Sport : Wenn der Sohn mit dem Vater

Hat Schiedsrichter Robert Hoyzer am Anfang nur manipuliert, um Peter Hoyzer zu helfen? Eine Spurensuche

Frank Bachner,Tanja Buntrock

Es war ein sensibles Gespräch. Der Sohn hatte den Bankkaufmann angerufen, weil er ihn kannte und weil der Vater Probleme hatte. Der Vater hatte Schulden, er wusste nicht, wie er sie bezahlen sollte. Es waren keine großen Summen, „normale Kosten“, sagte der Sohn am Telefon. Der Sohn war verzweifelt, weil Schulden des Vaters nichts Neues waren. Er hatte ihm selber schon Geld gegeben, aber es half nichts. „Wie kann man die aktuellen Schulden begleichen und wie kann man ihm dauerhaft helfen?“, fragte er deshalb. Der Bankexperte hörte aufmerksam zu. Gemeinsam entwickelten sie dann Denkmodelle. Das Stichwort „Selbsthilfegruppe“ fiel und sogar „Psychiater“. Der Sohn klang trotz der Probleme sehr gefasst. Am Ende bedankte er sich. Der Sohn heißt Robert Hoyzer. Der Skandal-Schiedsrichter. Die zentrale Figur im Wettskandal, bestochen angeblich von ein paar Kroaten. Der Vater ist Peter Hoyzer.

Das Gespräch fand irgendwann 2001 oder 2002 statt, so genau weiß das Christian Rocca nicht mehr. Aber er versichert, dass es stattgefunden hat. Rocca ist Chef von mehreren Bankfilialen in Leipzig, und damals war er auch noch Präsident von Sachsen Leipzig, dem Regionalligisten. Dort war auch Peter Hoyzer mehrere Jahre unter Vertrag. Als Mannschaftsbetreuer, offiziell. „Er war ein gehobener Hausmeister“, sagt Rocca. Den Sohn kennt der 37-Jährige seit vielen Jahren. Rocca war früher selber mal Schiedsrichter in Berlin.

Der Hilferuf von Robert Hoyzer kam lange, bevor der das erste Spiel verschoben hat. Aber vielleicht führt dieser Hilferuf zur Antwort auf die alles entscheidende Frage: Wie konnte es dazu kommen, dass Robert Hoyzer Spiele manipulierte? Christian Rocca hat jedenfalls eine These entwickelt: „Ursprünglich hat Robert den ganzen Mist nur gemacht, um den Vater rauszureißen.“ Weil der Vater Schulden hatte. Vielleicht sogar, weil Peter Hoyzer mit den falschen Leuten im falschen Milieu gezockt hat. Und dann, so lautet die These, habe irgendwann Robert Hoyzer selbst Gefallen gefunden an dem Geld. Eine Dynamik kam in Gang. Der Helfer wurde zum Täter. Dieser Robert Hoyzer trug plötzlich Markenklamotten, kaufte in teuren Flughafen-Shops ein und gab den Mann von Welt. Seine Schiedsrichterkollegen wunderten sich über den Wandel. Sein Jugendfreund Manuel Koch auch. „Früher trug er Sweatshirts.“

Man muss vorsichtig sein. Peter Hoyzer erklärte gegenüber der Staatsanwaltschaft, dass Rocca eigentlich schuld an allem sei. Rocca habe ihn angestiftet, den Sohn zur Manipulation zu überreden. Robert Hoyzer sollte das Spiel Chemnitz — Leipzig manipulieren. Im November 2001 soll das gewesen sein. Der Sohn habe abgelehnt. Aber auf seinem Konto fanden sich plötzlich 500 Euro, woher auch immer. Rocca bestreitet die Vorwürfe ganz entschieden. „Ich bin fassungslos.“ Aber auch im „Ziegelhof“ in Spandau, im Klubhaus des FC Spandau, wo Vater und Sohn Hoyzer Mitglied waren, sagt einer: „Als der Skandal aufkam, haben einige sofort verkündet: ,Da steckt der Vater dahinter.’“ In welcher Form auch immer. Vom Vater gibt es keine Aussagen. Peter Hoyzer ist nicht zu erreichen. Und sein Sohn schweigt ebenfalls.

Aber vieles deutet darauf hin, dass Peter Hoyzer Hilfe benötigte. Und dass es für einen besorgten Sohn Gründe gab, sich einzuschalten. Man kann sich das Bild von Peter Hoyzer aus Puzzlestücken zusammensetzen: „Er hatte selten Geld in der Tasche“, sagt einer im „Ziegelhof“. „Er war sehr stolz auf Robert und hat ihn oft beobachtet, wenn er gepfiffen hat“, sagt ein anderer. „Peter war ein netter Kerl“, sagt Mirko Marjanovic, der Wirt des „Ziegelhof“. „Er hatte wenig, mit dem er glänzen konnte. Wenn er Geld hatte, konnte er Eindruck schinden“, sagt Rocca. „Ich bekomme immer noch 1000 Mark von ihm“, behauptet Hristo Boniew, der Ex-Trainer von Sachsen Leipzig. „Peter Hoyzer ist ein Rohheitstäter. Gegen ihn gab es mehrere Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung.“ Das steht in den Polizeiakten. Zuletzt fiel Hoyzer am 10. August 2002 auf. Da war er in eine Prügelei vor einer Kneipe am Klinkeplatz in der Nähe seiner Wohnung in Spandau verwickelt. Drei Männer hatten ihn angezeigt. Es stand Aussage gegen Aussage, das Verfahren wurde eingestellt.

