Start-ups im Handwerk : Ins Netz gegangen

Ein sehr traditioneller Bereich digitalisiert sich: In Berlin entstehen Start-ups im Handwerk. Und sie schicken sich an, eine ganze Branche aufzurollen.

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Justus Klocke (l.) und Jonathan Kohl von Renovinga Foto: Andreas Kirsch
Justus Klocke (l.) und Jonathan Kohl von RenovingaFoto: Andreas Kirsch

Vor einigen Jahren renovierte Jonathan Kohl ein Mehrfamilienhaus für seine Großeltern. Dabei stellte er fest, wie kompliziert es ist, gute Handwerker zu finden, sie zu koordinieren und hinterher einschätzen zu können, ob sie gute Arbeit geleistet haben. Daraus entstand die Idee für Renovinga: Man sollte eine Plattform bauen, auf der man gute Handwerker finden kann, dachte Kohl sich. "Das Handwerk ist ein extrem komplizierter Bereich", sagt sein Mitgründer Justus Klocke. "Wenn man in eine andere Stadt zieht, wo man niemanden kennt, aber dringend jemanden für die Renovierung braucht, fühlt man sich in dem Wust schnell allein gelassen."

Die beiden launchten Renovinga im vergangenen September. Doch es ist mehr als eine bloße Handwerkervermittlung. Der Kunde gibt das Komplettpaket an das Start-up, und dort kümmert man sich um alles: Ein Bauleiter nimmt die Baustelle in Augenschein, vergibt die Aufträge an die unterschiedlichen Gewerke und koordiniert sie. "Wir kennen unsere Handwerker und Dienstleister und wissen auch, wie sie ausgelastet sind", sagt Klocke. Bundesweit wollen sie das ausrollen, momentan haben sie ihr Netzwerk vor allem in urbanen Regionen gesponnen, wie Berlin, Hamburg oder München. Abgeschaut haben sich die beiden Gründer dabei einiges von MyHammer, der Vermittlungsplattform, die schon seit elf Jahren am Markt und der bekannteste Akteur in diesem Bereich ist. MyHammer bietet keine eigenen Leistungen an, sondern vermittelt Aufträge zwischen Kunden und mittlerweile 17.000 Betrieben, die sich auf der Plattform tummeln.

Wie erfolgreich das ist? Unklar

Für den Kunden ist es bequem, seine Aufträge über Renovinga abzuwickeln. Er muss sich nicht wie bei MyHammer durch verschiedene Angebote wühlen. Das Start-up ist sein Ansprechpartner in allen Fragen, er begleicht am Ende nur eine Rechnung und kann sich auch dorthin wenden, wenn es um Gewährleistungsansprüche geht. Auch die Handwerker profitieren von diesem System: Sie müssen keine Akquise mehr machen, sondern bekommen fertige Aufträge, können mit kleineren Aufträgen auch mal eine Lücke füllen und so für eine bessere Auslastung sorgen. Wie erfolgreich dieses Konzept bisher ist, darüber schweigen die Gründer sich noch aus – Zahlen geben sie nicht heraus. Doch dass sie mittlerweile elf Mitarbeiter beschäftigen, immerhin das verrät Klocke.

Auch Renovago fing im Privatkundenbereich an. Das konnten auch schon mal Kleckeraufträge sein wie einen Schrank zusammenbauen, erzählt Ronen Goft, der das Start-up im vergangenen November zusammen mit Alexander Hollmann gegründet hat. Doch obwohl ihr Unternehmen erst ein gutes halbes Jahr alt ist, haben die beiden es bereits kräftig umgebaut. "Wir nehmen kaum noch Kleinstaufträge an, sondern bedienen Großkunden«, erzählt Goft. Heute ist Renovago so etwas wie ein moderner Hausmeisterdienst. Die Kunden sind Gewerbekunden oder Hausverwaltungen, die ihre Aufträge nach Bedarf platzieren. Abgerechnet wird stundenweise, viele der Handwerker sind direkt bei Renovago angestellt.

