Sport : Von Angst überfallen

Monika Götz war Junioren-Weltmeisterin im Stabhochsprung – dann wachte sie auf und hatte plötzlich Furcht vor dem Springen

Frank Bachner

Berlin. Sie spürte, dass es nun verdammt eng würde. Entweder würde sie knapp neben der Matte landen, aus vier Meter Höhe. Oder, wenn sie Glück, hatte, am Rand der Matte. Sie rollte gerade im falschen Winkel über die Latte, Stabhochspringerinnen merken das sofort. Sie fiel, und sie fiel an den Rand der Schaumstoffmatte. Die Zuschauer schrien auf, Monika Götz blieb kurz liegen, dann rappelte sie sich auf. Die Schulter schmerzte. Sie sprang nicht mehr an diesem Tag. Einige Zeit später, in Cottbus, startete sie noch mal. Die Schulter schmerzte immer noch, aber sie überquerte 4,00 m und plumpste heil auf die Matte. Es war der letzte Wettkampf ihrer Karriere. Zwei Wochen später beendete Monika Götz endgültig ihre Laufbahn, an einem kalten Tag im Winter 2002. Sie wird nie bei Olympischen Spielen springen, obwohl ihre Freunde und ihre Eltern sie dort schon gesehen hatten. Als Monika Götz aufhörte, war sie Junioren-Weltmeisterin und Junioren-Weltrekordlerin. Sie war 21.

Monika Götz aus Höchberg bei Würzburg springt nicht mehr, weil sie panische Angst vor dem Springen hat. Eine Athletin, die mit 4,31 m Junioren-Weltrekord gesprungen war, eine Frau, die mit 17 Jahren schon U-20- Weltmeisterin wurde. Aber man kann sich das ja vorstellen: Ein Sturz aus vier Meter Höhe an den Rand der Matte, um ein Haar wäre sie mit dem Kopf auf den Boden geknallt. Das ist ein Grund zum Fürchten. Aber Monika Götz sagt: „Das passiert halt mal. Das ist nicht weiter schlimm. Da steht man wieder auf und macht weiter.“ Die Angst der Monika Götz ist anders.

Es ist ein seltsamer Fall, einer, den es im Stabhochspringen wohl noch nie gegeben hat. Eigentlich ein gespenstischer Fall.

Monika Götz wachte eines Morgens auf, irgendwann im Frühsommer 1998, und wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Ein paar Stunden später war Training, sie lief mit dem Stab auf den Einstichkasten zu, aber sie stieß ihn nicht ein. Ein paar Tage zuvor war sie Weltmeisterin geworden, aber jetzt lief sie einfach unter der Latte durch. Da wusste sie, was da nicht stimmte. „Ich hatte plötzlich Angst einzustechen. Ich hatte Angst, dass mir der Stab wegspringt, dass ich unkontrolliert durch die Gegend fliege.“ Es waren absurde Bilder, so als ob ein Koch Angst hätte, er würde von einer Pfanne erschlagen, die ihm aus der Hand gleitet. „Das ist der unwahrscheinlichste Fall, der eintreten kann“, sagt Götz, „das wusste ich, aber ich hatte trotzdem Angst.“ Sie konnte nicht umgehen mit dieser Angst. Denn es gab keinen Grund für sie. „Ich hatte nie ein Schlüsselerlebnis, ich bin beim Springen nie schwer gefallen. Und ich habe den Sport ja beherrscht.“ Wacht man auf, eines Morgens, und hat Angst vor einer absurden Gefahr, einfach so? „Ja“, sagt Monika Götz, „das geht.“

Angst vor hämischen Kommentaren

Wie erklärt man so eine Angst? Einem Trainer? Einer Teamkollegin? Den Eltern? Monika Götz erklärte nichts. Sie hatte nichts zu erklären. „Was sollte ich anderen sagen? Ich habe ja selbst nicht begriffen, was da läuft.“ In Wirklichkeit hatte sie auch Angst, dass man ihr einfach nicht glauben würde, schlimmer noch: dass sie Verständnis heuchelten, die Freundinnen und die Teamkolleginnen, und dann hinter ihrem Rücken über sie lachten. Sie hatte nur Sportlerinnen, denen sie sich hätte anvertrauen können. Freundinnen außerhalb des Sports kannte sie nicht. Sie hatte keine Zeit dafür. Monika Götz betrieb Leichtathletik, seit sie neun war. Erst Mehrkampf, dann, als 13-Jährige, wechselte sie zum Stabhochsprung. Mit 17 dann der Junioren-Weltrekord. Ein paar Wochen später wachte sie auf und hatte diese Furcht.