Zusammengefügt ergibt dieses Puzzle das Bild eines Mannes, der durchaus sympathische Züge hat, sich um seine Kinder kümmert, zwar nicht mit Geld, aber dafür mit den Fäusten umgehen kann. Und einer, der sich Anerkennung kauft.

Das Bild des harmonischen Familienlebens aber, das Robert Hoyzer im ZDF gezeichnet hatte, dieses Bild hat in Wirklichkeit hässliche Risse. In Spandau zeichnen Bekannte diese Risse nach. „Dino“ nennen sie ihn, keiner weiß so recht, warum. Aber der junge „Dino“, das sagen einige, sei mittendrin gewesen, wenn es mal wieder Prügeleien mit englischen Soldaten gab. Einer im „Ziegelhof“ erzählt auch, wie „Dinos“ zornige Frau dem Ehemann in einer Kneipe vor johlendem Publikum mal das Sonntagsessen über den Kopf geschüttet hat. „Dino“ war nicht rechtzeitig genug nach Hause gekommen. „Dino“, der Jugendfußballer, fiel bei Blau-Weiß Spandau auf, als er freistehend einen Meter vor dem Tor den Ball steil in die Luft drosch. Als Seniorenspieler des FC Spandau wurde er bald ins Tor abgeschoben. Hoyzer ist jetzt 52.

Dauerhafte Arbeit habe Peter Hoyzer viele Jahre lang nie gehabt, sagen sie im „Ziegelhof“. Zeitweise habe er bei seinem Bruder geholfen. Der besitzt ein Bauunternehmen. Und beim FC Spandau fungierte er als eine Art Mannschaftsbetreuer. „Aber er war ein Mitläufer und Ja-Sager“, sagt einer. Immer im Schatten von Gerd Achterberg, dem Mann, der in Berlin als Fußball-Größe gilt und beim FC Spandau im Vorstand saß. Wo Achterberg war, war auch Hoyzer. Gemeinsam gingen sie später zu Sachsen Leipzig. Achterberg war Manager, „Hoyzer sein Lakai“, sagt Rocca.

Aber stets war Robert Hoyzer eine stützende Konstante im Leben des Peter Hoyzer. Der Vater fuhr den Sohn zu den Jugendspielen, als der noch selber spielte. „Der Vater hat uns manchmal nach Spielen auch zu einer Fassbrause eingeladen“, erzählt Manuel Koch, der Jugendfreund. „Das war schon ganz nett.“ Peter Hoyzer überredete auch Robert, Schiedsrichter zu werden, weil er das Talent sah. Der Sohn ging zu Hertha BSC, damit begann der steile Aufstieg. Regionalliga, Zweite Bundesliga. Irgendwann, das schien klar, würde Robert Hoyzer eine feste Größe in der Ersten Bundesliga sein. „Seit er zu Hertha gegangen war, wurde er arroganter“, sagt Marjanovic, der „Ziegelhof“-Wirt. Er drückt den Zeigefinger unter seine Nase.

Möglich, dass sich für Peter Hoyzer nun die Trennlinien zwischen realem und virtuellem Aufstieg auflösten und die Karriere des Sohnes sein Gefühl von eigener Bedeutung enorm steigerte. Jedenfalls fiel im „Ziegelhof“ auf, dass sich der Vater als ziemlich große Nummer bei Sachsen Leipzig vorstellte. Dabei leitete er nur „ein paar ABM-Kräfte auf dem Gelände an und erledigte Handlangerdienste“, sagt Rocca. Aber Peter Hoyzer hatte ja einen Dienstwagen. Kein einziges Präsidiumsmitglied hatte einen, aber er, der Mannschaftsbetreuer. „Den hat ihm wohl Achterberg vermittelt“, sagt Rocca. Aber die Limousine genügte nicht. Kurz vor der Insolvenz von Sachsen Leipzig, im Sommer 2001, habe Hoyzer ein BMW-Cabrio bestellt, sagt Rocca. 55 000 Euro teuer, „mit allem Schnickschnack“. Der gleiche Peter Hoyzer habe aber mehrfach Gehaltsvorschuss gefordert. Hoyzer habe damals ungefähr 5000 Mark verdient, „genug, jedenfalls, um eine vierköpfige Familie zu ernähren“. Aber der Betreuer habe im Ruf gestanden, sein Geld am gleichen Abend auf den Kopf zu hauen. In Table-Dance-Bars, in zwielichtigen Kneipen. In einer Szene, in der das Milieu nicht weit weg ist. Peter Hoyzer jedenfalls gab vor der Staatsanwaltschaft selber an, dass seit seiner Rückkehr aus Leipzig das Arbeitslosengeld auf das Konto von Robert Hoyzer überwiesen wurde. Der Vater durfte kein Konto mehr führen. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt, als sich die Situation des Vaters verschärfte, rief Hoyzer bei Rocca an. Was der Sohn nach dem Telefonat unternahm, weiß der Bankexperte nicht. Er hat nie nachgefragt.

Beim FC Spandau hat sich Peter Hoyzer rar gemacht, vor allem, seit der Sohn in den Skandal verwickelt ist. Einmal aber, der Sohn war gerade unter Verdacht geraten, tauchte er auf. Bei einem Spiel des FC Spandau. Er redete nicht viel, der „Dino“. Der Sohn war abgestiegen, es gab keinen Grund zum großen Auftritt.

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