• 25 Jahre Mauerfall im historischen Live-Blog: 17. November 1989: Millionenansturm zum Wochenende erwartet

25 Jahre Mauerfall im historischen Live-Blog : 17. November 1989: Millionenansturm zum Wochenende erwartet

Die neue Regierung der DDR nimmt ihre Arbeit auf. Radikale Reformen werden angekündigt. Zum Start des Wochenendes bereitet man sich in der Bundesrepublik und in West-Berlin wieder auf einen Massenansturm von DDR-Bürgern vor. Verfolgen Sie die Tage nach dem Fall der Mauer in unserem historischen Live-Blog.

Thomas Heil
Der Grenzübergang in der Invalidenstraße (hier am 10. November) ist für den Massenansturm von DDR-Bürgern zu klein. Seit dem Morgen des 17. November wird er deutlich verbreitert. Dafür müssen auch die Mauern links und rechts des Durchgangs weichen.
Der Grenzübergang in der Invalidenstraße (hier am 10. November) ist für den Massenansturm von DDR-Bürgern zu klein. Seit dem...Foto: imago

17. November 1989:

20:00 Uhr: DDR-Jugend will nicht im Kapitalismus leben

Dem neuesten ZDF-Politbarometer zufolge spricht sich eine knappe Mehrheit von 55 Prozent der Bundesbürger für die Bildung eines gemeinsamen deutschen Staates aus. Dagegen sind 45 Prozent der Ansicht, es sollten weiterhin zwei voneinander unabhängige deutsche Staaten existieren. Dies korrespondiert zumindest teilweise mit den Vorstellungen der jungen DDR-Bürger. Auf die Frage des Zentralinstituts für Jugendforschung in Leipzig, welchen Entwicklungsweg das Land in Zukunft nehmen solle, bevorzugen 86 Prozent einen reformierten Sozialismus. Lediglich fünf Prozent wünschen einen kapitalistischen Weg. Weitere neun Prozent können sich einen Dritten Weg vorstellen.

Interessante Ergebnisse bringt auch die Sonntagsfrage. Die bislang dominierende SED würde zwar stärkste Kraft in der Volkskammer bleiben, müsste aber bei einem Stimmenanteil von nur noch 33 Prozent empfindliche Verluste hinnehmen und würde vermutlich ohne Partner in der Opposition landen. Zweitstärkste Kraft wären die Liberaldemokraten mit 21 Prozent, die von ihrem frühzeitigen Umschwenken auf einen Reformkurs profitieren würden. Auf dem dritten Platz würde das Neue Forum folgen (17 %), das damit seine führende Rolle unter den neuen Gruppierungen unterstreicht. Die CDU würde bei zehn Prozent landen, abgeschlagen die Bauernpartei (5 %) und die NDPD (3 %) folgen. Auf alle Anderen würden elf Prozent entfallen.

Noch sind Volkskammerneuwahlen keine beschlossene Sache, nach Darstellung der SED-Koalitionspartner in der Volkskammer scheinen sie aber nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

18:00 Uhr: DDR-Studenten verlangen Mitbestimmung

In Ost-Berlin findet eine landesweite Studentendemonstration statt. Mehr als 10.000 Studenten fordern "Tiefenreinigung statt Wiedervereinigung." Der obligatorische Marxismus-Leninismus-Unterricht soll abgeschafft werden. Die mittlerweile an vielen Universitäten und Hochschulen gebildeten unabhängigen Studentenräte sollen anerkannt und den Studenten umfassende Mitbestimmung in allen Hochschulangelegenheiten gewährt werden. In Greifswald entschuldigt sich eine Studentin öffentlich bei ihren chinesischen Kommilitonen für das Schweigen der Universitäten und der Studentenschaft nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking.

