Nach 24 Jahren bei AS Rom : Mit Francesco Totti geht der achte König

Francesco Totti ist einer der größten Zehner in der Geschichte des italienischen Fußballs. In 24 Jahren hat er nicht einmal den Verein gewechselt – heute beendet er seine Karriere.

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Francesco I. Als sich der neue Papst den Namen Francesco gab, hängten viele Römer instinktiv ein „secondo“, der Zweite, dran. Foto: AFP
Francesco I. Als sich der neue Papst den Namen Francesco gab, hängten viele Römer instinktiv ein „secondo“, der Zweite, dran.Foto: AFP

Rom ist eine Stadt der Emotionen, der Tragödien, der großen Geschichten. In der Antike wurden sie im Kolosseum aufgeführt, Brot und Spiele für das Volk. Das Kolosseum der Neuzeit steht im Norden der Stadt, das Stadio Olimpico, eine Arena aus Stahl und Beton. Es ist die Bühne des wohl größten modernen Gladiators, das Reich des Francesco Totti. Und am Sonntag hat der achte König Roms seinen letzten großen Auftritt.

Die Stadt befindet sich im Ausnahmezustand. Es geht zwar nur um Fußball, aber was heißt schon nur. Für die eine Hälfte der Stadt, die gelb-rote, ist es das Ende einer Ära. Der beste Spieler, den die Associazione Sportiva Roma je hervorgebracht hat, verabschiedet sich. Nach 24 Jahren als Profi läuft der Capitano noch einmal im Olimpico auf. Eine letzte Show der ewigen Nummer 10, bevor das Trikot nicht mehr vergeben wird.

Für mehrere Generationen römischer Fans beginnt dann eine neue Zeitrechnung. Einen AS Rom ohne Totti kennen sie nicht. Als kleine Kinder jubelten sie ihm zu, dem Lausbuben mit den blonden Haaren, der 1993 mit 16 Jahren in der Serie A debütierte. Die Fußballfans bewunderten seine Schusstechnik und die genialen Hackentricks. Entziehen konnte sich Totti in Rom aber niemand. Dieses verschmitzte Lächeln, die durchdringenden blauen Augen und der prägnante römische Dialekt ließen ihn auch weit über den Sport hinaus zum bekanntesten Sohn der Hauptstadt werden. Als sich der neue Papst den Namen Francesco gab, hängten viele Römer instinktiv ein „secondo“, der Zweite, dran. Francesco I trägt das Trikot der Roma.

Aus dem jungen Talent mit dem grenzenlosen Selbstbewusstsein wurde ein Nationalspieler. Totti holte den italienischen Meistertitel nach fast 20 Jahren zurück. Es sollte der einzige Scudetto bleiben. Bei Real Madrid, das ihn jahrelang umwarb, hätte er mehr gewinnen können. Was wäre das für eine Mannschaft gewesen: Zidane, Ronaldo, Raul, Figo, Totti. Doch aus „Liebe und Faulheit“, wie er es einmal gewohnt selbstironisch ausdrückte, blieb er seiner Roma treu. „Eine Meisterschaft hier zählt so viel wie zehn anderswo.“

Rekord um Rekord

Mit den Jahren wurden die Haare erst länger, dann wieder kürzer, der Antritt langsamer, doch die Tore blieben atemberaubend. Mit Gewalt, per Freistoß, aus der Luft, mit der Hacke, und meist mit ganz viel Gefühl brach Totti Rekord um Rekord. In der ewigen Torschützenliste der Serie A liegt er mit 250 Toren auf Platz zwei.

Seine Spezialität war der Lupfer. „Mo je faccio er cucchiaio“, jetzt überliste ich ihn mit dem Lupfer, soll Totti im Halbfinale der Europameisterschaft 2000 gegen Holland in heftigem Romanesco gesagt haben. Kapitän Paolo Maldini erklärte ihn für verrückt. Doch Totti schritt langsam zum Elfmeterpunkt, ein kleiner Tritt unter den Ball, und schon flog Edwin van der Sar, dieser Gigant von einem Torhüter, in die linke Ecke, während der Ball langsam in der Mitte des Tores landete.

