Keine Abwehrmacht mehr? : Alba Berlin sucht eine neue defensive Identität

In den Vorjahren definierte sich Alba Berlin unter Sasa Obradovic vor allem über die Defensive. Mit dem Stil des neuen Coaches Ahmet Caki fremdelt das Team noch.

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Unsicherheitsabstand. Die Berliner Basketballer lassen ihren Gegenspielern oft noch zu viel Platz, wie hier Niels Giffey (links) dem Ulmer Taylor Braun.
Unsicherheitsabstand. Die Berliner Basketballer lassen ihren Gegenspielern oft noch zu viel Platz, wie hier Niels Giffey (links)...Foto: dpa

Bevor Ahmet Caki Alba Berlins erste Saisonniederlage analysieren konnte, musste sich der Coach erstmal bedanken, bei seinem Kollegen Thorsten Leibenath, „dafür, dass er so gute Dinge über uns sagt“. Der Ulmer Trainer hatte gerade 98:94 in Berlin gewonnen, aber danach Alba gelobt: „Starke Mannschaft, toller Coach, tolle Spielweise.“ Dabei hatte sein Team dieser tollen Mannschaft gerade fast 100 Punkte eingeschenkt, davon 58 allein in der ersten Halbzeit.

Der erste Härtetest der Saison gegen den Vizemeister hat einige Defizite bei der neuen Alba-Truppe zutage gefördert. „Ulm kam für uns zwei, drei Wochen zu früh“, sagte Manager Marco Baldi, „die Ulmer sind eingespielt vom letzten Jahr und haben sich dazu verstärkt. Wir haben dagegen noch keine defensive Identität.“

Das überrascht, denn gerade über die Defensive definierte sich unter Sasa Obradovic jahrelang die Alba-Identität. Jetzt gab es im ersten Heimspiel gegen Bonn 89 Gegenpunkte, gegen Ulm 98. Ist Alba etwa keine Abwehrmacht mehr?

"Wir waren ein Defensive-First-Team. Nun spielen wir anders"

„Es sind zwei komplett unterschiedliche Basketball-Philosophien“, verglich Flügelverteidiger Akeem Vargas, einer der wenigen, die die Vorjahre erlebt haben, beide Coaches. „Wir waren die letzten Jahre ein Defense-First-Team. Nun spielen wir einen anderen Stil.“

Unter Ahmet Caki wird deutlich schneller gespielt, das erleichtert beiden Teams die Korbjagd. „Punkten scheint für uns kein Problem zu sein“, sagte Vargas. „Aber Punkte auf beiden Seiten sind das Zauberwort.“ Dabei sind einige Dinge gewollt, etwa dass große Verteidiger plötzlich kleine Gegenspieler übernehmen. „Aber danach fehlt oft die Hilfe vom Mitspieler“, hat Vargas beobachtet. „Wir brauchen Zeit, uns als Mannschaft zu finden.“ Wenn Angreifer schnell zum Korb ziehen oder der Ball die Seite wechselt, herrscht noch Desorientierung in der Defensive.
„Dabei will der Coach, dass wir verteidigen“, sagte Ismet Akpinar, der Gegenspieler Per Günther zu oft vorbeiziehen ließ. „Aber Sasa hat mehr Druck gemacht, auch akustisch.“ Caki bevorzugt eher die leisen Töne, Obradovic schrie seinen Unmut permanent in die Ohren der Spieler. „Manche Spieler brauchen das, andere nicht“, sagte Akpinar.

Fehlt ein Rebounder, die Bereitschaft oder Druck vom Coach?

Dass es an Bereitschaft fehlen könnte, sich zu quälen, könnte erklären, dass Alba zum zweiten Mal zur Halbzeit keinen einzigen Offensivrebound unter des Gegners Korb eroberte. Das ist oft ein Indikator für die Überwindung des inneren Schweinehundes. Oder fehlt da einfach ein Spezialist am Brett, wie Alba mit Brandon Ashley einer verloren gegangen ist? „Wir haben keinen geborenen Rebounder“, sagte Caki, „trotzdem müssen wir es besser machen.“

Baldi sieht eher Probleme beim Feintuning. „Rebound ist Mannschaftssache“, sagt der Geschäftsführer, „einige drehen schon ab, wenn der Ball in der Luft ist, weil wir zuletzt viele Punkte nach schnellen Gegenangriffen kassiert haben.“ Über unterschiedliche Philosophien der Coaches will Baldi gar nicht philosophieren. „Unsere Priorität war immer, Spiele zu gewinnen“, sagt er. Auch das klang in den Vorjahren anders bei Alba, da war eher von Einsatz und Defensive die Rede.

Einige Spieler müssen sich noch an die Härte der Liga gewöhnen, wie Point Guard Peyton Siva, der sich im dritten Einsatz zum zweiten Mal aus dem Spiel foulte. „Wir haben einfach eine junge Mannschaft, was will man machen“, sagt Spielmacher Engin Atsür, einer der Erfahrensten, und nimmt den stillen Herrn Caki in Schutz: „Schreien hilft da nicht immer.“ Immerhin, der Einsatz stimmte in der zweiten Hälfte, Alba holte 16 Punkte Rückstand fast auf. „Wir haben gut gekämpft“, lobte Atsür. Bis zum nächsten Spiel am Samstag gegen Frankfurt hat Alba Zeit, an der defensiven Identität und am neuen Stil zu arbeiten. Das Ulm-Spiel hat gezeigt, dass es doch noch ein weiter Weg ist zu einer tollen Mannschaft mit einer tollen Spielweise.

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