17:00 Uhr: Großdemonstration in Prag

Die Ereignisse in der DDR beflügeln auch den Wunsch der tschechoslowakischen Bevölkerung. Seit dem Sturz des Prager Frühlings 1968 durch Truppen des Warschauer Pakts regiert in der CSSR ein besonders schwerfälliges kommunistisches Regime. Die Beton-Sozialisten auf dem Hradschin nehmen mit Staunen den Verfall der Macht der ostdeutschen Genossen zur Kenntnis. Der Funke der Freiheitsbewegung ist indes längst auf die eigene Bevölkerung geflogen. Nicht nur in den schon seit längerem mit nichtsozialistischen Praktiken experimentierenden Nachbarländern Polen und Ungarn gewinnen die Menschen eine ganz neue Denk- und Bewegungsfreiheit. Ausgerechnet in der DDR, die trotz ihres vergleichsweise hohen Lebensstandards eines der am strammsten marschierenden Mitglieder der sozialistischen Gemeinschaft war, haben die Menschen auf friedliche Weise die Regierung in die Knie gezwungen und die auf lange Sicht unverrückbar erscheinende Grenze aufgebrochen. Nun fordern auch Tschechen und Slowaken weitere politische Reformen. In Prag demonstrieren heute etwa 30.000 Menschen. Noch wird auch diese Kundgebung gewaltsam aufgelöst. Doch lange wird sich das Regime nicht mehr halten.

16:00 Uhr: Ladenschlusszeit wird vielerorts aufgehoben

Angesichts des erneuten Massenansturms von DDR-Bürgern am zweiten Wochenende nach dem Fall der Mauer, plant die Bundesregierung, den innerdeutschen Reiseverkehr neu zu regeln. Kanzleramtsminister Seiters, der am Montag (20.11.) zu Gesprächen in die DDR reist, soll unter anderem die erleichterte Einreise von Westdeutschen in die DDR regeln. Bislang benötigen Bürger aus der BRD und aus West-Berlin ein Einreisevisum und müssen weiterhin 25 DM zwangsweise umtauschen. Die Ausstattung der Ostdeutschen mit Devisen soll verbessert, das Begrüßungsgeld neu geregelt werden.

Währenddessen sind viele westdeutsche Kommunen dazu übergegangen, die Ladenschlusszeiten am Wochenende auszuweiten oder gar ganz aufzuheben. An den nächsten beiden Tagen werden bis zu zwei Millionen konsumfreudige DDR-Bürger erwartet. In West-Berlin bilden sich lange Warteschlangen in den Billig-Einkaufsketten. DDR-Mark überschwemmen derweil die Wechselstuben der Stadt. Der Umtauschkurs fällt zwischenzeitlich bis auf 20:1.

Die von der Reichsbahn eingesetzten Sonderzüge sind zum Bersten überfüllt. An den innerdeutschen Grenzübergängen staut sich der Verkehr auf bis zu 70 Kilometern.

15:00 Uhr: DDR geht auf EG zu

Die DDR sucht die Zusammenarbeit mit der Europäischen Gemeinschaft (EG) zu vertiefen. Man strebt dabei nicht nur engere Handelsbeziehungen an. Auch Verträge über breit gefächerte wirtschaftliche Kooperationen werden angestrebt.

14:50 Uhr: DDR-Künstler wollen die Mauer bemalen

Die Mitglieder des Verbandes Bildender Künstler beschließen mit Unterstützung des Kulturministeriums, die Berliner Mauer nun auch auf DDR-Seite großflächig zu bemalen. Bislang waren derartige Aktionen im gesperrten Grenzgebiet nicht möglich. Nach einem ersten Versuch am Potsdamer Platz wurde der Beton nachts von den Grenztruppen grau überstrichen. Schon bald werden zahlreiche Künstler aus aller Welt beginnen, die Mauer künstlerisch aufzuwerten - am prominentesten und bis heute erhalten am Teilstück in der Mühlenstraße, der mittlerweile weltberühmten East Side Gallery.

Meter für Meter - die komplette East Side Gallery
Bevor sie vielleicht doch zerstückelt wird, sind wir die 1316 Meter der East Side Gallery abgelaufen und haben jedes einzelne Stück Mauerkunst im Bild festgehalten. Wir beginnen an der Oberbaumbrücke mit Oskar (Hans Bierbrauer) und "Ohne Titel".Weitere Bilder anzeigen
1 von 309Foto: Kitty Kleist-Heinrich
31.03.2015 17:41Bevor sie vielleicht doch zerstückelt wird, sind wir die 1316 Meter der East Side Gallery abgelaufen und haben jedes einzelne...

14:45 Uhr: Zahlreiche Vereinigungen gegründet

Rasant verändert sich das gesellschaftliche Antlitz der DDR. Wie das Innenministerium in einem Zwischenbericht feststellt, bestehen mittlerweile 154 Vereinigungen im Land. Für weitere 37 beabsichtigte Gründungen liegen bereits Anträge vor.