Von diesem Tag an war ihr sportliches Leben Tarnen und Tricksen und Täuschen. Sie täuschte ihren Trainer, wenn sie springen sollte. „Ich fühle mich nicht gut“, sagte sie dann. Oder: „Ich muss dringend eine Freundin abholen, ich muss früher Schluss machen.“ Sie täuschte auch ihre Eltern, lange Zeit jedenfalls. Nur ihrem Freund öffnete sie sich. Der ist auch Stabhochspringer, „aber der wollte mir nur in den Hintern treten. Der verstand nicht, um was es wirklich ging.“ Manchmal saß sie einfach nur da und heulte.

Bilder von Olympia vor Augen

Warum gab sie nicht einfach auf? Weil sie diese Bilder von Olympia noch sah, deshalb. Es gab ja Chancen, sich und anderen etwas vorzumachen. Sie sprang einfach mit weicheren Stäben. Die waren leichter einzustechen als die harten, die für die ganz großen Höhen. Doch mit weicheren Stäben benötigt man eine gute Technik, also trainierte sie diesen Punkt noch intensiver. „4,20 m habe ich immer bewältigt.“ Aber viel mehr halt nicht, und das fiel auf. Irgendwann begriffen auch die Eltern und der Trainer, was los war. Aber der Trainer fühlte sich hilflos. „Ein Psychologe hätte vielleicht etwas genützt“, sagt sie. Aber damals mied sie einen Fachmann, und die Angst wuchs. Sie patzte jetzt immer öfter auch im Wettkampf. Eigentlich wollte sie sich gerade da zusammenreißen. „Mein Trainer war doch wegen mir 500 Kilometer gefahren zu Wettkämpfen. Dabei hat er Frau und Kinder.“ Doch oft genug lief sie dreimal unter der Latte durch. Wettkampfende.

Monika Götz gab aber auch nicht auf, weil doch alles so leicht ging, sobald sie doch mal eingestochen hatte. Da rollte Monika Götz, das Riesentalent, die Weltmeisterin, über die Latte. „Angst vor der Höhe hatte ich nie.“ Und weil sie über ihr Trauma so gut wie nie redete, war sie auch für andere Vereine die Junioren-Weltmeisterin und nicht der Problemfall. Deshalb war Monika Götz auch begehrt. Nach dem WM-Titel wechselte sie zu Quelle Fürth, nach dem Abitur, schon geplagt von ihren Ängsten, ging sie zum TSV Cottbus. Dort konnte Monika Götz Wirtschaftsingenieurwesen studieren.

Sie ging vor drei Jahren in die Lausitz, aber in Cottbus traf sie auf eine fremde Welt. „Der Klub hatte Erwartungen, die ich nicht erfüllen konnte.“ Jetzt endlich beschloss sie, einen Psychologen aufzusuchen. Der Olympiastützpunkt Cottbus vermittelte ihr einen Mann, doch der war nur ein Hobby-Therapeut. Geholfen hat er nicht. Die 20-Jährige wurde dank ihres Talents 2001 noch Siebte der Deutschen Meisterschaft, „aber die Zweifel wurden immer größer“. Die Eltern hatten ihr schon lange geraten aufzuhören.

Monika Götz hatte dann doch noch ein Schlüsselerlebnis. Es brachte sie dazu, endgültig aufzuhören im Winter 2002. Drei Tage, nachdem sie in Cottbus 4,00 Meter gesprungen war, hatte sie plötzlich hohes Fieber. Im Training sah sie schwarze Punkte. Eine Immunschwäche durch eine Infektion, stellte sich heraus. Monika Götz war überzeugt, dass ein Zeckenbiss alles ausgelöst hatte. Aber sie wusste natürlich zugleich, wie absurd das war. „Im Januar gibt es doch gar keine Zecken.“ Den Widerspruch konnte sie nie auflösen. Aber der vermeintliche Zeckenstich gab ihr den Rest. Und vielleicht war es ja einfach so: Monika Götz hatte genug gelitten. Sie wollte einen Schlussstrich ziehen. Endgülig. Und dazu benötigte sie einen Anlass, einen nicht-sportlichen. Auch wenn der noch so absurd klang. Aber absurd war ja auch ihre Angst. Eigentlich.

Jetzt sitzt die 22-Jährige in Gummersbach, in einer kleinen Wohnung. Sie studiert nun an der FH Köln, Außenstelle Gummersbach. Die Ängste sind vergessen, jedenfalls im Alltag. Aber manchmal begleitet sie ihren Freund, den Stabhochspringer, zu Wettkämpfen. Dann sieht sie die Matte und den Einstichkasten, und dann kommt die Furcht wieder hoch. Wenn ihr Freund in solchen Momenten von Motivationsproblemen redet oder von der Angst beim Springen, dann wird Monika Götz wieder zum Problemfall. „Bei solchen Themen“, sagt sie, „bin ich ein ziemlich schlechter Gesprächspartner.“

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