Sport : Tagebuch eines Aussortierten

Der französische Ersatzspieler Vikash Dhorasoo hat die WM 2006 mit der Handkamera gefilmt – nun macht er Furore auf der Berlinale

Jens Mühling

Berlin - Glücklich sieht er nicht aus. Auf Krücken humpelt Vikash Dhorasoo ins Cinecafé am Potsdamer Platz. Ein schmaler Mann von 33 Jahren, dunkler Teint, südasiatische Gesichtszüge, gutaussehend auf die düstere Art. Wüsste man nicht, wer er ist, man würde ihn für einen Musiker halten mit seiner Indierock-Frisur und den engen Röhrenjeans, in die er sein kaputtes Bein gequält hat.

Da aber bei der Berlinale alle wissen, wer er ist, wird ihm immer wieder die gleiche Frage gestellt, die nach dem Bein: „Ja, es ist beim Spielen passiert“, sagt Dhorasoo mit einem Anflug von Frustration in der Stimme. Beim Probetraining mit dem Londoner Erstligisten Fulham hat er sich die Verletzung zugezogen, er spricht nicht gern darüber, verständlich, alles in allem ist es nicht der glücklichste Moment seiner Spielerkarriere. Erst das Zerwürfnis mit dem französischen Nationalteam, dann der Rausschmiss beim Pariser Verein PSG, jetzt die Ablehnung in Fulham. Und seit der Verletzung scheint auch bei den anderen internationalen Klubs das Interesse abgekühlt zu sein, die erst so eifrig angerufen hatten, weil er nach der Entlassung in Paris zur ablösefreien Verfügung stand.

Fred Poulet dagegen strahlt. Der Regisseur ist zur Berlinale angereist, um seinen Debütfilm „Substitute“ zu präsentieren, jenes dokumentarische Werk, das seinen Hauptdarsteller Vikash Dhorasoo in der französischen Fußballwelt zur Unperson gemacht hat – und zum Helden eines überschaubaren Akademikermilieus. Letzterem entstammt Poulet, man erkennt es am Habitus des französischen Intellektuellen, am weichen Dreitagebart und der filterlosen Zigarette im Mundwinkel, vor allem aber an Sätzen wie diesem: „Der Mannschaftssport ist eine Metapher für unsere Existenz in der Gesellschaft.“

Weil auch Dhorasoo für Sätze bekannt ist, die anderen Spielern schwer über die Lippen gehen, weil ihm in Frankreich der Ruf des Fußball-Intellektuellen vorauseilt, hatte der Regisseur ihn schon lange kennenlernen wollen. Vor vier Jahren vertraute er diesen Wunsch einem Pariser Kunstmagazin an, das zufällig Dhorasoo in die Hände fiel, der sich tatsächlich bei Poulet meldete. Die beiden sind Freunde geworden seitdem, man merkt es an der Art, wie sie sich im Gespräch grinsend die Bälle zuspielen.

Als vor einem Jahr feststand, dass Dhorasoo mit der französischen Nationalmannschaft zur WM fahren würde, hatte Poulet eine Idee. Er gab seinem Freund eine Super-8-Kamera und einen Stapel Vier-Minuten-Rollen mit auf den Weg und bat ihn, jeden Tag ein gefilmtes WM- Tagebuch aufzuzeichnen. Heimlich, im Hotelzimmer. „Mir gefiel die Idee“, sagt Dhorasoo lächelnd. So wie er überhaupt gerne lächelt, wenn er über die Zeit vor der WM spricht. Weil er damals noch Träume haben durfte. Träume, die sich später zerschlagen sollten.

Im Verlauf der WM hat Vikash Dhorasoo ganze 16 Minuten gespielt. Zehn in der Begegnung gegen die Schweiz, sechs gegen Südkorea, beides in der Vorrunde. Danach saß er bis zum Finale auf der Ersatzbank. Dhorasoo war so etwas wie der Oliver Kahn der Franzosen: ein Abservierter. In der Qualifikationsrunde hatte der Trainer ihm eröffnet, dass ein anderer das Mittelfeld schmeißen würde: der alte Meister Zinedine Zidane.

So wurde aus „Substitute“ das Tagebuch eines Enttäuschten. In verwackelten Super-8-Bildern sehen wir Dhorasoo unruhig durch deutsche Hotelzimmer streifen, wie ein sehniges Tier, das nicht weiß, wo es hin soll mit seiner Kraft. Und während Dhorasoo die Fäuste ballt und Frankreich ohne ihn von Sieg zu Sieg zieht, stellt er immer wieder die gleichen müßigen Rechnungen an, addiert Erfolg auf Erfolg, um diese rätselhafte Null unterm Strich zu begreifen: Er hat doch alles geschafft, war bei allen Qualifikationsspielen dabei, er ist einer von 23 Franzosen, die ihr Land bei der WM vertreten, einer von 46 Fußballern, die es ins verdammte Endspiel schaffen, ist das nichts?

Es ist nichts. Es ist das, was übrig bleibt, wenn man von einem Spieler das Spiel abzieht. Die Rechnung will und will nicht aufgehen für Vikash Dhorasoo, den zwölften Mann im Spiel, das vergessene Ass im Ärmel, den Bauern, der auf e2 versauert. „Es ist, als hätte ein Vater seinen Sohn zwei Jahre lang trainiert, um einen Berg zu besteigen“, sagt Dhorasoo an einer Stelle des Films. „Und wenn schließlich der Moment gekommen ist, den Berg zu besteigen, nimmt er den Sohn des Nachbarn. Ich wurde verraten.“

Viele in Frankreich haben Dhorasoo diese narzistische Seelenentblößung übel genommen. Frankreichs Nationaltrainer Raymond Domenech wollte den Film verbieten lassen; in Internetforen wurde Dhorasoo, der Verratene, zum Verräter erklärt. Sein Ego hätte er beiseitestellen sollen für das größere Wohl des Teams, hieß es, für das Wohl des Landes. Eingefordert wird da jene Legende vom selbstlosen Ersatzbänkler, wie sie zuletzt auch Sönke Wortmann in seinem Porträt Oliver Kahns pflegte. „Substitute“ aber ist kein Sommermärchen. Poulet hat aus Dhorasoos Monologen und eigenem, rund um die WM aufgenommenem Material eine gezielte Provokation montiert, eine Art filmischen Kopfstoß vor die Brust des großen Mythos vom selbstlosen Fußballer, der Zurückstellungen schweigend erträgt, wenn sie dem Erfolg der Mannschaft dienen.

„Fußball ist ein Sport, der sich traditionell dem Wort verweigert“, sagt Poulet. „Vikash hat das Wort ergriffen. Dafür wurde er bestraft.“ Seinen Abschied von der Nationalmannschaft reichte Dhorasoo noch selbst ein. Von seinem Pariser Verein aber wurde er im Oktober gefeuert – wegen „Zuwiderhandlungen gegen die Verpflichtung des Spielers zur Zurückhaltung, mangelnder Loyalität, Akten der Aufsässigkeit und des Ungehorsams sowie einer Attitüde permanenter Provokation“. Der letzte disziplinarische Rausschmiss eines Spielers liegt in Frankreich gut 30 Jahre zurück.

War es das wert? Dhorasoo muss keinen Moment überlegen: „Ja.“ Er sagt, dass er stolz auf den Film sei. Auch wenn er nun nicht wisse, wie es weitergeht.

Heute 22.45 Uhr im Arsenal, Montag 20 Uhr im Colosseum.

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