Vor dem Finale der WM : Der märchenhafte Aufstieg der Handball-Nation Katar

Mit Argwohn verfolgt die Handballwelt den Siegeszug des WM-Gastgebers, der heute im Finale gegen Frankreich nach dem Titel greift.

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Scheichwerbung. Der gebürtige Kubaner Rafael Capote spielt jetzt für Katar – und verdient damit offenbar gut.
Scheichwerbung. Der gebürtige Kubaner Rafael Capote spielt jetzt für Katar – und verdient damit offenbar gut.Foto: AFP

Für den ganz großen Moment verließen die Herren sogar ausnahmsweise ihre Logenplätze und suchten den Weg in die Niederungen der Arena. Kurz vor der Schlusssirene reihten sich die katarischen Scheichs nebeneinander auf, um wenig später den Mann zu herzen, der das Unmögliche irgendwie möglich gemacht hatte: Trainer Valero Rivera musste am Freitagabend nach dem Final-Einzug der katarischen Nationalmannschaft bei der Handball-WM in Doha zusehen, dass er nicht erdrückt wird unter dem Ansturm von Gratulanten. Rivera, mit mehr als 70 Titeln mit dem FC Barcelona statistisch erfolgreichster Vereinstrainer der Welt, geizte dann später auch nicht mit Superlativen. „Dieser Erfolg ist der größte Moment in meiner Laufbahn“, sagte der Spanier, der sein Heimatland vor zwei Jahren zum WM-Titel im eigenen Land geführt hatte. „Bis jetzt“, ergänzte er noch. Das klang beinahe wie eine Ankündigung für das Endspiel am heutigen Sonntag gegen den aktuellen Olympiasieger und Europameister Frankreich (17.15 Uhr, live bei Sky).

Wie in aller Welt konnte das passieren? Wie kann ein Land, dessen bislang beste WM-Platzierung (Rang 16) aus dem Jahr 2003 datiert, plötzlich ein so märchenhaftes Turnier hinlegen? Die Meinungen zu dieser Frage gehen sehr weit auseinander. Rivera etwa lässt keine Situation aus, um den „großartigen Teamspirit“ und den „enormen Willen“ seiner Auswahl hervorzuheben. So ganz von ungefähr kommt diese Einschätzung auch nicht: Niemand wird bestreiten können, dass der 61-Jährige in den vergangenen Wochen und Monaten ein physisch wie psychisch enorm starkes Team inklusive überragender Torhüter zusammengebastelt hat, das selbst die arrivierten Nationen aus Europa reihenweise vor Probleme stellte. Das ist die eine Perspektive.

Im 16-köpfigen Kader des WM-Ausrichters stehen lediglich vier gebürtige Katarer

Die andere wirft vorrangig die Frage auf, welcher Mittel sich die Katarer und Rivera im Speziellen dafür bedient haben. Im 16-köpfigen Kader des WM-Ausrichters stehen lediglich vier gebürtige Katarer, alle anderen Spieler wurden eingebürgert oder, böse formuliert: eingekauft. Möglich macht das eine seit Jahren umstrittene Regel des Weltverbands IHF, wonach die Sportler ihre Nationalität wechseln können, sofern sie drei Jahre lang kein Pflichtspiel für ihr Heimatland bestritten haben. Wie etwa die Torhüter Danijel Saric (37, vorher Bosnien-Herzegowina) und Goran Stojanovic (37, vorher Montenegro) oder die Rückraumspieler Zarko Markovic (28, vorher Montenegro), Bertrand Roine (33, vorher Frankreich) und Rafael Capote (27, vorher Kuba). Zwar haben auch schon andere Nationen von der Regelung Gebrauch gemacht – Spanien bürgerte einst Welthandballer Talant Duschebajew ein, für Deutschland spielten die in Polen beziehungsweise in der Ukraine geborenen Bogdan Wenta und Oleg Velyky –, aber eben nicht in solchem Ausmaß wie Katar. Im WM-Viertelfinale gegen Deutschland steuerten die gebürtigen Katarer im Team exakt so viele Einsatzminuten bei, wie sie Treffer erzielten: null. Darauf angesprochen, reagierte Rivera sichtlich gereizt: „Ich werde nur über Handball sprechen“, sagte er, „ich bin Trainer, das ist mein Geschäft.“

Geschäft und Sport gehören in Katar allerdings untrennbar zusammen. Dem Vernehmen nach haben sich die Katarer im Vorfeld der WM auch um Spieler allererster Güteklasse bemüht, aber das Schamgefühl bei den Superstars der Sportart war dann offenbar doch größer als die Aussicht auf einen dicken Scheck. Den wiederum haben die aktuellen Nationalspieler sicher: Bereits der Einzug ins Halbfinale hat ihnen eine lebenslange Rente eingebracht. Wenn sie tatsächlich das Endspiel gegen Frankreich gewinnen sollten, wird Staatsoberhaupt Emir Tamim bin Hamad Al Thani in der ihm eigenen Großzügigkeit sicher noch mal ein hübsches Sümmchen nachschießen.

Einzig Frankreich kann dieses Szenario am Sonntag noch verhindern, und die Sympathien der in Doha verbliebenen europäischen Fans sind dem Team sicher – obwohl die Franzosen wegen ihrer zahlreichen Erfolge im letzten Jahrzehnt normalerweise nicht sonderlich populär beim oft unterlegenen gegnerischen Anhang sind.

Die Verärgerung über zahlreiche strittige Schiedsrichterentscheidungen, die nicht zuletzt zum Finaleinzug des Gastgebers beigetragen haben, eint die Fans der gegen Katar unterlegenen Teams aus Österreich, Deutschland und Polen. Sofern sie Finalkarten besitzen, werden sie sich auch zusammentun müssen: Mittlerweile haben die Katarer nämlich Interesse am Handballsport gefunden. Seit dem Viertelfinale waren alle Spiele des Gastgebers ausverkauft – wenngleich mit ein paar eilig von den umliegenden Baustellen herbeigeholten Arbeitern nachgeholfen wurde. Das hatten die Herren aus dem Logenbereich so verfügt.

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