Radprofi Stefan Schumacher im Interview : "Ich hatte kein Unrechtsbewusstsein"

Radprofi Stefan Schumacher stand 2013 als erster aktiver deutscher Sportler wegen Dopings vor Gericht. Hier spricht der 32-Jährige über Lügen im Radsport und Selbstreinigung.

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Stefan Schumacher, 32, wurde wegen eines positiven Dopingtests auf das Blutdopingmittel Cera bei der Tour de France 2008 für zwei Jahre gesperrt. Erst im März 2013 gab Schumacher aber jahrelanges Doping zu und erklärte, sein damaliges Team Gerolsteiner und auch Teamchef Hans-Michael Holczer hätten davon gewusst. Im Prozess mit Holczer wurde Schumacher vom Vorwurf, sein Gehalt mittels Doping betrügerisch erschlichen zu haben, freigesprochen. Das Gericht kam zu der Erkenntnis, bei Gerolsteiner habe ein „eher freundliches“ Dopingklima geherrscht. Derzeit fährt Schumacher für das dänische Team Christina Watches-Onfone.
Stefan Schumacher, 32, wurde wegen eines positiven Dopingtests auf das Blutdopingmittel Cera bei der Tour de France 2008 für zwei...Foto: Imago

Herr Schumacher, Sie haben in diesem Jahr deutsche Sportgeschichte geschrieben. Als erster Profisportler standen Sie in einem Strafprozess wegen Betrugs durch Doping vor Gericht. Wie hat das halbe Jahr, das schließlich in einen Freispruch mündete, Sie verändert?

Der Prozess war für mich eine ungewollte Reise in die Vergangenheit. Drei Jahre nach dem Ende meiner sportrechtlichen Sperre wollte ich eigentlich nur noch in die Zukunft schauen und nicht auf der Anklagebank sitzen. Das hat mich schon sehr belastet. Aber der Prozess hatte zumindest das Gute, dass ich zuvor reinen Tisch gemacht habe. Das hätte ich schon viel früher tun sollen. Das Geständnis war eine große Erleichterung für mich und mein Umfeld.

Warum haben Sie dann nicht schon früher gestanden?

Ich hatte lange Zeit kein Unrechtsbewusstsein. Meiner damaligen Meinung nach hatte ich einfach nur meinen Job gemacht, so wie ich es gelernt hatte. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mir meine Fehler eingestehen konnte. Als es jetzt zu dem Verfahren kam, war mir aber klar, dass ich die vielleicht letzte Chance hatte, mit der Vergangenheit aufzuräumen.

Der Prozess zog sich über insgesamt 19 Verhandlungstage fast eine ganze Radsaison hinweg. Konnten Sie Ihren Beruf als Radfahrer da überhaupt noch richtig ausüben?

Ich habe den Stress am Anfang unterschätzt – aber das war in der Rückschau natürlich gut. Ich ging ja zunächst von acht Prozesstagen aus, eher weniger. Aber es wurden dann mehr als doppelt so viele, und es kam dann oft zu Situationen wie am Wochenende der deutschen Meisterschaften im Juni: Zeitfahren am Freitag, dann am Sonntag das Straßenrennen über 230 Kilometer – da sollte man am Montag eigentlich regenerieren. Ich habe mich aber schon morgens um sieben Uhr mit meinen Anwälten getroffen, um kurz nach neun war Verhandlung. Ein anderes Mal bin ich schon mit Reisegepäck ins Gericht, nach sechs Stunden Verhandlung mit dem Zug zum Flughafen nach Frankfurt und dann mit dem Flieger nach Peking zur „Tour of China“. Dort war dann am nächsten Tag der Prolog. Das sind schon Einschränkungen im Leben eines Profis, die nicht gerade förderlich für die Leistung sind.

Manche sahen in Ihrem Prozess einen Präzedenzfall in der Frage, ob Deutschland ein spezielles Anti-Doping-Strafrecht braucht oder ob das vorhandene Instrumentarium reicht. Was denken Sie?

Als ehemaliger Angeklagter bin ich wohl nicht die erste Instanz für so eine Frage. Aber man hat schon gesehen, dass sich die Richter sehr lange in die Materie des Profisports einarbeiten mussten. Spezialisten wären da wohl schneller gewesen. Mein Prozess brauchte fast fünf Jahre Vorbereitung und ging länger als ein halbes Jahr, in dem ich nur eingeschränkt meinen Beruf ausüben konnte – und das drei Jahre, nachdem ich meine sportliche Sperre abgesessen hatte. Das ist unzumutbar lang. Alles andere kann ich nicht beurteilen, ich bin kein Jurist.

Hatten Sie während des Prozesses Existenzängste?

Ich habe natürlich versucht, diese ganzen Gedanken wegzuschieben, aber so cool bin ich nicht. Ich wusste schon, dass mir bei einer Verurteilung im schlimmsten Fall eine Bewährungsstrafe gedroht hätte. Das stand im Raum, und das ist alles andere als angenehm. Und natürlich war da die Angst, bei einem Schuldspruch vor einem Berg an Regressforderungen und Anwaltskosten zu stehen, der mich hätte ruinieren können. Aber das ist ja jetzt zum Glück nicht so. Und das ist auch gerecht, weil die Radszene eben damals so war, wie sie war und ich deshalb meinen Arbeitgeber nicht betrogen haben kann.

Sind Sie jetzt unter den Kollegen der böse Bube, der das ungeschriebene Schweigegelübde gebrochen hat?

Ich glaube nicht, ich habe ja nur die Realitäten beschrieben. Es gibt immer Leute, denen das nicht gefällt, aber man kann es eben nicht allen recht machen. Es gab jedoch auch viele positive Reaktionen aus der Radsportszene.

Das Verfahren ist noch nicht ganz erledigt für Sie, der Staatsanwalt will die schriftliche Urteilsbegründung abwarten und dann eventuell in Revision gehen. Droht also eine Fortsetzung 2014?

Das sehe ich entspannt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass nach der aufwendigen Recherche des Gerichts grobe Fehler in der Urteilsbegründung sind – und nur das wäre ja ein Grund für eine Revision.

Im Prozess haben Sie sich hartnäckig geweigert, den Namen der Ärzte zu nennen, die Ihnen beim Doping und bei der Beschaffung der Mittel konkret geholfen haben. Hätte das nicht auch zu einem reinen Tisch gehört?

Beim Prozess waren immer viele Journalisten anwesend, und ich wollte weitere öffentliche Schlammschlachten vermeiden. Es sind zwei unterschiedliche Dinge, die Vergangenheit aufzuarbeiten oder jemanden an den Pranger zu stellen.

Sie haben im Frühjahr erklärt, dass Sie bereit wären, mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada zusammenzuarbeiten. Was ist da bis jetzt passiert?

Ich hatte bereits im Oktober ein ausführliches Gespräch mit der Nada, und es wird auch noch ein weiteres geben, voraussichtlich Anfang 2014.

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