Sport : Ja, es funktioniert!

Marcell Jansen ist genesen und damit eine Ausnahme

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Marcell Jansen hat sich einen Stuhl auf der sonnigen Terrasse des Mannschaftshotels zurechtgeschoben und wischt sich den Schweiß von der Haut. Auf dem linken Arm trägt er ein großes Tattoo, „Scorpion“ steht darauf, sein Sternzeichen, darunter die Initialen seiner Eltern.

Viel sehen wird man davon nicht im bitterkalten Südafrika, das wird dem 24-jährigen Jansen so langsam auch klar in der Hitze von Südtirol, wo sich die deutsche Nationalmannschaft auf die Fußball-WM vorbereitet. Hoffentlich haben die in Johannesburg eine Rasenheizung, sagt Jansen etwas unsicher und blinzelt lächelnd in die Sonne. „Notfalls packe ich nicht nur eine warme Mütze ein“, sagt er, „sondern auch lange Stollen für den Winter.“

Dass sich der blonde Mittelfeldspieler vom Hamburger SV überhaupt damit beschäftigt, was er so alles in seinen Koffer packen muss, den er am Sonntagabend auf dem Flughafen Frankfurt am Main einchecken wird, war bis eben gar nicht klar. Jansen war im März das Syndesmoseband gerissen, die Ballack-Verletzung. Trotzdem nominierte ihn Löw in den vorläufigen WM-Kader und nahm ihn mit in die WM-Trainingslager auf Sizilien und jetzt nach Südtirol. Und, tut’s noch weh, Herr Jansen? Von nun an überschlägt sich fast seine Stimme. „Ich bin hier im Vollgastraining, mit Zweikämpfen und Feuer, aber ganz ohne Schmerzen, alles super.“

Gut, zwei Trainingstage stünden noch an am Waldrand von Eppan, und erst am Dienstag, 24 Uhr, weiß Jansen, ob er nicht doch von seinem Vorgesetzten aus dem WM-Kader gestrichen wurde. Aber, meint Jansen in seinem rheinischen Singsang, „heute war der Tag, an dem ich beruhigt sagen kann: Ja, es funktioniert! Das stimmt mich wirklich euphorisch. Ich gehe davon aus, dass ich am Sonntag im Flieger sitze.“ Ist das nicht herrlich?

Schön waren die Nachrichten der vergangenen Tage ja nicht im WM-Quartier am Lammweg 22 nach den Verletzungen von Träsch und Westermann, und der von Ballack sowieso. Und wenn man so will, kam am Dienstag noch ein weiterer Ausfall hinzu. Eigentlich wollte Kanzlerin Angela Merkel mit einem Helikopter ins DFB-Quartier über die Berge fliegen, doch die hatte gestern bekanntlich andere Sorgen, als mit den Fußballern beim Abendessen zu plaudern.

Ein bisschen dürfte auch einer wie Jansen von den Verletzungen der Kollegen profitieren. Er war selbst Rekonvaleszent, ein Wackelkandidat, aber er hat nun mal ein Turnier gespielt, war bei der EM 2008 dabei und ist mit 31 Länderspielen nicht ganz unerfahren. Ein Ansprechpartner für die jungen Neuen könne er sein. „Ich muss keine Machtposition einnehmen“, sagt er zwar, aber „ich werde älter, kann auch Tipps geben und positiv dazwischenhauen“. Und auf der linken Seite ist er eine Alternative, um Gedankenspielchen in der Zentrale zu ermöglichen.

Als Heiko Westermann aus dem Bozener Krankenhaus kam und mit Gips im Hotelflur stand, „war das ein Schock für uns alle“, sagt Jansen. „Wir haben aber keine Zeit, um zu trauern. Wir dürfen da nichts Negatives rausziehen.“ Es seien halt „dämliche Verletzungen“ gewesen. „Der eine rutscht aus, der andere bekommt den Schlag mit in der allerletzten Minute.“ Um es kurz zu machen: „Die Verletzungen sind scheiße, wenn ich das mal so sagen darf, aber nicht zu ändern.“

Marcell Jansen will positiv denken, dies hat der Rheinländer immer ausgestrahlt am Lammweg 22. Allein die Arbeit mit den Kollegen sei eine große Wohltat, meint er, „ich hätte ja ohne Team trainieren müssen, ohne Flair, ohne Ziel. Ich hätte mich im Urlaub abstrampeln müssen“. Jetzt will er den Flieger nach Südafrika besteigen. „Der Urlaub nach der WM ist für meinen Kopf.“ Muss ja nicht in der Kälte sein.

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