Sport : Ohne Biss am Barren

Marcel Nguyen sagt Start bei der Turn-WM ab.

Nase voll. Marcel Nguyen braucht eine Pause vom Turnen. Foto: dpa
Nase voll. Marcel Nguyen braucht eine Pause vom Turnen. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Acht Stunden Training täglich. Marcel Nguyen hat derzeit Probleme, sich jedes Mal so lange in der Halle zu schinden. Die geplanten Übungen laufen noch nicht perfekt, ständig fehlt es etwas. Woran es liegt, weiß Nguyen manchmal selbst nicht so recht, nur eben, dass längst nicht alles so läuft, wie er es gern hätte. Nun zog der Turner Konsequenzen: An den Weltmeisterschaften in Antwerpen vom 30. September bis 6. Oktober wird er nicht teilnehmen.

Die letzte Entscheidung sei vor gut einer Woche beim Trainingslager in Italien gefallen. „Dort habe ich festgestellt, dass ich nicht an jene Leistungen herankomme, die ich mir selbst für die Weltmeisterschaft gewünscht habe“, sagte Nguyen.

Sein Kollege und Rivale Fabian Hambüchen äußerte sowohl Bedauern als auch Verständnis: „Das ist schade, denn Marcel hätte bestimmt gute Chancen gehabt. Aber natürlich ist es wichtiger, dass er uns im kommenden Jahr zur Verfügung steht, wenn es bei der WM wieder einen Teamwettkampf gibt.“

Nach seinen olympischen Silbermedaillen im Mehrkampf und am Barren hatte Nguyen keine Weltcup-Station ausgelassen und durfte sich mit einem Rekordpreisgeld von 62 000 als erster deutscher Gesamt-Sieger im Mehrkampf feiern lassen. Doch die Wettkämpfe schlauchten den 25 Jahre alten Sportsoldaten genau so sehr wie die unzähligen TV- und Sponsoren-Termine, teils auch in Asien, die er sichtlich genoss. Marcel Van Minh Phuc Long Nguyen ist Sohn eines Vietnamesen und einer Deutschen.

„Natürlich haben auch die Sponsoren ihr Recht gefordert, das muss man akzeptieren. Lieber jetzt, als später“, sagte sein Trainer in der Heimat, Waleri Belenki, der ebenso wie Chefcoach Andreas Hirsch von Nguyen in seine Entscheidung einbezogen worden war.

Dass in Antwerpen kein Team-Wettbewerb ausgetragen wird, erleichterte Nguyen die Entscheidung. „Ich bin ein absoluter Team-Player: Für mich ist eine Team-Medaille wichtiger als eine Einzelplakette. Ich wusste, wenn ich nun den WM-Start absage, schade ich nicht der Mannschaft. Mein großes Fernziel sind die Olympischen Spiele 2016. Ich muss einfach jetzt schon die Grundlagen legen, um dann in Brasilien erfolgreich zu sein. Dazu gehört auch der kontinuierliche Aufbau von neuen Übungen und auch eine gewisse Erholungsphase“, sagte Nguyen.

Wie schwer die Absage die Verantwortlichen traf, verdeutlichte DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam. „Seine Motivation spielte eine wichtige Rolle. Er hatte zuletzt vielleicht nicht den notwendigen Biss, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen“, sagte Willam und bestätigte, dass es dem Turner in den vergangenen Wochen auch an der nötigen Intensität im Training gefehlt habe. „Wir bedauern seinen Entschluss sehr, denn unser sportlicher Schwerpunkt liegt auf den internationalen Meisterschaften, und wir wollen dort stets mit den besten Athleten antreten. Aber auch mit Blick auf die Olympischen Spiele akzeptieren wir in diesem speziellen Fall die Entscheidung und den von ihm eingeschlagenen Weg“, sagte der Sportdirektor.

„Diese Situation ist für mich wenig prickelnd“, sagte Cheftrainer Andreas Hirsch. „Wir wollten ihn zur WM bringen, aber unsere Argumente haben nicht gefruchtet. Schließlich können wir ihn nicht dorthin tragen“, sagte Hirsch und räumte ein, dass es für Nguyen als zurückhaltenden Typ schwer war, alle Termine koordiniert zu bekommen. „Es war sicher ein Stück weit zu viel.“ Dennoch zeigte Hirsch Verständnis. „Wenn wir ihn voll motiviert und mit neuem Biss für das Jahr 2014 zurückkriegen, hat er alles richtig gemacht.“ dpa

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