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Unser Blog zum Bundesliga-Wochenende : Borussia Mönchengladbach: Wunder in Serie

Außerdem in unserem Bundesliga-Blog: Der tierische Abstiegskampf, der HSV in Not, Ingolstadt steigt auf, Schalke 04 begnadigt Marco Höger

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Auf zu neuen Wundern. Die Gladbacher Kruse, Hahn, Xhaka und Raffael (von links) feiern den Einzug in die Champions League.
Auf zu neuen Wundern. Die Gladbacher Kruse, Hahn, Xhaka und Raffael (von links) feiern den Einzug in die Champions League.Foto: Imgao

16:00 Uhr: Zu Weihnachten lagen die Schalker nur wegen der schlechteren Tordifferenz hinter Borussia Mönchengladbach auf Platz vier der Tabelle. Und obwohl sie bisher die einzige Mannschaft sind, die in der Rückrunde gegen die Gladbacher gewinnen konnten (1:0, sogar ohne Eigentor des Gegners), ist der Abstand vor dem letzten Spieltag auf 18 Punkte angewachsen. Das Einzige, was man den Schalkern zugute halten kann: Auch auf alle anderen Bundesligisten haben die Gladbacher ihren Vorsprung seit dem Winter vergrößert. Schon vor dem Saisonfinale haben die Borussen den nicht-existenten Titel des Rückrundenmeisters sicher.

Die Erfolgsgeschichte der Gladbacher stellt sogar die der Augsburger noch in den Schatten - weil beide vor vier Jahren von ungefähr dem gleichen Niveau aus gestartet sind. Als der FCA den Aufstieg in die Bundesliga feiern konnte, hatten die Gladbacher gerade mit Mühe und Not in der Relegation (1:0 und 1:1 gegen den VfL Bochum) den Abstieg in die Zweite Liga verhindert. Dass sie damals überhaupt den Klassenerhalt geschafft haben, hat Trainer Lucien Favre, der die Mannschaft damals zu Beginn der Rückrunde in scheinbar aussichtsloser Lage übernommen hatte, als Wunder bezeichnet. Seitdem aber erlebt die Borussia gewissermaßen Wunder in Serie.

„Du kriegst keinen Pokal, du kriegst keinen Wimpel, trotzdem haben wir Großes geschaffen“, sagte Sportdirektor Max Eberl nach dem 2:0-Erfolg beim SV Werder Bremen, der den Borussen endgültig Platz drei und damit die erste Teilnahme an der Champions League gesichert hat. Für Eberl ist das „vergleichbar mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft“. Ein paar Zahlen belegen die besondere Leistung der Gladbacher. Mit Platz drei werden sie ihre beste Abschlussplatzierung seit 1987 feiern können. Aus dem letzten Saisonspiel zu Hause gegen Augsburg fehlt ihnen noch ein Punkt zur besten Rückrunde der Vereinsgeschichte. 66 Punkte sind schon jetzt die beste Ausbeute für die Borussia seit 1984. Damit wären sie 2001 sogar Meister geworden; 1996 und 1998 hätten die Gladbacher am letzten Spieltag zumindest noch die Chance auf den Titel gehabt. Und selbst bei den beiden letzten ihrer fünf Meisterschaften haben sie nicht so gut gepunktet wie in dieser Saison: 1976 und 1977 hat die Borussia (umgerechnet auf die Drei-Punkte-Regel) jeweils 61 Punkte geholt.

Zur allgemeinen Erfolgsgeschichte passt auch die Nachricht, dass die Gladbacher U 23 am vorletzten Spieltag die Meisterschaft in der Regionalliga West perfekt gemacht hat und Ende des Monats in den Play-offs gegen den Nordmeister um den Aufstieg in die Dritte Liga spielt. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen der großen und der kleinen Borussia: Während die Profis nach dieser Saison die beiden Nationalspieler Christoph Kramer (Leverkusen) und Max Kruse (Wolfsburg) an die Konkurrenz verlieren, hat Giuseppe Pisano, der beste Torschütze der U 23, seinen Vertrag bei der Borussia um zwei Jahre verlängert.