Derweil muss Kurt Tiedke, Rektor der Parteihochschule des ZK der SED - dem bisherigen Zentrum des altstalinistischen Denkens in der DDR - zurücktreten. Auch die Abschaffung oder zumindest generelle Umstrukturierung der Einrichtung wird gefordert.

14:30 Uhr: Koalitionspartner fordern Neuwahlen

Im Anschluss an Modrows Regierungserklärung findet in der Volkskammer eine Aussprache zum Regierungsprogramm statt. Wolfgang Herger erklärt als Fraktionssprecher der SED, man werde künftig die Trennung von Partei und Staat akzeptieren. Herger verspricht, dass sich weder Politbüro noch ZK der SED in die Regierungsarbeit einmischen werden. Manfred Gerlach, Vorsitzender der nun eigenständig mitregierenden LDPD, macht deutlich, dass die Liberaldemokraten trotz Regierungsbeteiligung die Durchführung allgemeiner, freier und geheimer Wahlen im nächsten Jahr anstrebt.

14:15 Uhr: Deutsch-deutsche Kooperation als Teil einer neuen internationalen Ordnung

In der überregionalen Wochenzeitschrift Die Zeit beschäftigt sich Chefredakteur Theo Sommer mit dem deutsch-deutschen Verhältnis. Sollten in der DDR Reformen gelingen, ein Mehrparteiensystem etabliert und die Wirtschaft entkalkt werden und die Herrschaft des Rechts unbezweifelbar sein, würde die DDR der BRD gleichen, "wiewohl ein paar Zoll nach links versetzt." Eine Wiedervereinigung müsse dann nicht automatisch folgen.

Die Idee von Günter Gaus, nach der sich eine deutsch-deutsche Sachkonföderation in einem größeren westeuropäisch-osteuropäischen Kooperationsverbund eingliedern würde, der wiederum Teil einer amerikanisch-sowjetischen Kooperation sei, wird auch in der DDR von Vielen aufgegriffen. Danach würden die beiden deutschen Staaten in den Bereichen Umwelt, Verkehr, Energie und Wirtschaft gemeinsam agieren als ein Art funktionale Einheit bei fortdauernder Teilung. Dieser Gedanke wird zum außenpolitischen Leitmotiv der Regierung Modrow.

14:00 Uhr: Sorge vor Ausverkauf

In der Presse findet derweil eine rege Auseinandersetzung über die Frage statt, wie Wirtschaft und Währung der DDR reformiert werden sollen. Im LDPD-Organ Der Morgen schlägt ein Vertreter des Akademieinstituts für Wirtschaftswissenschaften eine Währungsreform als unverzichtbaren Bestandteil der Wirtschaftsreformen vor. Als Ergebnis müsse eine "neue, frei konvertierbare Mark der DDR mit einem stabilen Wechselkurs zu den westeuropäischen Leitwährungen" anvisiert werden. Diesem Gedanken schließt sich auch die designierte Wirtschaftsministerin an - Prof. Dr. Christa Luft (SED) amtierte zuvor als Rektorin der Hochschule für Ökonomie Berlin.

Die Konvertibilität der DDR-Markt lehnt der Nestor der DDR-Wirtschaftswissenschaften Jürgen Kuzcynski in der Wirtschaftswoche dagegen ab. Die überstürzte Grenzöffnung habe für die Wirtschaft der DDR gefährliche Folgen. Der unkontrollierte Tausch von DDR-Mark in Westgeld könne ganz real zum Ausverkauf der DDR führen. Vor der Einführung einer konvertiblen Währung müsse man "erst ein neues wissenschaftlich-technisches Niveau erreichen." Unter den derzeitigen Umständen hat Kuzcynski aber auch keine Idee, wie man dies umsetzen könne. Er sei "in Sorge um die DDR."

Auch der 1979 ausgebürgerte SED-Reformer Rudolf Bahro hofft in der taz, dass der Teil Deutschlands, der "eine demokratisch-politische Revolution zustande gebracht hat, nicht gleich aufgesogen wird von dem ökonomisch fürchterlich überlegenen und zugleich selbstmörderischen westlichen System."

Bahro hat 1977 mit "Die Alternative", einer kritischen Analyse des real existierenden Sozialismus, vor allem im Westen für Aufsehen gesorgt. Wegen „landesverräterischer Sammlung von Nachrichten“ und „Geheimnisverrats“ zu acht Jahren Haft verurteilt, wird Bahro nach internationalen Protest- und Solidaritätsbekundungen freigelassen. In der BRD engagiert er sich auf dem linken Flügel der Grünen.

