Wikipedia : Vorsicht, Eigenwerbung!

Parteien, Firmen und Organisationen legen Wert auf einen Eintrag bei Wikipedia – Manipulationen fliegen schnell auf.

von
So frei! Nicht jeder Wikipedia-Eintrag zu einem Unternehmen, einer Person oder einem Thema ist vollkommen. Doch auch nicht alles ist manipuliert.
So frei! Nicht jeder Wikipedia-Eintrag zu einem Unternehmen, einer Person oder einem Thema ist vollkommen. Doch auch nicht alles...Foto: dpa

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia gehört zu den meistbesuchten Webseiten der Welt. Aber weil jeder am digitalen Wissensspeicher mitschreiben darf, ist das Lexikon zugleich besonders anfällig für Manipulationsversuche. Fünf Jahre lang desinformierte zum Beispiel ein Eintrag unter dem Stichwort Bicholim-Konflikt über den angeblichen Krieg zwischen der ehemaligen Kolonialmacht Portugal und dem indischen Reich der Marathen im 17. Jahrhundert. Tatsächlich waren der Vorfall und alle darin enthaltenen Quellenangaben erfunden. Den Bicholim-Konflikt findet man jedoch noch immer in der Wikipedia – als Beispiel für einen gelungenen Internetscherz.

Doch längst nicht jede Änderung in einem Wikipedia-Eintrag zu einem Unternehmen, einer Person oder einem Thema durch einen Beteiligten sei automatisch eine Manipulation, betont Dirk Franke, der zum Community-Team bei Wikimedia Deutschland gehört. „Viele Unternehmen, Organisationen und Parteien verfügen über verifizierte Wikipedia-Profile“, sagt Franke, der seit zehn Jahren in der deutschsprachigen Wikipedia zu den Themenfeldern Politik und Alltagskommunikation schreibt. Mehr als 2600 solcher bestätigten Zugänge gibt es, darunter sind mehrere CDU-Landesverbände, aber genauso Ortsvereine der SPD und diverse Städte. „Auf jeden bestätigten Account kommen allerdings fünf nicht verifizierte Profile, über die klammheimlich Einträge verändert werden“, sagt Franke.

Die Agenda-Titelseite vom 20. Mai.
Die Agenda-Titelseite vom 20. Mai.Foto: Tsp

Zumeist jedoch mit mäßigem Erfolg. „90 Prozent dieser Manipulationen werden innerhalb weniger Stunden entdeckt und entfernt“, sagt Wikimedia-Mitarbeiter Franke. Vor allem Themen zu aktuellen politischen Fragen stehen unter dauerhafter Beobachtung. Komplizierter wird es bei mittelständischen Unternehmen, aber auch dort fallen allzu offensichtliche Beschönigungen schnell auf. Der Versuch eines deutschen Spielautomatenherstellers, den Begriff Spielsucht durch „zeitweise übertriebenes Spielverhalten“ zu entschärfen, blieb nicht lange unentdeckt.

Oftmals dient der Eintrag nur der Eigenwerbung

Auch die deutsche Geschichte während des Nationalsozialismus ist ein Thema, das einige Firmen gerne aus ihren Wikipedia-Einträgen tilgen würden. Als ein Beispiel nannte das ARD-Magazin „Monitor“, das sich vor kurzem mit Manipulationen bei Wikipedia beschäftigt hat, einen Artikel zu MAN. Darin seien Informationen gelöscht worden, dass der Fahrzeugbauer im Zweiten Weltkrieg Panzer an die Wehrmacht geliefert hätte. Die Löschungen gingen dabei von Internetadressen bei MAN aus, hieß es in dem Bericht.

Dass eine Firma, eine Organisation oder eine politische Interessenvertretung in der Wikipedia mitschreibt, hat jedoch häufig einen ganz anderen Grund. Oftmals dient der Eintrag nur der Eigenwerbung. Denn ein Artikel in dem Onlinelexikon ist bares Geld wert. Geld, das sonst für kostspielige Internetwerbung ausgegeben werden müsste. Die Algorithmen der Suchmaschinen sind so optimiert, dass ein Wikipedia-Eintrag als ein hervorgehobenes Relevanzkriterium gilt. Anders gesagt: Wer in der Wikipedia zu finden ist, rutscht auch beim Google-Ranking weit nach oben. Nicht zuletzt aus diesem Grund achten die Wikipedia-Administratoren darauf, dass in die Internet- Enzyklopädie nur relevante Einträge hineingelangen – beziehungsweise Stichworte ohne diese Fallhöhe umgehend gelöscht werden.

Was ist echt und was nicht? Wikipedia ist so frei - und manchmal manipuliert.
Was ist echt und was nicht? Wikipedia ist so frei - und manchmal manipuliert.Karikatur: Klaus Stuttmann

Damit ein neu erstellter Beitrag über ein Unternehmen Bestand hat, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Als relevant für die Wikipedia gilt die Firma unter anderem dann, wenn sie mindestens 1000 Vollzeitmitarbeiter beschäftigt oder einen Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro im Jahr erwirtschaftet. Weitere Kriterien können sein, dass ein Unternehmen in seinem Sektor Marktführer ist, besonders innovative Produkte herstellt oder dies in der Vergangenheit getan hat. Dirk Franke hat die Erfahrung gemacht, dass sich die meisten größeren Agenturen bei der Erstellung und Bearbeitung von Wikipedia-Artikeln inzwischen an diese Spielregeln halten, anders als „die Unmengen von Hinterhof-Suchmaschinenoptimierern oder mancher fehlgeleitete Praktikant in einer Pressestelle“.

Im Herbst vergangenen Jahres ließ Wikimedia 250 Nutzerprofile löschen

Genauso wie es für die Wikipedia-Artikel Relevanzkriterien gibt, existieren Regeln und Umgangsformen, wenn Beiträge zum eigenen Unternehmen, zur eigenen Person oder Organisation geändert werden sollen. Zentrale Prinzipien sind Transparenz und Neutralität. So sollten alle Informationen und Aussagen mit neutralen und vor allem nachprüfbaren Quellen belegt werden. Mögliche Interessenkonflikte sollten offen benannt werden.

Tatsächlich ist das Mitmach-Lexikon alles andere als machtlos im Umgang mit allzu dreisten PR-Schreibern. Im Herbst vergangenen Jahres ließ die damalige Leiterin der Wikimedia-Stiftung, Sue Gardner, 250 Nutzerprofile löschen, weil sich deren Autoren bezahlen ließen, um für Organisationen oder Produkte zu werben. Das bezahlte Schreiben für Werbezwecke widerspreche den Werten der Wikipedia als neutrale Quelle, schrieb Gardner. Auch in der deutschsprachigen Wikipedia werden monatlich um die 20 Profile gelöscht, weil vermutet werden müsse, dass darüber manipuliert wird, sagt Wikimedia-Mann Franke.

Dieser Text erschien in der "Agenda" vom 20. Mai 2014 - einer neuen Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag in Sitzungswochen des Bundestages erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie jeweils bereits am Montagabend im E-Paper des Tagesspiegels lesen. Ein Abonnement des Tagesspiegels können Sie hier bestellen:

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar