70 Jahre Tagesspiegel - Die Herausgeber : Wo wir unsere Zukunft sehen

Der Tagesspiegel war die erste freie Zeitung in Berlin nach dem Krieg. Als Ort der Freiheit soll er künftig noch mehr der Tagesspiegel der Leser sein, schreiben die Herausgeber.

Sebastian Turner, Giovanni di Lorenzo
Redakteur Andreas Austilat, der ehemalige Regierende Bürgermeister Walter Momper, Redakteurin Elisabeth Binder, der langjährige US-Diplomat Peter Claussen und Fotochef Kai-Uwe Heinrich (v.l.).
Redaktion, Zeitzeugen und Leser im Gespräch: In der Reihe "Zeitung im Salon" tauschten sich im September 2014 Redakteur Andreas...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Jetzt steht der Tagesspiegel wieder vor einem Anfang, aber dieser Neubeginn ist ganz anders. Heute bietet uns die moderne Welt so viele Möglichkeiten, dass wir uns kaum entscheiden können. Als der Tagesspiegel nur wenige Monate nach Kriegsende 1945 gegründet wurde, gab es nur Not und Mangel.

Aber die wichtigste Errungenschaft war allen bewusst: die Freiheit. Auch wenn die Stadt als ganze noch ein halbes Jahrhundert auf sie warten musste. Diese Freiheit ist uns mittlerweile so selbstverständlich, dass wir sie leicht über Flughafenpfusch und Dieselabgase aus den Augen verlieren, wenn nicht das Schicksal der Kriegsflüchtlinge und Asylsuchenden uns daran erinnern würde.

Der Tagesspiegel ist die erste freie Zeitung in der deutschen Hauptstadt nach dem Krieg – jedes Wort in diesem Satz ist eine Verpflichtung. Der Tagesspiegel ist seit seinem ersten Tag ein Ort der Freiheit. Das ist keine pathetische Floskel, sondern die unbestrittene Grundlage, auf der wirklich alles steht.

Die Freude über ein Jubiläum ist nicht die schlechteste Grundstimmung, um darüber nachzudenken, wie die Freiheit auch in Zukunft geschützt werden kann. Heute umzingeln uns nicht die Armeen von Stalin – an dieser Stelle möchte man einfach nur innehalten und sich daran erfreuen, wie klein die Sorgen geworden sind, die uns heute beschäftigen –, heute fordern die Algorithmen von Suchmaschinen unsere Freiheit heraus.

Gesellschaft und Medien sind mitten im Strukturwandel

Viele Jahre haben prosperierende Zeitungen wie Außenstehende über die wirtschaftlichen Zwänge der Welt um sie herum berichtet. Heute sind auch wir mitten im Strukturwandel, der das Leben vieler Menschen prägt. Im Rückblick erscheint manche Wertung von Journalisten fast hochmütig. So lehrt uns der Medienwandel nicht nur ein besseres Verständnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge, sondern auch Respekt vor den vielen, denen die eigene Erneuerung bereits gelungen ist oder immer wieder gelingt.

Wo sieht der Tagesspiegel seine Zukunft, wenn er ein Ort der Freiheit bleiben will? Das Herz dieser Zeitung ist eine kluge, weltoffene und selbstkritische Redaktion, die dem Anspruch unserer Leserinnen und Leser nicht nur verpflichtet ist, sondern auch die Voraussetzungen hat, ihm gerecht zu werden. Diesen Kern wollen wir stärken, indem wir uns mit noch mehr Neugier den Möglichkeiten widmen, die uns der technische Wandel bietet. Wir haben deswegen in unserem Jubiläumsjahr die Anzahl der Volontäre – zugegeben: auf kleiner Basis – verdoppelt und eine neue Abteilung fürs Tüfteln gegründet, deren selbstbewusster Name „Forschung und Entwicklung“ uns ermuntern soll, neue Gedanken nicht allein ihrer Größe wegen schon zu verwerfen.

Tagesspiegel-Herausgeber Giovanni di Lorenzo.
Tagesspiegel-Herausgeber Giovanni di Lorenzo.Foto: Karlheinz Schindler/dpa
Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner.
Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Tagesspiegel ist heute Tageszeitung und Monatszeitschrift, Hauptstadt-Leitmedium und Bezirks-Blog, Onlinedienst und Nachrichten-App, Leseabend und internationaler Kongress, Morgen-Newsletter und Fachverlag. Wir bemühen uns in allen Bereichen um Qualität und es freut uns sehr, dass wir den 70. Geburtstag als amtierende „Zeitung des Jahres“ begehen, die gerade zum zweiten Mal für diesen angesehenen Preis nominiert worden ist. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass die Anzahl unserer Leser steigt, die der gedruckten Zeitung um über sieben Prozent; online und mobil wächst unser Leserkreis noch schneller.

Eine der großen Chancen, die sich dem Tagesspiegel heute bieten, ist die immer engere Bindung an unsere Leser. Wir bekommen heute auf diversen Kanälen mehr Resonanz von unseren Leserinnen und Lesern als je zuvor. Das ist für uns ein besonderes Geschenk, weil wir eine Leserschaft haben, die hinsichtlich ihrer Vielfalt und Kompetenzen kaum übertroffen werden kann. Eine der Aufgaben, die wir uns für die Zukunft gestellt haben, ist, aus diesem Reichtum zu schöpfen. Der Tagesspiegel der Zukunft soll noch mehr Ihr Tagesspiegel sein.

Ein Forum für die Leser

Dabei greifen wir eine große Tradition auf. Schon in den ersten Ausgaben des Tagesspiegels findet sich die Rubrik „Demokratisches Forum“ mit dem einleitenden Satz „Im Zeichen der Meinungsfreiheit sprechen:“ und – im Jahr 1945 – Lesergedanken voller Sorge und Zuversicht.

Der Tagesspiegel blickt auf den Medienwandel in genau dieser Stimmung und findet sich so nach siebzig Jahren an der Stelle, an der er angefangen hat, heute freilich unter ungleich besseren Bedingungen. Berlin ist 2015 keine Ruinenlandschaft mehr, sondern ein Sehnsuchtsort für Menschen aus aller Welt. Sie kommen voller Ideen und Hoffnung in die Stadt, die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt, die demokratische Ordnung ist stabil. Wir haben die Freiheit und wir haben es in der Hand, dass es so bleibt.

Lesen Sie weitere Beiträge zum 70. Tagesspiegel-Geburtstag auf unserer Themenseite.

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Verstehen Sie, warum die Wirtschaft lange vorne lag? Genau. So miesepetrig muss man erst mal gucken können.Weitere Bilder anzeigen
1 von 94Foto: Kitty Kleist-Heinrich
28.09.2015 10:07Verstehen Sie, warum die Wirtschaft lange vorne lag? Genau. So miesepetrig muss man erst mal gucken können.

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