Feminismus : Das Kopftuch-Dilemma

Seit beinahe zwei Jahrzehnten beschäftigt das Kopftuch Politik und Öffentlichkeit. Ausgerechnet Frauenverbände meiden das Thema seit Jahren. Dafür gibt es Gründe.

Kopftuch oder Karriere - das ist nicht erst seit Erlass der Kopftuchgesetze die Entscheidung, vor der viele Frauen stehen. Die Frauenorganisationen schweigen bisher.
Kopftuch oder Karriere - das ist nicht erst seit Erlass der Kopftuchgesetze die Entscheidung, vor der viele Frauen stehen. Die...Foto: imago stock&people

Das Kopftuch beschäftigt Deutschland seit bald zwei Jahrzehnten. Spätestens seit die baden-württembergische Lehramtsreferendarin Fereshta Ludin klagte, weil sie mit bedecktem Kopf nicht in den Schuldienst übernommen werden sollte – das Bundesverfassungsgericht urteilte dazu 2003 –, reden sich unbedeckte wie bedeckte Köpfe praktisch pausenlos heiß über das Thema. Das Kopftuch war Gegenstand von acht Landesgesetzen, mehreren höchstrichterlichen Entscheidungen und einigen Arbeitsgerichtsprozessen.

DOSB: Besser Burkini als kein Sport

Und doch hat das Stück Stoff, das schon so lange Gerichte, Parlamente, Schulverwaltungen, die Öffentlichkeit in Atem hält, eine Ecke der Gesellschaft bisher unberührt gelassen, die frau eigentlich für besonders herausgefordert halten sollte: die deutschen Frauenorganisationen. Ein Beschluss von „Terre des femmes“, die sich kürzlich gegen das Kopftuch von Minderjährigen aussprach, deutet das Dilemma an: Das Kopftuch gilt der Mehrheit des etablierten Feminismus klar als Zeichen der Frauenunterdrückung. Das Verbot des Kopftuchs wiederum diskriminiert Frauen. Ein heikles Thema also. Eine Umfrage des Tagesspiegels unter den mehr als 50 Verbänden im Dachverband Deutscher Frauenrat ergab: Nicht eine hat bisher einen Grundsatzbeschluss zum Kopftuch gefasst. Ausnahmen sind, einigermaßen selbstverständlich, das Aktionsbündnis muslimischer Frauen (AmF) und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der dem Frauenrat über seine Frauenabteilung angehört. Einen förmlichen Beschluss gibt es zwar nicht, aber, so heißt es aus der Spitze des deutschen Sports, „eine klare Akzeptanz des Kopftuchtragens“. In liberalen Gesellschaften sei „die Wahl der Kleidungsstücke Teil der Menschenrechte“. Man versuche seit Jahren, muslimische Frauen und Mädchen für Sportvereine zu interessieren und in den Sport zu holen. „Ob sie mit oder ohne Kopftuch Sport treiben, ist nicht so wichtig.“ Auch den muslimischen Badeanzug, den Burkini, akzeptiert der DOSB: Ein Verbot würde nur dazu führen, dass Frauen aufs Schwimmen verzichten müssten „und sie damit aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen würden“.

Beschlusslage zum Kopftuch: Fehlanzeige

Das gilt freilich noch viel mehr im Berufsleben, wovon die Klagen kopftuchtragender Frauen zeugen, die vor Arbeits- und Verwaltungsgerichten dafür streiten, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen oder auch Arzthelferinnen zu werden. Doch ausgerechnet feministische Organisationen, die sich sonst vehement für Frauen in Männerdomänen einsetzen oder für Lohngerechtigkeit, schweigen zum Komplettausschluss muslimischer Frauen.

Man habe keinen Beschluss, heißt es zum Beispiel beim Deutschen Ärztinnenbund, „da das Kopftuch bisher nicht als grundsätzliches Problem im Alltag von Ärztinnen – und damit auch im Alltag der Patientinnen – angesehen beziehungsweise angesprochen wurde“. Sylvia Kegel, Vorstandsmitglied im Deutschen Ingenieurinnenbund, sieht „keine spezifische Betroffenheit“. Im Verein deutscher Ingenieure teilt die Fachfrau zum Thema mit, ihr Verband sei „mit dieser Thematik nicht konfrontiert“.

Auch der Verband medizinischer Fachberufe sieht sich nicht zuständig. Präsidentin Carmen Gandila verweist auf den relativ hohen Prozentsatz von Migrantinnen in ihrer Branche, sieht für das Thema Kopftuch aber die Justiz zuständig. Wo Arbeitgeber das Kopftuch verböten, zeigten „entsprechende Gerichtsurteile in der Regel aber, dass das nicht mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz vereinbar ist“. Im Lesbenring hat man zum Kopftuch eine „Nichtmeinung“, sagt Vorstandsfrau Ulrike Rolf. Nicht einmal der Deutsche Juristinnen-Bund hat eine Beschlusslage zum Kopftuch und auch die Journalistinnen schweigen. Der Vorstand des Deutschen Akademikerinnenbunds fasste erst nach der Anfrage des Tagesspiegels einen ersten Kopftuchbeschluss – gegen das Tuch: Im Gerichtssaal habe es nichts zu suchen.