Keinen Digital-Hintergrund

Im Gegensatz zu Renovinga hat Renovago ganz klar einen Berliner Fokus: Alle Kunden sitzen in der Stadt. Und mit Großkunden zu arbeiten, hat noch einen weiteren Vorteil: "Wenn es um Wohnungsrenovierungen geht, wollen Hausverwaltungen Standardpakete. Fliesen, Farbe, Bodenbeläge – das kann man leicht vorhalten." Goft kennt die Bedürfnisse der Hausverwalter, er war selbst einer. Und er weiß: Wenn es um eine Renovierung oder eine Baustelle geht und der Verwalter beginnt, herumzutelefonieren, ist er genauso ein Laie wie viele Privatkunden. In diese Lücke stößt das Angebot von Renovago: Die Verwaltung gibt den Auftrag an das Start-up, um den Rest wird sich dann dort gekümmert. Auch Renovago gibt sich bedeckt, was seine Zahlen angeht. "Wir haben gut zu tun", sagt Goft lediglich und lacht.

Ronen Goft (l.) und Alexander Hollmann von Renovago Foto: Mark Feigman
Ronen Goft (l.) und Alexander Hollmann von RenovagoFoto: Mark Feigman

Beide Gründerpaare haben keinen Digital-Hintergrund, sondern kommen aus der Immobilien- und Baubranche. Goft von Renovago und Klocke von Renovinga arbeiteten beide in einer Hausverwaltung. Dass sie nun aufgrund dieser Erfahrungen gegründet haben, gibt einen Hinweis darauf, wie kompliziert die Branche ist und wie schwer es ist, dort den Überblick zu behalten. Dazu trägt bei, dass das Handwerk eine recht konservative Branche ist und wenig im Netz stattfindet, immer noch wird nur ein kleiner Teil der Aufträge über das Internet vermittelt. Genaue Zahlen gibt es dazu aber nicht.

Der Schritt ins Netz ist notwendig

Thermondo ist da schon etwas weiter. Das Unternehmen wurde im Oktober 2012 von Philipp Pausder und Florian Tetzlaff gegründet und hat gerade 23,5 Millionen Euro eingesammelt. Thermondo ist ein Heizungsbauer, der geschickt alte und neue Welt verknüpft: Mithilfe eines eigens geschriebenen Algorithmus plant er die Heizung, bei Thermondo angestellte Handwerker installieren sie dann. Sehr schnell soll das gehen, just in time liefert Thermondo jeden Morgen an die Baustelle, was benötigt wird. Spontane Trips zum Baumarkt, weil irgendein Teil fehlt, sollen wegfallen. "Wir sind gleichzeitig ein Handwerks- und ein Digitalunternehmen", sagt Pausder. "Und wir respektieren beide Teile unserer DNA gleichermaßen." Er ist überzeugt: Die digitale Transformation wird alle Bereiche der Gesellschaft durchwirken, und gerade beobachten wir, wie sie die Handwerksbranche erfasst.

Eine Entwicklung, die vom Platzhirsch MyHammer mit großem Interesse verfolgt wird. "Das Thema kommt langsam an", sagt Sprecher Matthias Niebuhr. Denn als MyHammer vor elf Jahren an den Start ging, war da viel Skepsis. Doch der Schritt ins Netz war notwendig. "Es kann doch nicht sein, dass ein so wichtiger Wirtschaftszweig vom Internet abgekoppelt bleibt", meint Niebuhr. Und die Aufregung, die den Launch von MyHammer begleitet hatte, scheint sich tatsächlich gelegt zu haben – auch weder die Handwerkskammer noch der Zentralverband des Handwerks stoßen sich an den Gründungen. Wie der Kunde seinen Handwerker findet, das spielt für sie eine untergeordnete Rolle. "Das ist eben Marktwirtschaft", heißt es vom Zentralverband.

Dieses Stück erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin "Köpfe" aus dem Tagesspiegel-Verlag, das Sie hier bekommen können: Tagesspiegel Köpfe bestellen

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