eine Idealbesetzung als falsche Neun, die taktische Neuerfindung eines Stürmers, der eigentlich keiner ist.

Vor allem wegen Kruses elf Toren war der SC Freiburg die Überraschungsmannschaft der vergangenen Saison, in elf Spielen für Gladbach sind schon sieben Tore zusammengekommen. „Ein Super-Transfer“, sagt der Gladbacher Trainer Lucien Favre, womit er Kruse schon ein wenig überrascht, „denn eigentlich findet der Trainer immer etwas zum Kritisieren“.

Am Samstag, beim ersten Gladbacher Auswärtssieg dieser Saison, war sehr gut zu sehen, was die Offensivbegabung Kruse auszeichnet. Instinktstürmer spüren schnell jede Unsicherheit, und als der Hamburger Verteidiger Lasse Sobiech sich da umständlich drehte und den Ball zurück auf seinen Torhüter René Adler spielen wollte, war Kruse längst in den verführerisch freien Raum gelaufen. Den Rest erledigte er mit dem rechten Fuß genauso brillant, wie er später mit links das 2:0 schoss, abermals nach einem Fehler von Sobiech. Auch dieses Tor entsprang keiner richtigen Torchance, es war das Ergebnis von frühem Pressing, veredelt durch ein großartiges Dribbling und eine Sicherheit im Abschluss, wie sie auch Lukas Podolski auszeichnet. Aber der kann nicht so gut Fußball spielen.

Bundestrainer Joachim Löw hat Kruse im Mai als 25-jährige Spätentdeckung zum Nationalspieler gemacht, er rühmt dessen Variabilität und Ballsicherheit, „ich bin sehr froh, dass ich so einen Spielertyp habe“. Vor ein paar Wochen machte Kruse gegen die Färöer sein erstes Pflichtländerspiel, mit einiger Sicherheit wird er auch bei den kommenden Tests in Italien und England dabei sein. Davor steht noch ein Bundesligaspiel gegen den 1. FC Nürnberg. Die Vorbereitung darauf hat Kruse ungewohnt entspannt angehen dürfen. Er fehlte am Sonntagvormittag beim Auslaufen, und das auf höchsttrainerliche Anweisung. Lucien Favre feierte am Samstag nicht nur ein 2:0 beim HSV, sondern auch seinen 56. Geburtstag. Und gewährte Max Kruse in einem Anfall von früher Altersmilde einen freien Abend in der Heimat. Sven Goldmann

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