"Fehlende Solidarität weißer Frauen mit anderen"

Das Thema scheint vielen peinlich zu sein. Mehr als die trockenen „Betrifft uns nicht“-Statements sind leichter anonym zu bekommen. „Für die Auffassung, Kopftuchverbote seien eine Diskriminierung, gibt es schlicht keine Mehrheit“, sagt die Vorstandsfrau eines großen Frauenverbands, „und demzufolge auch wenig Interesse, sich eine anstrengende und für die eigenen Mitglieder mangels persönlicher Betroffenheit nicht besonders wichtige interne Debatte anzutun.“ Sie sieht das Thema Kopftuch als eine Klassenfrage auch in feministischen Zirkeln: „Man könnte das als fehlende Solidarität der weißen, christlichen Frauen mit anderen Frauen betrachten.“

Für Sabine Berghahn, Juristin und Politikprofessorin in Berlin, die sich seit Jahren gegen Kopftuchverbote engagiert, geht das Problem noch über die organisierten Frauen hinaus. Auch die Szene der Gleichstellungsbeauftragten sei stark gespalten. Noch vor zwei Jahren seien von dort Protestresolutionen gekommen, als die niedersächsische Landesregierung das Kopftuchverbot lockern wollte. Wenig später entschied das Bundesverfassungsgericht – zugunsten der Religionsfreiheit kopftuchtragender Frauen.

Als im März der Europäische Gerichtshof die Klagen zweier Kopftuchträgerinnen abwies – geklagt hatten eine Webdesignerin und die Angestellte eines Sicherheitsunternehmens –, gab es auch von der zuständigen Dienstleistungsgesellschaft Verdi nichts. Man könne da „keine Stellungnahme anbieten“.

Frauenrat: Es mangelt an Nähe zu Betroffenen

Susanne Kahl-Passoth, die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Frauenrats, ist seit drei Jahren dort aktiv. An Diskussionen zum Thema Kopftuch in dieser Zeit kann sie sich nicht erinnern, aber sie sagt: „Ich glaube, wir werden uns damit beschäftigen müssen.“ Ihr selbst, sagt sie, wäre es „wichtig, dass wir dazu irgendwann einmal Stellung beziehen“. Sie sei früher strikt gegen das Kopftuch gewesen, das für sie klar ein Zeichen von Unterdrückung und Diskriminierung gewesen sei. „Das hat sich bei mir radikal verändert, ich habe so viele kluge, ausgezeichnete Frauen mit Kopftuch kennengelernt. Wir müssen darauf differenziert schauen. Schließlich tragen es viele Frauen ja auch, weil sie es als Zeichen ihrer Identität sehen.“ Sie warnt allerdings: Beschlüsse der Frauenverbände dürften nicht wie ein Versuch wirken, Musliminnen zu bevormunden.

Warum in all den Jahren der organisierte Feminismus das Thema scheute, liegt für Kahl-Passoth an einem Mangel an Nähe zu Frauen mit Kopftuch: „Engagement entsteht ja auch aus Beziehung“, bei ihr selbst habe eine muslimische Freundin den Anstoß zu neuem Nachdenken gegeben. Dieser Kontakt fehle eben oft. Und noch etwas brauche es: „Vieles wird davon abhängen, ob muslimische Frauen selbst sich stärker einbringen.“

"Für viele weit weg vom eigenen Leben"

Dafür aber, sagt Gabriele Boos-Niazy vom Aktionsbündnis muslimischer Frauen (AmF), „brauchen wir nicht nur Frauen, die diese Aufgaben übernehmen können, sondern wir brauchen auch Geld, um sie für ihre Arbeit zu bezahlen“. Die AmF-Frauen arbeiten ehrenamtlich, der Verband trägt sich durch Spenden. „In den nächsten vier, fünf Jahren werden wir aber dafür arbeiten, dass wir besser und kontinuierlicher vertreten sind.“

Dass die andern Frauenverbände nicht von selbst auf die Idee kommen, sich für sie zu engagieren, das kann Boos-Niazy nachvollziehen: Das Kopftuch sei „für die meisten sehr weit weg von der eigenen Lebenswirklichkeit, also ein Minderheitenproblem“. Von den Problemen der Mehrheit teilten muslimische und nicht muslimische Frauen viele – „gleicher Lohn für gleiche Arbeit zum Beispiel“. Nur dass es sich, fügt sie hinzu, „für muslimische Frauen mit Kopftuch oft erst einmal darum handelt, überhaupt in diesen Arbeitsmarkt hineinzukommen“.

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