Auf dem Weg zurück zum Mittelkreis hatte Totti ein Lächeln auf den Lippen, das mehr als tausend Worte sagte. Es war eine Geste ohne jegliche Arroganz – ganz anders als bei Simone Zaza oder Graziano Pellè im Elfmeterschießen gegen Deutschland vor einem Jahr.

2006 wurde Totti mit Italien im Berliner Olympiastadion Weltmeister. Es war der Höhepunkt seiner Nationalmannschaftskarriere und gleichzeitig ihr Ende. Mit 30 Jahren wollte Totti nur noch für den AS Rom da sein.

Natürlich ging es auch bei Totti nicht immer nur um Fußball. Seine Hochzeit mit der TV-Moderatorin Ilary Blasi wurde im Fernsehen übertragen, er zierte Klatschzeitungen, und für viele Jahre nahm Totti den Platz der Polizei als Zielscheibe zahlreicher Witze ein. „Tottis Bibliothek ist abgebrannt. Sie enthielt zwei Bücher. Totti ist todtraurig: Das zweite hatte er noch gar nicht fertig ausgemalt.“

Sogar die Rivalen lieben ihn

Totti ist sicher kein Intellektueller. Das einzige Buch, das er in seinem Leben gelesen habe, sei „Der kleine Prinz“, sagte er vor Jahren einmal. Seine Reaktion auf die vielen Witze zeugte aber von wahrer Größe. Totti veröffentlichte sie gesammelt in Buchform und spendete den Gewinn an Unicef.

Auf dem Rasen fehlte ihm diese Souveränität manchmal. Die Spuckattacke gegen den Dänen Christian Poulsen bei der EM 2004, ein paar Tritte zu viel, all das wurde Totti verziehen. Denn es sind Spieler wie er, wegen denen die Menschen massenhaft ins Stadion gehen. Brot und Spiele, Tricks und Tore. Nach 24 Jahren ist damit nun Schluss. Zumindest bei seiner Roma. Der Verein will ihn zwangsverrenten und drängt ihn vom Rasen in das Büro, das bereits seit Jahren seinen Namen trägt, aber eher wie ein Museum aussieht. Einen Vertrag als Funktionär hat Totti schon vor Jahren unterschrieben.

Die Vereinsführung wird für ihr Verhalten heftig beschimpft. Einer Legende schreibt man nicht vor, wann sie ihre Karriere beenden soll. Selbst die Fans von Lokalrivale Lazio haben sich mit einem Plakat und einem offenen Brief an ihren „liebsten Feind“ gewandt. Eine öffentliche Respektsbekundung für einen Roma-Spieler, das ist eigentlich undenkbar, doch wenn es um Totti geht, herrscht in Italien Konsens: Einer der größten Zehner des italienischen Fußballs verdient mehr Respekt.

Der 40-Jährige hat sich am Donnerstag zum ersten Mal seit Wochen öffentlich geäußert. Der verletzte Stolz ist seinen Worten anzumerken. „Am Sonntag darf ich das Trikot der Roma zum letzten Mal anziehen“, schrieb Totti. „Meine Leidenschaft für den Fußball bleibt. Ab Montag bin ich bereit für eine neue Herausforderung.“ Bisher weiß niemand, wie es dann weitergeht. Angebote für eine Fortsetzung seiner Spielerkarriere gibt es genug – aus Italien, aus dem Nahen Osten, aus den USA. Vielleicht bezieht er nach der Sommerpause aber auch sein Managerbüro.

In seinem 618. und letzten Serie-A- Spiel wird Totti am Sonntag zu Beginn vermutlich wieder nur auf der Bank sitzen. Trainer Luciano Spalletti liegt der Kampf um Platz zwei näher als die Verabschiedung einer Vereinslegende. Sportlich ist das nachvollziehbar, traurig ist es trotzdem – für Francesco Totti, seine Fans und alle Fußball-Romantiker.

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