Prof. Dr. Dörte Schmidt : Neue philologische Strategien in der Musikwissenschaft und die Politiken der Forschung

Die UdK Berlin editiert Opern für die historiographische Arbeitund setzt dabei auf die digitale Technik.

Prof. Dr. Dörte Schmidt
Prof. Dr. Dörte SchmidtFoto: Oliver Elsner

Im Idealfall führt unsere Arbeit am Ende zu total analogen Ereignissen – nämlich zu Opernaufführungen auf Bühnen, wie die eben kurz eingespielte von Giuseppe Sartis Fra i due litiganti il terzo gode. Sollten unter ihnen echte Opernfreunde oder auch selbstbewußte Bildungsbürger sein, so könnten sie mit Leporello  bemerken: “die Musik kommt mir so bekannt vor”.

Wir edieren Opern – und zwar die von Mozarts damals viel berühmteren Zeitgenossen Sarti, der uns heute noch im Finale des Don Giovanni als Zitat präsent ist. Wir tun das im Rahmen eines musikhistorischen Forschungsprojektes in Kooperation mit der Hebrew University Jerusalem. Gefördert wird das Gesamtprojekt von der Einsteinstiftung. Unser Part in Berlin nutzt avancierte digitale Editionsmöglichkeiten, um der kosmopolitischen Karriere des Komponisten am Beispiel seiner beiden europaweit meist-aufgeführten Opern in einer Edition die Migration seiner Werke zur Seite zu stellen, die unsere übliche, am 19. Jahrhundert geschulte Vorstellung vom emphatischen Werktext deutlich verändert: Man findet hier nicht den einen Text, sondern viele gleichberechtigte Varianten – für jede Aufführung neue. Was das für die editorische Arbeit konkret heißt, können Sie sich an unserem Stand in der Ausstellung ansehen.

Für unsere Edition nutzen wir das derzeit weltweit führende, in Detmold-Paderborn entwickelte Programm Edirom und die von der Music Encoding Initiative entwickelte Auszeichnungssprache. Wir arbeiten dabei eng mit dem Detmold-Paderborner Zentrum Musik und Medien sowie dem dazu benachbarten deutschen Zweig von Dariah zusammen. Wir tun dies dezidiert als Philologen  mit historischen und ästhetischen Zielen: Unsere digitale Edition eines solchen Netzwerks von Partituren liefert zum einen die Grundlage für historiographische Arbeit, sie ändert aber gleichzeitig auch das Verhältnis der heutigen Aufführenden zur Partitur. Damit solche Editionen Wirkung zeigen braucht man allerdings nicht nur die editorischen Möglichkeiten der digitalen Welt – sondern auch eine Chance auf Beständigkeit des Zugangs zu den daraus resultierenden digitalen Texten, die eben nicht einfach nur digitale Forschungsdaten sind, sondern Kulturgüter überliefern. Damit reichen die Bedürfnisse solcher Projekte weit über diejenigen anderer Wissenschaftszweige hinaus. Projekte wie unseres brauchen dauerhafte Strukturen zur Langzeitverfügbarhaltung und damit institutionalisierte Schnittstellen zwischen Forschung, Dokumentation und IT-Technik. Diese Aufgabe gehört in den Bereich der Kulturellen Erbepflege und kann nicht projektförmig geleistet werden, sondern erfordert dauerhafte politische und finanzielle Unterstützung in öffentlicher Trägerschaft. 

Zur Person

Universität der Künste Berlin, Musikwissenschaft, Projekt: „A Cosmopolitan Composer in Pre-Revolutionary Europe – Giuseppe Sarti“

Dörte Schmidt ist Professorin für Musikwissenschaft an der UdK Berlin und betreibt dort u.a. mehrere digitale Editionsprojekte sowie historische Forschungsprojekte mit digitalen Quellen. Ihre Schwerpunkte liegen in der Musik des 20./21. Jahrhunderts, der Erforschung der Konsequenzen des NS-Exils für die Musik und die Musikkultur der Nachkriegszeit und der Geschichte der Akademisierung der Musik und der auf sie bezogenen Wissenschaft. Sie ist Vizepräsidentin der Gesellschaft für Musikforschung und Mitglied des Präsidiums des Deutschen Musikrats.

Links

https://www.udk-berlin.de/universitaet/fakultaet-musik/institute/institut-musikwissenschaft-musiktheorie-komposition-und-musikuebertragung/musikwissenschaft/forschung/a-cosmopolitan-composer-in-pre-revolutionary-europe-giuseppe-sarti/