E-Mail-Anbieter "Posteo" : "Sicherheit ist nicht nur für Nerds wichtig"

Posteo arbeitet mit Ökostrom, Eigenkapital und Festanstellungen und bietet sichere E-Mail-Accounts an. Die Berliner Firma ist ganz auf der Höhe der Zeit und profitierte von den Snowden-Enthüllungen. Doch das Team um Patrik und Sabrina Löhr will noch mehr erreichen.

Rita Nikolow
Dean Ceulic, Patrik und Sabrina Löhr (v.l.n.r.)
Dean Ceulic, Patrik und Sabrina Löhr (v.l.n.r.)Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ein Mann um die 50 betritt den ersten Raum auf dem Gelände der ehemaligen Schultheiss-Brauerei. Er sieht ein bisschen verloren aus, und das nicht nur, weil er unter einer ziemlich hohen Decke steht. Er schaut auf das ausgelegte Fairphone, den Computerbildschirm, auf dem eine knallgrüne Startseite prangt, und geht hinüber zum Info-Tresen. "Ich wohne in der Nachbarschaft und wollte mal fragen, was man hier kaufen kann." Die Antwort enttäuscht ihn, denn bei Posteo kann man nichts erwerben, was sich zur Tür hinaustragen ließe. Sondern E-Mail-Accounts. Was soll das denn, scheint der Besucher zu denken, murmelt etwas Unverständliches, zieht die Schultern hoch und schlurft zur Tür hinaus.

Am langen Tisch gegenüber erklären die beiden Unternehmensgründer, warum sie das tun: Mail-Accounts verkaufen. Es ist eine längere Geschichte, in der Edward Snowden keine unwichtige Rolle spielt. Sabrina Löhr und ihr Mann Patrik haben sich während der ehrenamtlichen Arbeit für Greenpeace kennengelernt. Damals nutzten sie den Maildienst von Greenpeace Energy. "Als das Angebot eingestellt wurde, haben mich viele Freunde nach einer Alternative gefragt", erinnert sich Patrik Löhr. Die beiden setzen eine eigene Variante auf, die selbstverständlich mit Ökostrom betrieben wird, werbefrei ist und großen Wert auf Sicherheit und Datenschutz legt.

Nach den Snowden-Enthüllungen schnellten die Nutzerzahlen in die Höhe

2009 kommt Posteo auf den Markt. Das Unternehmen wächst langsam – und ausschließlich mit Eigenkapital. Bis Mitte 2013 werden rund 10.000 Accounts verkauft, für die Nutzung bezahlen die Kunden einen Euro im Monat. Sie können sich anonym anmelden und auch bar bezahlen. Als Edward Snowden seine Kenntnisse über die NSA öffentlich macht, schnellen bei Posteo die Accountzahlen in die Höhe, heute sind es rund 100.000.

Für Sabrina und Patrik Löhr ist das kein Grund zur Aufregung, ihre Ziele sind und bleiben erstens: die Sicherheitsstandards weiterzuentwickeln. Und zweitens: intensiv mit den Nutzern zu kommunizieren und vor allem auf der Homepage zu erklären, wie jeder Kunde seine Elektropost noch besser verschlüsseln kann. Wer sich das trotzdem nicht zutraut, kann es sich auch auf dem Brauerei-Gelände zeigen lassen.

Als erstes deutsches Unternehmen einen Transparenzbericht veröffentlicht

"Sicherheit in der digitalen Kommunikation ist für alle wichtig, nicht nur für Nerds", sagt Sabrina Löhr, die früher im Agenturbereich und der Öffentlichkeitsarbeit ihr Geld verdient hat und bei Posteo für die Redaktion, Pressearbeit und das Design zuständig ist. Ihr Mann ist Geschäftsführer, kümmert sich um die Verwaltung und leitet das Entwicklerteam. Dean Ceulic ist im vergangenen Sommer dazugekommen, er betreut die Öffentlichkeitsarbeit und das Marketing. "Datenschutz ist für Deutschland ein positiver Standortfaktor", sagt er. Neben den dreien gibt es bei Posteo noch elf weitere Mitarbeiter, alle haben unbefristete Verträge. Auf die Frage nach einer Wachstumsprognose reagiert Sabrina Löhr verhalten. Das lasse man auf sich zukommen. Leuchtende Augen bekommen sie und ihre Kollegen bei anderen Themen, etwa dem, dass sie größere Mitbewerber dazu gebracht haben, Sicherheitstechnologien wie die zwingende Verschlüsselung bei der Verbindung von Mail-Programmen anzuwenden.

Oder beim Transparenzbericht, den sie 2014 als erstes deutsches Telekommunikationsunternehmen veröffentlichten. Vorher musste in einem Rechtsgutachten geklärt werden, ob deutsche Anbieter das überhaupt dürfen – in den USA sind diese Veröffentlichungen üblich. Der Bericht dokumentiert alle Anfragen von Strafverfolgungsbehörden und Nachrichtendiensten, die Posteo 2013 bekommen hat (sieben) und zeigt, in wie vielen Fällen Daten übergeben werden mussten (in einem). In diesem Fall legten die Behörden einen formal korrekten Beschluss zur Beschlagnahmung und laufenden Überwachung eines Postfachs vor. Die Telekom war übrigens der zweite deutsche Anbieter, der einen Transparenzbericht veröffentlichte – ein paar Stunden, nachdem der von Posteo in der Welt war.

Dieses Stück erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin "Köpfe" aus dem Tagesspiegel-Verlag, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen

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