Schalke begnadigt Marco Höger

14:55 Uhr: Das Anti-Augsburg der Bundesliga ist gewissermaßen der FC Schalke 04. Augsburg macht aus viel wenig, Schalke aus wenig viel. Daran ändert auch der grandiose 1:0-Erfolg gegen den neuen Tabellenletzten SC Paderborn nichts, der den Schalkern am Wochenende immerhin die Teilnahme an der Europa League gesichert hat. Im Anschluss kam es zu spontanen Zusammenrottungen der Schalker Fans vor dem Haupteingang der Arena - allerdings nicht, um mit den Spielern den überragenden Erfolg zu feiern, sondern weil die Anhänger ihren Frust ablassen wollten.

Zurück im Team. Marco Höger darf nach einer Woche Pause wieder mitmachen.
Zurück im Team. Marco Höger darf nach einer Woche Pause wieder mitmachen.Foto: dpa

Schon während des Spiels hatten die Fans sich mit Transparenten gegen Manager Horst Heldt und den De-facto-Vereinsboss Clemens Tönnies gewandt, nach dem Spiel musste Heldt rechtfertigen, was kaum zu rechtfertigen ist. Gegen Paderborn waren die Schalker die klar schlechtere Mannschaft gewesen, das entscheidende Tor fiel zwei Minuten vor Schluss - durch Paderborns Verteidiger Uwe Hünemeier. Anders hätten die Schalker das wohl auch nicht geschafft. In den bisherigen 16 Rückrundenspielen haben sie ganze 14 Tore erzielt. Nur Paderborn (9) und Hertha (11) haben noch weniger erzielt.

Inzwischen wird bei Schalke alles in Frage gestellt: der Trainer Roberto Di Matteo, der erst im Herbst gekommen ist. Der Manager Horst Heldt, der für die seltsame Kaderzusammenstellung in Haftung genommen wird. Und der halbe Kader sowieso. Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam wurden in der vergangenen Woche suspendiert, Marco Höger, für eine Woche freigestellt, ist hingegen an diesem Montag von den Vorwürfen, sich zu sehr mit Boateng und seiner Gang eingelassen zu haben, freigesprochen worden. Er darf ab sofort wieder am Trainings- und Spielbetrieb teilnehmen. Wobei dürfen vielleicht nicht das richtige Wort ist.

14:35 Uhr: Nach so viel Abstiegskampf zur Abwechslung mal etwas Positives: Der FC Augsburg spielt im Sommer international. Und das nicht etwa beim Bodensee-Cup während der Saisonvorbereitung, sondern in einem offiziellen Uefa-Wettbewerb. Nach Lage der Dinge hat der FCA zumindest die Teilnahme an der Qualifikation zur Europa League sicher. Am letzten Spieltag kann nur Borussia Dortmund die Augsburger noch überholen, nicht jedoch Werder Bremen (deutlich schlechtere Tordifferenz). In diesem Fall aber reicht auch Platz sieben.

Ich pack es nicht, Augsburg im Europapokal. Kapitän Paul Verhaegh scheint es selbst nicht glauben zu können.
Ich pack es nicht, Augsburg im Europapokal. Kapitän Paul Verhaegh scheint es selbst nicht glauben zu können.Foto: dpa

Nur noch mal zur Einordnung: Vor vier Jahren ist Augsburg (mit einem gewissen Jos Luhukay als Trainer) in die Bundesliga aufgestiegen (gemeinsam mit Hertha BSC übrigens). Dem Klub wurden damals die gleichen Überlebenschancen zugebilligt wie in dieser Saison dem SC Paderborn, doch anders als Hertha haben sich die Augsburger seitdem nicht nur nin der Liga gehalten, sondern sich auch kontinuierlich verbessert. Schon in der vergangenen Saison hatte die Mannschaft von Trainer Markus Weinzierl lange die Chance auf eine Europapokalteilnahme; dass es jetzt klappt, kommt einem mittleren Wunder gleich

Die Augsburger verfügen über den zweitkleinsten Etat der Liga - und spielen trotzdem international. Das ist etwas, das zum Beispiel der großzügig alimentierten TSG Hoffenheim noch nie gelungen ist. Man muss eben nicht immer groß rumtönen, man muss vor allem seinen Job sauber erledigen, wie es vor allem Trainer Markus Weinzierl tut. Um es noch mal ein bisschen zu verdeutlichen, hier ein paar Vereine, die hinter den Augsburgern einlaufen werden: TSG Hoffenheim, Werder Bremen, Hertha BSC, VfB Stuttgart, Hamburger SV.

