Nationalmannschaft : Mesut Özil: Der verhinderte Spielmacher

Der Mittelfeldspieler war für die EM als prägende Figur des deutschen Teams vorgesehen – doch seinem Spiel fehlt die Selbstverständlichkeit.

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Für Mesut Özil laufen die Dinge derzeit nicht nach Plan.
Für Mesut Özil laufen die Dinge derzeit nicht nach Plan.Foto: AFP/Stollarz

Mario Götze geriet unvermittelt in eine Rolle, die ihm gar nicht zustand. Der verhinderte Stürmer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft begab sich gerade von der Bank zurück aufs Feld, wo sich seine Kollegen zur Nachbesprechung einfanden, als Mesut Özil seinen Weg kreuzte. Dem verhinderten Spielmacher des deutschen Teams stand offensichtlich nicht der Sinn nach langen Reden, er wollte einfach nur weg. Götze konnte ihm noch einmal tröstend auf die Schulter klopfen, dann war Özil auch schon verschwunden. Wenn selbst der bemitleidenswerte Mario Götze sich nach diesem 0:0 gegen Polen zum Tröster für Mesut Özil berufen fühlt, sagt das eigentlich alles über dessen Zustand.

Mesut Özil, der Mittelfeldspieler mit dem feinen linken Fuß, sollte bei der Europameisterschaft in Frankreich so etwas wie das Gesicht der deutschen Mannschaft sein. In gewisser Weise ist er das auch – nur anders. Nach zwei Spielen hat das Team seine Leichtigkeit immer noch nicht gefunden, sein Talent nicht aufs Feld bringen können. Der Gesichtsausdruck ist gequält statt fröhlich. Und niemand leidet schöner als Mesut Özil, der von all den talentierten Fußballern die vielleicht talentiertesten Füße besitzt.

Auf Kritik reagiert er trotzig

Kurz vor Ende des Spiels gegen die Polen war Özil auf der linken Seite aussichtsreich angespielt worden, um ihn mehr Platz als gewohnt und damit viel Zeit. Özil schaute kurz auf, sah die Kollegen in der Mitte, flankte. Doch der Ball geriet viel zu hoch, flog über sämtliche Mitspieler hinweg ins Nichts. Özils Gesichtszüge entglitten. Er hüpfte zwei Mal auf und ab wie ein enttäuschtes Kind. Es war ein Bild des Jammers.

Es wird immer offensichtlicher, dass Özils Spiel bei der EM die Selbstverständlichkeit fehlt. Die Pässe gerieten zu kurz, zu lang, zu hart, zu weich, zu schnell, zu langsam, immer zu irgendwas. „Die letzte Aktion, der letzte Pass war nicht gut“, klagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem 0:0 ganz allgemein. Aber der letzte Pass, die letzte Aktion – das ist eigentlich Özils Ding. Im Auftaktspiel gegen die Ukraine hatte er immerhin noch das finale 2:0 von Bastian Schweinsteiger vorbereitet. „Welche Kommentare die Leute abgeben, positiv oder negativ, interessiert mich nicht“, sagte Özil anschließend trotzig. „Für mich zählt einzig das, was der Trainer will. Ich genieße sein Vertrauen und habe eine gute Leistung gebracht.“ Nach dem Spiel gegen die Polen sagte er dann lieber gar nichts mehr.

Natürlich ist es unfair, alles auf ihn abzuladen. Auch die anderen Offensivspieler waren nicht gut, Thomas Müller sogar noch ein bisschen schlechter. Aber bei Özil fällt die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis bisher am eklatantesten auf. Julian Draxler hat sich in dieser Woche als „Riesen-Fan von Mesuts Spiel“ geoutet. Benedikt Höwedes, der ihn schon seit der A-Jugend kennt, findet: „Er ist zu einem der Top-Zehner geworden, die wir auf der Welt haben.“ Und der Bundestrainer gilt erst recht als Anhänger seines Spiels; es kommt nicht von ungefähr, dass Özil in nunmehr 21 Turnierspielen hintereinander auf dem Platz stand – so oft wie kein anderer. „Er hat Fähigkeiten wie kaum ein anderer Spieler auf dieser Position“, sagt Löw.

Er sei reifer und gelassener geworden, hieß es vor dem Turnier

Vor Turnierbeginn sind viele hoffnungsvolle Geschichten über den neuen Mesut Özil erschienen. Er sei ein Mann geworden, hat der „Kicker“ über ihn geschrieben, gewachsen an den Auslandserfahrungen bei Real Madrid und beim FC Arsenal. In der Tat erlebte man ihn in der Vorbereitung aufgeräumt wie selten, entschlossen wie vielleicht noch nie. Özil war im Reinen mit sich und seinem Spiel. Bei Arsenal hatte er 19 Tore vorbereitet, so viele wie kein anderer Spieler in der Premier League. Und genau das ist seine Art des Fußballs: andere in Szene zu setzen. Es ist aber auch genau die Art, die ihm jetzt wieder viel Kritik einbringt, weil er das Wesentliche aus den Augen verloren zu haben scheint.

Vor zwei Jahren bei der WM musste Özil auf der linken Seite spielen, er hat das klaglos getan, obwohl er von der Außenposition weniger Einfluss auf das große Ganze nehmen konnte. Als prägende Figur ist er nicht in Erinnerung geblieben. Wiederholt sich die Geschichte jetzt, obwohl der 27-Jährige diesmal auf seiner Lieblingsposition im Zentrum ran darf? Sorgen mache er sich nicht, sagte Bundestrainer Löw nach dem Spiel gegen die Polen am Donnerstagabend. Özil sei, genau wie Thomas Müller, in der Lage, wichtige Akzente zu setzen, beide hätten überragende Qualitäten. „Sie sind vielleicht ein bisschen glücklos gewesen“, fand Löw. „Aber das wird sich ändern.“ Mesut Özil darf das ruhig als Aufforderung verstehen.

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