Vor dem Zweitliga-Start : Der 1. FC Union und die Ruhe nach der Eruption

Der 1. FC Union Berlin startet am Samstag beim VfL Bochum zuversichtlich in die neue Saison. Das liegt auch am neuen Trainer Jens Keller.

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Bald auch mit Zuschauern. Jens Keller und der 1. FC Union starten am Samstag in die neue Zweitliga-Saison.
Bald auch mit Zuschauern. Jens Keller und der 1. FC Union starten am Samstag in die neue Zweitliga-Saison.

Als Jens Keller noch Trainer beim FC Schalke 04 war, musste er jeden Tag Fahrstuhl fahren. Oder die Treppe nehmen. Die Kabinen für Mannschaft und Trainerteam befanden sich im sechsten Stock, insofern ist Keller mit seinem neuen Arbeitszimmer beim 1. FC Union Berlin mehr als zufrieden. Das liegt parterre, keine Treppen, kein Fahrstuhl.

Der 45 Jahre alte Trainer betont vor dem Saisonstart am heutigen Sonnabend beim VfL Bochum (13 Uhr) immer wieder, wie wohl er sich bei seinem neuen Arbeitgeber fühlt. Das könnte per se schon mal verdächtig sein, aber wer Keller bei der Arbeit beobachtet, der kann gar nicht anders, als ihm zu glauben. „Hier herrschen Erstligabedingungen, alles ist bestens organisiert“, sagt er und setzt seinen zufriedensten Gesichtsausdruck auf.

Nur ist es trotzdem so, dass Union immer noch in der Zweiten Liga festhängt. Seit drei Jahren versucht der Verein aus dem Südosten Berlins, der Bundesliga so nah wie möglich zu kommen. Ohne Erfolg. Zwei siebte und ein sechster Platz sind am Ende dabei herausgekommen und irgendwie hat sich der Klub ein bisschen verloren auf dem Weg nach oben. In falschen Personalentscheidungen und internen Reibereien wie damals beim Abschied des langjährigen Kapitäns Torsten Mattuschka. Das soll in dieser Saison wieder anders werden. Ruhe soll einkehren, nach den Eruptionen der vergangenen Monate. Alle Hoffnungen ruhen in diesem Zusammenhang auf Keller, er soll der Mannschaft und dem Verein die alte Stabilität zurückbringen.

Sieben Jahre war der 1. FC Union Berlin der Inbegriff von Kontinuität im vom Wankelmut geprägten Geschäft Profifußball. Geführt von zwei starken Männern: Präsident Dirk Zingler und Trainer Uwe Neuhaus. Als die starken Männer sich im Laufe der Zeit immer mehr voneinander entfernten und die sportliche Entwicklung stagnierte, musste Neuhaus gehen. Union erlebte nach dessen Abschied 2014 zwei unruhige Jahre des Übergangs. Zingler traf bei der Wahl der Nachfolger keine glücklichen Entscheidungen. Spieler kamen und gingen. Das Experiment mit dem unerfahrenen Norbert Düwel missglückte und die Verpflichtung von Sascha Lewandowski war ein einziges Missverständnis, ehe gesundheitliche Probleme den inzwischen verstorbenen Trainer zur Aufgabe zwangen.

Keller ist der vierte Trainer beim 1. FC Union in den vergangenen zwölf Monaten. Die Zahl könnte ihm ein mulmiges Bauchgefühl verschaffen, aber so denkt Keller nicht. „Ich weiß ja, wie diese Bilanz zustande gekommen ist. Die Gründe im Fall von Sascha Lewandowski sind bekannt und André Hofschneider konnte nicht weitermachen, weil er die notwendige Lizenz nicht besaß. Wir reden also von einer Entlassung in den vergangenen zwei Jahren“, sagt er. Da gebe es Klubs, die eine ganz andere Quote für diesen Zeitraum aufweisen würden. Keller ist einer, der das Glas immer halbvoll sieht.

Tatsächlich könnte Dirk Zingler dieses Mal den richtigen Trainer gefunden haben. Keller kommt an, bei den Spielern und bei den Mitarbeitern. Er grüßt höflich, wirkt stets gut gelaunt und hält gern mal einen Plausch auf den Korridoren. Das war nicht bei allen seinen Vorgängern der Fall. „Der ganze Verein ist mit dem Herzen dabei, das gefällt mir. Hier arbeitet niemand, der einfach nur seinen Job macht“, sagt Keller. Das Gleiche erwartet man von ihm.

Bisher lief die Vorbereitung zufriedenstellend, aber das war in den vergangenen Jahren regelmäßig der Fall. Die Berliner sind Vorbereitungsmeister, problematisch wurde es immer erst, wenn es losging. Den Saisonstart verpatzte Union regelmäßig und auch dieses Mal besteht die Gefahr, dass es so kommen könnte. Keller hat ein neues System mitgebracht und eine neue Philosophie. Sein Angriffspressing verlangt den Spielern einiges ab, mental und körperlich. Die Trainingseinheiten sind anspruchsvoll und komplex. Zu jeder Zeit muss mitgedacht werden, abschalten ist unmöglich. Kellers Ansprüche sind hoch. Wer nicht topfit ist, wie Sören Brandy, dem Knieprobleme während der Vorbereitung zu schaffen machten, darf nicht mit nach Bochum reisen. Neben Brandy werden die verletzen Benjamin Kessel, Dennis Daube, Maximilian Thiel, Benjamin Köhler und Raffael Korte am ersten Spieltag fehlen. Insgesamt verlief die Vorbereitung aber ohne größere Verletzungen.

„Die Mannschaft hat schon viele Dinge umgesetzt, die wir reingebracht haben“, sagt Keller. Zu den Favoriten gehört sie trotzdem nicht. „Kein Wunder, dass wir nicht genannt werden, wenn man sich anschaut, was einige investiert haben. Aber für uns ist das gut, wir können dann in Ruhe arbeiten“, sagt Keller. Sollte das tatsächlich eintreffen, hätte Keller sein erstes Etappenziel ohne viel eigenes Zutun erreicht. In Ruhe arbeiten zu können, danach sehnen sie sich beim 1. FC Union schließlich.

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