Hertha BSC: Das Finale, das keiner will

13:40 Uhr: Ein feines Detail zum aktuellen Zustand von Hertha BSC. Bis zum vergangenen Wochenende gab es in der Bundesliga exakt eine Mannschaft, die in dieser Saison noch kein einziges Mal auswärts zu null gespielt hatte. Am Samstag ist es dann endlich auch Eintracht Frankfurt gelungen - beim 0:0 im Berliner Olympiastadion gegen Hertha BSC.

"Es war nicht der Tag zum Toreschießen", hat Salomon Kalou, Herthas verhinderter Torschütze, anschließend gesagt. Eine interessante Sicht der Dinge. Zumal Hertha ja jetzt häufiger Tage abbekommen hat, die offenbar nicht zum Toreschießen gemacht sind. In den sechs Spielen, in denen die Mannschaft zuletzt nicht gewonnen hat, sind den Berlinern insgesamt nur zwei Treffer gelungen: einer gegen Hannover 96 und einer gegen Borussia Mönchengladbach.

Das Gute - mit Blick auf das anstehende Wochenende - ist: Hertha muss gegen Hoffenheim nicht zwingend Tore schießen, um in der Bundesliga zu bleiben. Hertha muss nur zwingend Tore verhindern. Und das immerhin ist der Mannschaft unter Trainer Pal Dardai durchaus eindrucksvoll gelungen, selbst gegen stärkere Gegner wie Bayern oder Gladbach.

Anders als Hannover 96 und der Hamburger SV verzichtet Dardai vor dem finalen Spieltag auf ein Kurztrainingslager. "Ich will die Spieler nicht einbetonieren. Das bringt nichts. Normales Leben. Normales Spiel. Ein 0:0 würde ja reichen." Um die Nerven war es bei den Berlinern zuletzt nicht zum Besten bestellt, insofern ist es verständlich, dass Dardai seine Spieler nicht noch verrückter machen will, als sie es ohnehin schon sind. "Wir haben bis jetzt alles geschafft, wir schaffen das auch noch", sagt Dardai. "Jeder da unten würde gern mit uns tauschen.“

Die Konstellation spricht weiterhin eindeutig für Hertha, das Momentum nicht unbedingt - und auch die aktuelle Form nicht. Die "Berliner Morgenpost" schreibt dazu: "Vor dem entscheidenden letzten Saisonspiel gegen Hoffenheim steht jetzt die Frage im Raum, ob diese Mannschaft eigentlich ein Problem mit sich selbst hat."

Da musst du doch verrückt werden. Hertha BSC und Trainer Pal Dardai müssen vor dem letzten Spieltag noch ein bisschen zittern.
Foto: Imago

13:10 Uhr: Mathematisch gesehen ist Hertha BSC gerettet. Der Verein wird auch in der nächsten Saison, im dritten Jahr, hintereinander in der Bundesliga mitspielen dürfen. Wer’s nicht glaubt, kann es hier nachrechnen. Laut ligagott.de beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass Hertha noch absteigt, 0,6 Prozent.

Gerade das aber macht die Fans von Hertha BSC stutzt. Genau die Tatsache, dass schon ziemlich viel schief laufen muss, damit die Berliner noch den größten anzunehmenden Unfall erleben (den Sturz auf den Relegationsplatz), spricht aus leidvoller Erfahrung gegen Hertha. Hier noch einmal das Schreckensszenario: Der VfB Stuttgart muss in Paderborn gewinnen (Tagesspiegel-Expertenmeinung: sehr wahrscheinlich). Das direkte Duell zwischen Hannover 96 und dem SC Freiburg muss unentschieden enden (Tagesspiegel-Expertenmeinung: möglich). Und, drittens, Hertha muss mit zwei Toren Differenz in Sinsheim gegen die TSG Hoffenheim verlieren (Tagesspiegel-Expertenmeinung: möglich).

Unser User „L3s3r“ schreibt dazu: „Leider ist gerade Hertha (...) eine Mannschaft, die es immer wieder schafft, genau so etwas nicht zu nutzen.“

12:25 Uhr: Breaking News (von der Deutschen Presse-Agentur): "Köln-Trainer Stöger plant 2015/2016 nicht mit Europa-League-Einzug".

12:10 Uhr: Ein Gutes hätte der Abstieg des Hamburger SV auf jeden Fall. Da sich vermutlich wieder irgendein Wahnsinniger finden wird, der ein paar Millionen zur Verfügung stellen würde und der HSV mit einem überdurchschnittlich teuren Kader in die Zweite Liga gehen könnte, gäbe es zumindest schon mal eine Mannschaft, die den Aufstieg von Rasenballsport Leipzig im kommenden Jahr noch verhindern kann.

