Schmiergelder bei der Fifa : Jetzt ist es amtlich

Der Fußball-Weltverband räumt einen millionenschweren Korruptionsskandal ein. Jahrelang schwieg auch Fifa-Chef Blatter - nun gibt man zu, was nicht zu leugnen war. Ein Kommentar.

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Herr des Balls. Was wusste Joseph Blatter von den Schmiergeldzahlungen? Foto: Reuters Foto: REUTERS
Herr des Balls. Was wusste Joseph Blatter von den Schmiergeldzahlungen? Foto: ReutersFoto: REUTERS

Diese Nachricht ist eine Sensation: Die Fifa ist korrupt. Das musste der Fußball-Weltverband am Mittwochabend erstmals selbst zugeben. Nach nun veröffentlichten Dokumenten der Schweizer Ermittlungsbehörden (gegen deren Offenlegung die Fifa lange Zeit verbissen vorging) haben sich der einstige Fifa-Präsident Joao Havelange und sein früherer Schwiegersohn Ricardo Teixeira in den Neunzigerjahren von der mittlerweile insolventen Marketingfirma ISMM/ISL schmieren lassen. Allein an Teixeira, der zuletzt maßgeblich für die Vergabe der Fußball-WM 2014 an Brasilien verantwortlich zeichnete und erst kürzlich aus der Fifa-Exekutive ausgeschieden ist, sind mindestens zehn Millionen Euro geflossen.

Insgesamt sind vom Fifa-Vermarkter ISL Provisionen in Höhe von mehr als 100 Millionen Euro gezahlt worden; großzügig bedacht wurden dabei Funktionäre, welche im Namen des Fußballs und zum Nutzen ihrer Privatkonten die lukrativen Vermarktungsrechte der Fußball-Weltmeisterschaften vergaben. Die Fifa ist also korrupt – hat man das nicht schon immer ge-ahnt-wusst? Was soll an dieser Nachricht eine Sensation sein? Ganz einfach: Sie ist jetzt amtlich.

Die selbsternannten Herrscher der Fußballwelt haben nach Jahren der juristischen Feilscherei einräumen müssen, was nicht mehr zu leugnen war. Nun muss sich die Fifa fragen lassen, warum sie mehr als ein Jahrzehnt lang nicht zur eigenen Aufarbeitung fähig war. Nur deshalb konnte Teixeira noch die großen Deals vor der WM in Brasilien einfädeln (von denen er und seine Familie ebenfalls finanziell profitierten), nur deshalb ist Havelange immer noch Ehrenpräsident des hochherrschaftlich in Zürich residierenden Unternehmens, das offiziell als Fußballverband fungiert, steuersparend als Verein eingetragen ist, vor allem aber als Geldgewinnmaschine arbeitet.

Dieser Weltverband lebt in seiner ganz eigenen Welt. Das sieht man schon an der Replik von Fifa-Präsident Joseph Blatter am Donnerstag, in der indirekt zugab, von den Zahlungen gewusst, diese aber nicht für strafbar gehalten zu haben. Schließlich seien die Provisionen Ende der Neunzigerjahre sogar steuerlich absetzbar gewesen. „Man kann die Vergangenheit nicht mit den Maßstäben von heute messen“, meint Blatter. „Sonst endet man bei der Moraljustiz.“ Dass er mit diesem nonchalanten Abtun großflächiger Korruption die kleine Fifa-Welt retten kann, ist allerdings fraglich. Denn die Schweizer Behörden sprechen dem ganzen System die Glaubwürdigkeit ab – und zwar mit dem Satz: „Nicht infrage gestellt werden kann die Feststellung, dass die Fifa Kenntnis von Schmiergeldern an Personen ihrer Organe hatte.“

Die Fifa wusste alles. Und das Herrschaftswissen erstreckte sich bis hoch zu Blatter, wie dieser nun verdruckst zugibt. Warum ist Blatter (der gerne von Transparenz, Reformen und Moral spricht, um die Fifa doch noch reif zu reden für einen Friedensnobelpreis) nicht eingeschritten, warum hat er nicht wenigstens mal nachgefragt? Hat Blatter die Schmiergeldzahlungen geduldet, um seine Untertanen in der Exekutive zu befriedigen und später auch noch erpressen zu können? War nicht der Chef des pleitegegangenen Fifa-Vermarkters ISL, Jean-Marie Weber, ein langjähriger Freund und Geschäftspartner des absolutistischen Fußballregenten? Hat vielleicht sogar Blatter selbst...

Man kann das zu Ende denken oder nicht. Man kann es glauben, man kann es nicht glauben (es gibt auch Indizien, die dagegen sprechen). Eines aber steht glaubhaft fest, weil es endlich amtlich ist: Die Fifa ist korrupt.

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