In diesen Tagen kündigt er seine Rückkehr in die DDR an, um die er ernsthaft besorgt ist. Die "Autonomie des politischen Prozesses" müsse erhalten werden. Bahro hält es für "absurd, in dem Augenblick, wo die DDR endlich volkseigen wird," ihren Ausverkauf bilanzieren zu müssen.

13:00 Uhr: Modrow stellt Kabinett vor

In der Volkskammer stellt Ministerpräsident Hans Modrow sein neues Kabinett vor. Es stellt 28 - statt wie bisher 44 - Minister, von denen 17 von der SED kommen und elf von den Koalitionspartnern. Vier Ministerien gehen an die LDPD, drei an die CDU. Mit je zwei Ministern sind die NDPD und die Bauernpartei vertreten. Neun Minister dienten schon in der alten Regierung. Das bei der Bevölkerung verhasste Ministerium für Staatssicherheit wird aufgelöst und durch ein kleineres Amt für Nationale Sicherheit ersetzt. Die neue Regierung soll sich am Samstag (18.11.) der Bestätigung durch die Volkskammer stellen.

12:00 Uhr: Modrow kündigt radikale Reformen an

Mit Spannung wird die Regierungserklärung des neuen Ministerpräsidenten Hans Modrow erwartet. Ist eine neue Politik vor Neuwahlen überhaupt möglich? In der Volkskammer kündigt Modrow am Vormittag weitreichende Reformen an. Man wolle die zentrale Planung der Wirtschaft abbauen und die Zusammenarbeit mit dem Westen vertiefen.

Modrow erklärt, die alte Staatsführung habe die DDR in eine tiefe Krise geführt. Sie sei nur durch radikale Reformen zu überwinden. Modrow bittet um Vertrauen. Mit Ehrlichkeit und Kompetenz wolle die Regierung dafür sorgen, dass der Geist der Erneuerung in nahezu alle Lebensbereiche einzieht. Der Reformprozess, das stellt der Regierungschef klar, sei unumkehrbar.

Ein neues Wahl-, Medien- und Reisegesetz werden angekündigt. Das Strafrecht wird reformiert, ein ziviler Wehrersatzdienst eingeführt.

Ihr Hauptaugenmerk wird die Regierung aber der Sanierung der maroden Volkswirtschaft widmen müssen. Dies soll auch mit der Einführung marktwirtschaftlicher Elemente erreicht werden. Die nach wie vor dominierende Planwirtschaft soll entbürokratisiert, aber nicht abgeschafft werden. In diesem Zusammenhang soll eine Vertragsgemeinschaft mit der Bundesrepublik geschaffen werden.

Einen Volkswirtschaftsplan und einen Haushalt aufzustellen, ist gegenwärtig nicht möglich Dazu müsse die Regierung erst Einnahmen und Ausgaben realistisch durchrechnen.

Die Souveränität und Eigenständigkeit der DDR aber, auch das macht Modrow klar, bleibt unantastbar.

10:00 Uhr: Besucheransturm setzt ein

Der für das Wochenende erwartete Besucheransturm aus der DDR setzt in den Morgenstunden ein. Bis zum frühen Nachmittag sind schon 400.000 Ostdeutsche in das Bundesgebiet und nach West-Berlin gereist. Zur Feierabendzeit, vor allem aber für morgen wird eine deutliche Zunahme des Reiseverkehrs erwartet. Allein in West-Berlin rechnet man mit zwei Millionen Besuchern aus der DDR. Zahlreiche neue Grenzübergänge sind inzwischen an der innerdeutschen Grenze und an der Berliner Mauer geöffnet worden, alte Übergänge werden ausgebaut. So wird zum Beispiel seit dem Morgen der Grenzübergang in der Invalidenstraße verbreitert.

08:00 Uhr: Wolf rechnet mit Prozess gegen Honecker

Der ehemalige Chef der DDR-Auslandsspionage Markus Wolf rechnet in einem Interview mit der BILD-Zeitung damit, dass der frühere SED-Generalsekretär Erich Honecker und der abgesetzte ZK-Sekretär für Wirtschaftsfragen Günter Mittag als Hauptverantwortliche für die Krise der DDR schon bald vor Gericht gestellt werden. Dies sei schon notwendig, um das Vertrauen des Volkes zurückgewinnen zu können. Nach einer Verurteilung rechnet Wolf aber mit der Aussetzung der Strafen zur Bewährung.

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