Sport in Krisengebieten : Wie Fußball in Kolumbien den Frieden fördert

Nichts ist motivierender als Erfolg. Darum fördert das Auswärtige Amt in Krisengebieten den Fußball – vor allem von jungen Menschen.

Zusammenhalten. Beim Straßenfußball in Kolumbien. Foto: sfw/Peter Dench
Zusammenhalten. Beim Straßenfußball in Kolumbien. Foto: sfw/Peter DenchFoto: sfw/Peter Dench

Sie treffen sich als Opfer und Täter. Die einen haben Familienangehörige verloren, Freunde oder Nachbarn. Die anderen haben geschossen. Jetzt stehen sie in einem Fußballteam und wollen zusammen das Spiel gewinnen. Das ist keine einmalige Geschichte, sie kann in ganz Kolumbien vorkommen, mehrmals in der Woche. Das Projekt „Fußball für den Frieden und Versöhnung“ bringt ehemalige Rebellen und die Bevölkerung zum Kicken zusammen, und das Projekt ist so außergewöhnlich, dass seine Mitarbeiter gerade besonderen Besuch bekommen haben.

Für seine letzte große Reise als Außenminister hat sich Frank-Walter Steinmeier Kolumbien ausgesucht. Dort bewegt sich derzeit viel. Die Regierung hat im September einen Friedensvertrag mit der Farc- Guerilla geschlossen, Präsident Juan Manuel Santos bekam dafür im Oktober den Friedensnobelpreis. „Nach Jahrzehnten Bürgerkrieg besteht erstmals Aussicht auf Versöhnung. Wir unterstützen den mutig von Präsident Santos angestoßenen Friedensprozess, zum Beispiel im Rahmen des Friedensinstituts in Bogotá, in das auch prominente Fußballer eingebunden sind“, sagte Steinmeier dem Tagesspiegel nach seiner Rückkehr. Sein Reiseziel hatte er sich vielleicht nicht zuletzt deshalb ausgesucht, weil dort zu sehen ist, was für ihn Außenpolitik auch sein kann: „Über lokale Partner tragen wir dazu bei, dass Ex-Rebellen über den Fußball den Weg zurück in die Gesellschaft finden.“

Außenpolitik der Gesellschaften als Vision

Die Außenpolitik der Staaten wollte Steinmeier zu einer Außenpolitik der Gesellschaften weiterentwickeln. Daher kommt Fußball als Mittel von Deutschlands Auswärtiger Kulturpolitik stärker zur Anwendung. „Sport verbindet Menschen über Grenzen hinweg. Das gilt insbesondere für den Fußball als Sport Nummer eins weltweit und Markenzeichen Deutschlands“, sagte Steinmeier.

Deswegen engagiere sich Deutschland in vielen Ländern, „indem wir gerade in Konfliktgebieten jungen Menschen durch Fußball Perspektiven ermöglichen“, sagte er. Im Libanon trainierten mit Unterstützung seines Ministeriums hunderte syrische und libanesische Kinder gemeinsam, die Trainerin der libanesischen U17-Nationalmannschaft habe eine Fortbildung in Deutschland absolviert.

Der Etat der Auswärtigen Kulturpolitik hat ordentlich zugelegt. Von 776 Millionen Euro 2014 auf 923 Millionen 2017. Die Fußballprojekte machen bisher sieben Millionen Euro aus, aber dieser Posten soll weiterwachsen, heißt es im Auswärtigen Amt, und die Projekte seien so langfristig angelegt, dass sie einen Ministerwechsel unbeschadet überstehen.

5000 Spiele in einer kriminalitätsbelasteten Stadt - und kein Zwischenfall

Was mit Fußball möglich ist, kann das Projekt in Kolumbien erzählen. „Wir erreichen Zielgruppen, die klassische Maßnahmen nicht erreichen“, sagt Niklas Soendgen von Streetfootballworld. Seit der Fußball-WM 2006 arbeitet das Auswärtige Amt mit diesem in Berlin ansässigen Netzwerk zusammen. In Kolumbien funktioniert es so: Über ein lokales Partnernetzwerk „bilden wir Friedensstifter aus, das ist ein Mix aus Fußballtrainer und Sozialarbeiter“, berichtet Soendgen. „Sie kommen aus der Zielgruppe selbst und arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in einer Art Fußballtraining plus, einer Mischung aus Fußballspiel und integrierter Dialogförderung.“

Was das bedeutet? Spielen ohne Schiedsrichter. Konflikte müssen selbst gelöst werden. „Opfer und Täter spielen nicht gegeneinander, sondern lernen das Miteinander in einem gemischten Team“, sagt Soendgen, „Der Frieden wird im Fußball gelernt – und von dort in die Gesellschaft getragen.“

Dem Auswärtigen Amt geht es um Entstaatlichung, und durch Sport entstehen Möglichkeiten, Konflikte ohne Politik zu verhandeln. Der Vorsitzende und Gründer des Netzwerks, Jürgen Griesbeck, hat in Kolumbien damit seine ersten Erfahrungen gemacht. Als der Nationalspieler Andres Escobar 1994 in Medellín erschossen wurde, baute Griesbeck dort sein erstes Straßenfußballprojekt auf, um etwas gegen Gewalt und Kriminalität zu tun. In drei Jahren dort kam es bei 5000 Spielen zwischen kolumbianischen Jugendlichen zu keiner gewaltsamen Auseinandersetzung. „In Kolumbien ist das große Thema die Bereitschaft, zu vergeben“, sagt Griesbeck. Es herrsche noch große Skepsis, warum jetzt die Guerilla auf einmal im Parlament sitzen darf. Griesbeck sagt: „Unser Projekt bringt Normalität in eine außergewöhnliche und komplexe Situation. Alle empfinden dieselbe Leidenschaft für den Fußball und bringen die gleiche Kompetenz mit.“ In einer unbeschwerten Konstellation könnten die Beteiligten Vertrauen aufbauen und Vergebung üben. „So unglaublich es zunächst klingen mag, Fußball wird zu einem wesentlichen Baustein für ein neues Kapitel in der Geschichte Kolumbiens“, sagt Griesbeck.

Nichts sei motivierender als Erfolg, heißt es in der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts. Nach den Erfahrungen mit den ersten Fußballprojekten wollen sie verstärkt auf Fußball setzen, denn die Auswärtige Kulturpolitik brauche eine größere Auflagefläche. Das Auswärtige Amt scheint der sportlichen Ehrgeiz gepackt zu haben.

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