Die Bundesliga droht ja immer mehr zum Tummelplatz für Konzernklubs zu werden. Nach Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim jetzt also auch noch der FC Ingolstadt, das Werksteam von Audi. Was hat die Bundesliga eigentlich davon, außer weitere 17 Mal ziemlich leere Gästeblöcke?

Verdienter Meister. Ingolstadt überzeugt als Mannschaft, hat aber auch viel Geld zur Verfügung.
Verdienter Meister. Ingolstadt überzeugt als Mannschaft, hat aber auch viel Geld zur Verfügung.Foto: dpa

Im Vergleich zu den großspurigen Leipzigern, die nicht weniger wollen, als den Fußball komplett neu zu erfinden, geben sich die Ingolstädter noch sympathisch bescheiden. „Es muss unser Ziel sein, irgendwie in der Liga zu bleiben, wenn es geht“, hat Vorstandschef Peter Jackwerth nach dem Vollzug des Aufstiegs verkündet. Trainer Ralph Hasenhüttl hat aus vergleichsweise unbekannten und zum Teil verkannten Fußballern eine funktionierende Mannschaft geformt. Das könnte man uneingeschränkt gut finden, wenn eben nicht ein riesiger Konzern dahinter stünde.

Denn man muss ja zumindest davon ausgehen, dass Audi irgendwann Gefallen an mehr findet. Auch der VfL Wolfsburg war nicht vom ersten Tag der VfL Wolfsburg, wie wir ihn jetzt kennen. Der Appetit kommt beim Essen. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Man wird diese Klubs einfach nicht mehr los: Leverkusen ist noch nie abgestiegen. Wolfsburg ist noch nie abgestiegen. Hoffenheim ist noch nie abgestiegen. Es war bei allen drei schon mal eng bis richtig eng, am Ende aber macht es sich eben bezahlt, wenn man ein paar Euro mehr zur Verfügung hat als, sagen wir, Fürth, Braunschweig oder Paderborn.

Angeblich zahlt Audi als Hauptsponsor 6,5 Millionen Euro pro Jahr an den FCI. Das ist mehr, als Eintracht Frankfurt, Werder Bremen oder der 1. FC Köln, drei Traditionsklubs mit einer gewissen, auch nationalen Ausstrahlung, von ihren Trikotsponsoren bekommen. Marktgerecht ist diese Summe ganz sicher nicht. Niemand interessiert sich für den FC Ingolstadt. Der neue deutsche Zweitligameister hat es in dieser Saison auf einen Schnitt von 9932 Zuschauern pro Spiel gebracht. Das bedeutet Platz 14 in der Liga. Als die Mannschaft vor einer Woche in Bochum den Aufstieg bereits perfekt hätte machen können, wurde sie von sage und schreibe 350 Fans begleitet.

Applaus für nichts. Rafael van der Vaart fehlt im letzten Saisonspiel gelbgesperrt.
Applaus für nichts. Rafael van der Vaart fehlt im letzten Saisonspiel gelbgesperrt.Foto: dpa

11:25 Uhr: Tausche Traditionsverein gegen Werksklub, Publikumsmagnet gegen Provinzverein. Im nächsten Jahr spielt also auch noch der FC Ingolstadt in der Bundesliga, möglicherweise anstelle des Hamburger SV. Sportlich ist daran nicht das Geringste auszusetzen. Würden beide Mannschaften in ihrer aktuellen Besetzung und aktuellen Form gegeneinander spielen, würde Ingolstadt mit Sicherheit gewinnen.

Für die Attraktivität (nicht die sportliche) der Bundesliga käme der Abstieg des HSV natürlich einem herben Verlust gleich. Kein Klub hat in den vergangenen beiden Jahren so verlässlich zur allgemeinen Unterhaltung beigetragen wie die Hamburger. Schon deshalb sollte die Deutsche Fußball-Liga ernsthaft über eine Wildcard für den HSV nachdenken, so wie es in anderen Sportarten auch üblich ist.

