Sport : Spiel mit dem Geld des Diktators

Im italienischen Fußball leben mehrere Vereine von Geschäften mit Libyen und dem Clan um Gaddafi – nun sind die Mittel gesperrt

Tom Mustroph[Mailand]

Das Spiel gegen den AC Mailand galt als letzte Bewährungsprobe von Luigi Delneri. Sollte Juventus verlieren, hätte niemand auch nur einen alten Lira-Schein auf den Verbleib des überfordert wirkenden Trainers in Turin gesetzt. Juve verlor tatsächlich nach einer fahrigen Vorstellung durch ein Tor von Gennaro Gattuso mit 0:1 im eigenen Stadion – doch Delneri bekam zum hellen Entsetzen vieler Tifosi von seinen Vorgesetzten grünes Licht bis über das Saisonende hinaus. „Delneri ist unsere Zukunft“, sagte Sportdirektor Giuseppe Marotta.

Delneris Verbleib überraschte nur jene, die eine dürre Mitteilung der italienischen Zentralbank übersehen hatten. Die verkündete, alle libyschen Gelder in Italien einfrieren zu wollen, um finanzielle Manipulationen des Clans um Diktator Muammar Gaddafi zu verhindern. Das hat direkte Auswirkungen auf Juventus. 7,5 Prozent der Juventus-Aktien sind im Besitz des libyschen Staatsfonds Lafico. Bei einem laut Börseninformationen notierten Wert von 194 Millionen Euro für die erste Mannschaft wären dies 14 bis 15 Millionen Euro. Sind Gelder in diesen Dimensionen nicht mehr flüssig, verzichtet man schon einmal auf einen vorzeitigen Trainerwechsel.

Gaddafis Gelder stecken auch bei der Konkurrenz. Die Großbank UniCredit, die derzeit den Verkauf des ihr durch Zahlungsschwierigkeiten der Familie Sensi zugefallenen AS Rom an US-Investoren organisiert, gehört ebenfalls zu etwa 7,5 Prozent libyschen Investoren. Im letzten August hatten Gaddafis Finanzmanager den Anteil von damals 4,9 Prozent erhöht und waren dadurch zum größten Einzelaktionär geworden. Dieses Manöver kostete den Italiener Alessandro Profumo den Vorstandssitz. HypoBank-Manager Dieter Rampl, nach Profumos Abgang der neue starke Mann bei UniCredit, hat angekündigt, die libyschen Stimmrechte auf fünf Prozent beschränken zu wollen. Wie mit den libyschen Anteilen generell verfahren werden soll, verrät die Bank aber nicht.

Auch Inter Mailands Eigner Massimo Moratti ist stark in Libyen engagiert. 40 Prozent des Erdöls, das sein Raffinerie-Unternehmen Saras verarbeitet, stammen aus dortigen Ölfeldern. Saras-Manager Dario Scaffardi verkündete vergangene Woche noch: „Libyens Ölexport ist nicht blockiert, sondern nur teilweise inaktiv. Wegen der Unruhen sind wenige Leute zur Arbeit erschienen.“ Das Unternehmen hat jetzt Ausweichlieferungen aus dem Kaukasus geordert. Stellungnahmen der Inter-Spieler, die sich in ihren Heimatländern gern karitativ betätigen – etwa der Argentinier Javier Zanetti oder der Kameruner Samuel Eto'o – sind hinsichtlich der Situation der Arbeiter, von deren Ausbeutung sie mit ihren Fußballergagen profitieren, noch nicht im Umlauf.

In italienischen Fankreisen sind derzeit die Schuldzuweisungen, welcher Verein sich am engsten mit Gaddafi einlässt, sehr beliebt. „Für die einen ist er Zulieferer, für die anderen sitzt er mit im Verein und den Dritten gilt er als einer, den man küsst“, fasste User Ye so Pazzo in einem Forum die Situation zusammen. Die Küsserei spielt auf die herzlichen Beziehungen zwischen Milan-Boss Silvio Berlusconi und dem strauchelnden Diktator an.

Den größten Einfluss auf den italienischen Fußball hatte der Gaddafi-Clan allerdings vor neun Jahren. Damals wurde nicht nur der italienische Supercup zwischen Juventus und dem AC Parma in Tripolis ausgetragen. Auch Gaddafis drittältester Sohn Al-Saadi erhoffte sich eine Karriere als Profifußballer. Die Gelder des Herrscherclans verschafften ihm ein Engagement beim AC Perugia. Al-Saadi wurde lediglich beim 1:0-Sieg gegen Juventus, wo die Gaddafis bereits Aktionäre waren, eingewechselt. Später zog er weiter zu Udinese Calcio (ein Spiel) und Sampdoria Genua (kein Einsatz).

Al-Saadis Auftreten war Folklore. Größere Turbulenzen könnten die libyschen Gelder in den Vereinen auslösen. Dieser Gefahr begegnen die Verantwortlichen derzeit mit einem modifizierten Catenaccio. Statt des Gegners sind die eigenen Zungen an die Kette gelegt.

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