Willmanns Kolumne : Kicken, wenn die Stasi wegkuckt

Weil sie die falsche Musik hörten und die falschen Sachen trugen, wurden Punks von der DDR-Staatsmacht überwacht. Doch manchmal versagte der sonst so zuverlässige Überwachungsapparat, wie bei einem legendären Fußballspiel 1983 in Weimar.

Frank Willmann
Goethe und Schiller - indirekte Zeugen des Fußballklassikers Punks gegen Kunden von 1983.
Goethe und Schiller - indirekte Zeugen des Fußballklassikers Punks gegen Kunden von 1983.Foto: dpa

Das  kleine, aber tüchtige Völkchen der Thüringer war ein ausgesprochenes Volk des Sports. So ist nicht verwunderlich, dass sich der Fußball auch in der grundlangweiligen Arbeiter- und Bauerndiktatur Geltung verschaffte. Der Fußballsport mit der ganzen Fülle seiner unaufhaltsamen Energie. Ich habe mal irgendwo gelesen, es gibt Leute, die nichts mit Ernst bestreiten, ausgenommen das Spiel.

Es war einmal. Wir befinden uns in der DDR im Jahr 1983, als Mauer und Grenzanlagen beide deutschen Staaten trennten. Wurde man beim so genannten illegalen Grenzübertritt erwischt, war einem in der DDR mindestens Gefängnis sicher, nicht selten endete das Leben der Flüchtlinge an der innerdeutschen Grenze. Für die Vollstrecker gab es als Belohnung Sonderurlaub, eine Geldprämie oder eine Beförderung.

Doch es regte sich Widerstand. Der Wind of Punkrock zog durchs Land und erwischte die aufmüpfige Jugend heiß. In einer kleinen Stadt namens Weimar versuchten drei Dutzend junge Menschen ihr Anderssein zu leben. Sie hatten eine ziemlich geile Jugend, auch wenn ihnen die Sicherheitsorgane mächtig zusetzten. Die jungen Leute waren für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) angehende Staatsfeinde. Eine feindlich-negative, ja dekadente Jugend. Weil sie die falsche Musik hörten, weil sie die falschen Sachen sagten, weil ihnen der DDR-Staat Gurkensalat war. Und wenn ein potenzieller Staatsfeind aus dem Fenster lugte, wurde sofort die dicke Berta klargemacht. Der Friede muss bewaffnet sein. Bewaffnet genug, um freche Spatzen zu erlegen.

Was war der Jungpunks schreckliches Vergehen? Sie waren wie alle nachdenklichen Jugendlichen. Wach und auf der Suche. Nach sich, nach dem Sinn des Lebens, nach dem Bild hinter dem Vorhang. Sie spähten nach Alternativen im biederen DDR-Einheitsjugendbrei und wollten nicht über Wachregimenter eine DDR-Karriere begründen. Sie wollten Spaß, sie suchten und fanden ihn. Zum Beispiel beim unorganisierten Fußball.

An die Weimarer Ackerstraße grenzt der Goethepark. Dort gab es eine schöne, ebene Wiese. Ein beliebter, wilder Bolzplatz. Eines Tages trafen sich dort zwei ganz besondere Teams. Punks gegen Kunden. Die achtzehnjährigen gegen die fünfundzwanzigjährigen. Ein Kick der Weltauffassungen im lauen Hauch eines Frühlingstages. Das Evangelium des Fußballs verband sie. Sie rechneten mit Festnahmen, doch die Staatsmacht saß wohl beim Mittag. Sonntag 12 Uhr. Jede Fraktion spielte in Kluft. Punks mit Arbeitsschuhen, Militärstiefeln oder tschechischen Turnschuhen. Kunden in weiten Batikhemden und engen Jeans, mit Jesuslatschen, oder barfuß. Die ästhetische Seite schöner Körperstellungen spielte keine Rolle. Es ging um den wilden Kick.

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