Ich fürchte allerdings, dass ich mit dieser Idee ziemlich allein dastehe. Wenn ich die Stimmung richtig deute, hat sich allgemeiner Verdruss breitgemacht, von wegen: Irgendwann ist auch mal gut. Es reicht jetzt mal. Die "Bild" hat "Endzeitstimmung beim HSV" ausgemacht. Und der "Kicker" titelt: "Denn sie wissen nicht, was sie tun." Und das nicht erst in diesen Tagen und Wochen. Man muss ja schon intensiv nachdenken, wer zu Beginn der Saison Trainer bei den Hamburgern war. War das noch Thorsten Fink? Oder schon Mirko Slomka? Und war Fink Vorgänger oder Nachfolger von Bert van Marwijk. Allein in dieser Saison hat der HSV mehr als 30 Millionen Euro in neue Spieler investiert; nie zuvor ist ein Klub mit einem höheren Etat abgestiegen. Der Kader des HSV kostet deutlich mehr als zum Beispiel der von Borussia Mönchengladbach.

Das alles ist selbst für treue HSV-Fans kaum noch zu ertragen. Gleichgültigkeit macht sich breit. Die Anhänger sind längst nicht mehr mit so heißem Herzen dabei, wie es noch in der vergangenen Saison der Fall war. Der HSV des Jahres 2015 macht es niemandem leicht. "Die Mannschaft hat das Spiel in Stuttgart eindrucksvoll genutzt, um auf ihre Mittellosigkeit hinzuweisen", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Der Klub habe "in den vergangenen Jahren wenig Produktives zur Entwicklung des deutschen Fußballs beigetragen, abgesehen davon, dass er sämtlichen Trainern und Sportdirektoren, die es in Deutschland gibt, irgendwann zu einem vollkommen überdotierten Job verholfen hat." Aber diese soziale Leistung des Vereins sollte man durchaus mal lobend erwähnen.

10:40 Uhr: Nachtrag zum HSV: Muss Rafael van der Vaart eigentlich auch mit nach Malente, obwohl er am Samstag gar nicht spielen darf? Oder hat er sich die zehnte Gelbe abgeholt, weil er schon so was geahnt hat?

Letzte Ausfahrt Malente: Der HSV geht ins Trainingslager

10:15 Uhr: Wenn beim HSV gar nichts mehr hilft, hilft nur noch Uwe Seeler. Vor dem finalen Bundesligaspiel gegen Schalke verzieht sich die Mannschaft ab Mittwoch in die holsteinische Schweiz. Sie wird sich im beschaulichen Malente auf die Begegnung vorbereiten, im - ja, der heißt wirklich so - Uwe-Seeler-Fußballpark. Das Training soll an allen drei Tagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

Malente ist ein mystischer Ort für den deutschen Fußball. 1974 hat sich die Nationalmannschaft dort auf die WM im eigenen Land vorbereitet, die bekanntlich mit dem souveränen Titelgewinn zu Ende gegangen ist. Die Vorbereitung muss ein einziger Horror gewesen sein. Vor fünf Jahren habe ich mal ein längeres und sehr aufschlussreiches Gespräch mit Berti Vogts über das 74er-Turnier geführt. "Malente war nicht so schlimm, wie es immer gemacht wurde", hat er damals gesagt. "Es war viel schlimmer." Vogts hat die Sportschule als "eine Mischung aus Sportheim, Kloster, Festung und Internat" in Erinnerung.

Inzwischen verfügen auch Sportschulen über einen profifußballergerechten Komfort, in dieser Hinsicht müssen die Weicheier vom HSV wirklich nichts fürchten. Aber ob die Abgeschiedenheit Malentes noch was hilft? Geht man mal vom wahrscheinlichen Fall aus, dass der VfB Stuttgart, der stabilste aller Abstiegskandidaten, in Paderborn gewinnt, ist die Relegation für den HSV das Höchste der Gefühle. "Blöd diese Ohnmacht", sagt Torhüter René Adler. "Es fühlt sich total beschissen an."

Für das geneigte Publikum hingegen, fühlt es sich irgendwie total gerecht an, wenn es den HSV endlich erwischt. Eigentlich hatten es die Hamburger schon vor einem Jahr nicht verdient, erstklassig zu bleiben, und wenn man gedacht hat, schlechter kann man es eigentlich nicht machen: Der HSV kann. Der vermeintliche Heilsbringer Dietmar Beiersdorfer hat wirklich gute Arbeit geleistet - in seiner ersten Amtszeit beim HSV, als er ein gutes Auge für gute entwicklungsfähige Spieler hatte. Offensichtlich hat er seine Spielerdatei seitdem nicht mehr weiter gepflegt. Oder wie kommt man sonst auf die Idee, viel Geld für Spieler wie Lewis Holtby oder Ivica Olic auszugeben?

