Cyberkriminalität : Politiker rechnen mit Hackerangriffen zur Bundestagswahl

Nicht erst in den USA und Frankreich haben Datenlecks den Wahlkampf beeinflusst. Auch die Bundestagswahl ist bedroht. Doch wie kann sich die deutsche Politik schützen?

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Beim Hackerangriff auf den Bundestag vor zwei Jahren wurde mehrere Gigabyte an Daten erbeutet. (Symbolbild)
Beim Hackerangriff auf den Bundestag vor zwei Jahren wurde mehrere Gigabyte an Daten erbeutet. (Symbolbild)Foto: dpa

Russen oder Rechte? Datendiebstahl oder Datenmanipulation? Hackerangriffe oder Insider-Leaks?

An der Frage, welche Angriffe die größte Sprengkraft im Bundestagswahlkampf haben könnten, scheiden sich die Geister. Bloß in einem sind sich alle einig: Nach Bundestags-Hack, Hillary-Gate und Macron-Leak kann es keinen Zweifel daran geben, dass die Gefahr für die deutsche Parlamentswahl am 24. September real ist.

Thomas Jarzombek, Bundestagsabgeordneter der CDU und Internetpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, lässt keine Zweifel daran aufkommen, wen er für die zurückliegenden Attacken auf die Wahlkämpfe speziell in den USA und Frankreich verantwortlich hält. „Die Entscheidung darüber wird im Kreml getroffen“, sagt er.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Vorfälle von Washington und Paris in Berlin wiederholen, sei hoch. „Ich bin schon lange der Meinung, dass wir die 16 Gigabyte Daten, die beim erfolgreichen Cyberangriff auf den Bundestag vor zwei Jahren abgeflossen sind, alle wiedersehen werden – und zwar in der finalen Wahlkampfphase im September auf der Webseite von BTLeaks.com, die bereits im Januar registriert wurde.“

Datenleck bei der NRW-Wahl 2010

Jarzombek hat 2010 in Nordrhein-Westfalen gesehen, was ein Datenleck anrichten kann. „Bei der Wahl zwischen Jürgen Rüttgers und Hannelore Kraft habe ich erlebt, wie durch Insider alle E-Mails zwischen CDU-Parteizentrale und Staatskanzlei geleakt wurden. Das hat maßgeblich zur Abwahl Rüttgers beigetragen, obwohl er die Polemiken gegen Frau Kraft gar nicht selbst geschrieben hat.“

Michael Kranawetter hat in seiner Jugend selbst programmiert und Computerspiele geschrieben. „Ich will nicht sagen, dass ich selbst ein Hacker war, aber ich habe mich schon damit beschäftigt, wie man Systeme manipulieren kann“, sagte der 47-Jährige. Später hat er sich auf Risikomanagement zur IT-Sicherheit spezialisiert und wurde damit zum Head of Information Security von Microsoft Deutschland. In dieser Funktion berät er auch die Bundesregierung in IT-Sicherheitsfragen.

Kranawetter pflichtet dem Chef des Bundesamtes für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Arne Schönbohm, bei. Er kann sich ebenfalls vorstellen, dass auch Daten der Kanzlerin gehackt und im Wahlkampf missbraucht werden könnten. „Man ist gut beraten, wenn man darauf vorbereitet ist, dass es Angriffe geben wird, die auch einen Bezug zum Wahlkampf haben können. Die Haltung des BSI, vom Worst-Case-Szenario auszugehen, ist genau richtig, denn nur so kann man sich auf alle Eventualitäten vorbereiten“, sagt der Microsoft-Manager.

Doch um welche Gefahren geht es genau? Und wie anfällig sind die politischen Akteure für Attacken aus den Tiefen des Netzes?

Mit den Mitteln von Cyberkriminellen

Da sind zunächst jene Angriffe, bei denen Hacker mit den traditionellen Mitteln von Cyberkriminellen arbeiten, sagt Kranawetter. „Durch Ausnutzung von Sicherheitslücken oder indem Menschen mit Zugriff auf sensible Informationen ausgetrickst werden, können bei Cyberangriffen auf eine Partei, ein Ministerium oder andere staatliche Organisationen vertrauliche oder geheime Informationen an die Öffentlichkeit gelangen und die Meinung beeinflussen.“

Beim Leaken werden solche Daten vorsätzlich veröffentlicht. Die Informationen können sowohl von Cyberangriffen als auch von Insidern stammen. „Cyberangriffe sind eine Gefahr für die Bundestagswahl, aber nicht die einzige.“

Ergebnisse vor Manipulationen schützen

BSI-Chef Schönbohm kennt diese Gefahren: „Wir haben die Netze der Bundesverwaltung für den Wahlkampf noch einmal besonders geschützt“, sagte er kürzlich. Die Parteien und der Bundeswahlleiter würden zudem intensiv beraten. Ergebnisse von Hochrechnungen dürften nicht frühzeitig nach außen dringen. Die Ergebnisse müssten auch vor Manipulation geschützt werden.

Bundeswahlleiter Dieter Sarreither hat derweil eine verstärkte Überwachung der Wahlleitungen angeordnet. „Die Experten des BSI überprüfen unsere Datennetze und suchen nach Schwachstellen. Gleichzeitig führen sie Angriffstests durch, versuchen beispielsweise mit Massenangriffen unsere Internetseite lahmzulegen – und sie versuchen einzubrechen.“

So sollen Cyberattacken im Wahlablauf erkundet und notfalls abgewehrt werden. Am Tag vor dem Wahlsonntag findet eine Generalprobe statt. „Rund 150 Leute von uns sitzen dann alle in Berlin und Wiesbaden an ihren Plätzen. Darüber hinaus schützen wir uns nicht nur digital, sondern auch physisch durch Wachpersonal.“

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