9:40 Uhr: Kleiner Exkurs zu einem Thema, das mich eigentlich langweilt (#Wettbewerbsverzerrung): Ist es eigentlich Wettbewerbsverzerrung, wenn ein Klub wie Hannover 96 16 Mal hintereinander nicht gewinnt und dann mit einem Sieg beim FC Augsburg massiv in den Kampf um die Europa-League-Plätze eingreift?

Affentheater Abstiegskampf: Es bleibt tierisch spannend

9:20 Uhr: Passend zum Thema Abstiegskampf, allerdings eine Liga tiefer: Der FSV Frankfurt soll sich von seinem Trainer Benno Möhlmann getrennt haben. Das berichten mehrere Medien. Demnach übernimmt für den letzten Spieltag Thomas Oral. Ein Modell auch für die Bundesliga? Vielleicht für den HSV? Immerhin ist Bruno Labbadia jetzt schon einen Monat im Amt.

Stark wie die Gorillas. Der VfB Stuttgart demonstriert im Abstiegskampf Stärke.
Stark wie die Gorillas. Der VfB Stuttgart demonstriert im Abstiegskampf Stärke.Foto: Reuters

9:15 Uhr: Willkommen im Affentheater Bundesliga, im wildesten Abstiegskampf seit Menschengedenken. Einen Spieltag vor Schluss haben sich die Dinge zwar schon ein bisschen vorsortiert, doch es bleibt auch am letzten Wochenende noch tierisch spannend. Sechs Klubs, von Hertha BSC auf Platz 13 bis zum SC Paderborn als 18., sind noch in der Verlosung. Und am Samstag, ab 15:30 Uhr, geht es um nicht weniger als die Frage: Wer ist Raubtier? Und wer Schmusekätzchen?

Der SC Paderborn findet sich jetzt doch da ein, wo ihn alle echten, vermeintlichen und selbst ernannten Experten seit Saisonbeginn verortet haben: am Tabellenende. Der Klub ist so etwas wie das Meerschweinchen der Bundesliga („Och, wie süß“); wenn man es hegt und pflegt, ist es eine Zier, aber überlebensfähig in freier Wildbahn ist es leider nicht. Zumal die Paderborner am Samstag gegen den VfB Stuttgart spielen, die jetzt plötzlich stark sind wie die Gorillas.

Der SC Freiburg lebt wie immer davon, dass er ein wenig unterschätzt wird. Kein Klub im Souterrain der Tabelle verfügt zudem über derart reiche Erfahrung im Abstiegskampf wie die Freiburger: Man muss nicht am 32. Spieltag über dem Strich stehen (Hallo, HSV!), sondern nach dem letzten. Die Freiburger sind ausdauernd wie asiatische Wildesel, und schon deshalb verspricht der finale Spieltag mit dem direkten Duell gegen Hannover 96 spannend zu werden. Die Hannoveraner sind offensichtlich gerade noch rechtzeitig aus dem längsten Winterschlaf aller Zeiten erwacht.

Düstere Aussichten für den Hamburger SV, der wie ein angetrunkener Tanzbär durch den Abstiegskampf tapst. So wie Rafael van der Vaart, der sich am vorletzten Spieltag in letzter Minute noch mal schnell die zehnte Gelbe Karte abholt und bestenfalls in der Relegation wieder zur Verfügung steht. Vermutlich wird es dazu nicht kommen, und so findet die zweite - hüstel, hüstel - Ära van der Vaarts beim HSV ein treffendes Ende. Man kann darüber streiten, ob sich der Holländer die Verwarnung willent- und wissentlich abgeholt hat, damit er am Samstag nicht als das Gesicht zum Niedergang des einst großen HSV abgeben kann. Aber dafür wird sich gern auch Heiko Westermann zur Verfügung stellen. Niemand leidet schöner als Westermann. Van der Vaart kann sich zur Feier des Tages ja dann ein Gläschen Schampus in seiner Loge gönnen.

Bliebe nur die Frage, welches Tier in diesem Schauspiel eigentlich Hertha BSC ist. Vielleicht die graue Maus, die sich lieber tot stellt, anstatt sich mit einem letzten beherzten Satz ins Mauseloch zu retten, und die jetzt hoffen muss, dass die Katze Abstieg doch noch von ihr ablässt, weil sie lieber mit anderen Mäuschen spielt.

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