Dritte Generation Ostdeutschland : "Wir müssen lauter werden und sagen, was wir denken"

Juliane Dietrich ist 1982 in Zittau geboren, Johannes Dietrich 1978 in Ost-Berlin. Im Rahmen des Netzwerkes "Dritte Generation Ostdeutschland" bieten sie Biografie-Workshops an.

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Johannes und Juliane Dietrich kommen aus Ost-Berlin und Zittau. Heute leben die beiden in Potsdam.
Johannes und Juliane Dietrich kommen aus Ost-Berlin und Zittau. Heute leben die beiden in Potsdam.Foto: privat

Wann sind Sie das erste Mal auf die Initiative aufmerksam geworden?

Juliane Dietrich: Ich war vor drei Jahren beim ersten Generationstreffen, und es war ein großartiges Gefühl. Wir haben uns drei Tage lang getroffen und miteinander über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesprochen. Ich habe mich von Anfang an sehr verbunden gefühlt mit allen Leuten, die auf der Konferenz waren und auch anschließend bei den Netzwerktreffen. Ich hatte das Gefühl, irgendwie "ticken" wir alle gleich.

Johannes Dietrich: Auch ich war 2011 beim ersten Generationstreffen in Berlin. Ich fühle mich dieser Generation verbunden, weil ich Erfahrungen mit ihr teile.

Das sind Erfahrungen aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen, die in einem Land gelebt haben, das es nicht mehr gibt. Ein Land, in dessen Schulen nicht nur Mathe, Lesen und Schreiben gelehrt wurde, sondern auch Gärtnern, Werken, Disziplin, Fleiß, Betragen und Ordnung.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der DDR, der Wende und der Wiedervereinigung?

Juliane Dietrich: Meine Erinnerungen an die DDR sind der Kindergarten, das gemeinsame Spielen im Hof mit den Nachbarskindern und meinem besten Freund aus dem Pfarrhaus und die Gemeindenachmittage in der Kirche. Den Kindergarten fand ich schrecklich, ich wollte da nicht hin. Die Erzieherinnen empfand ich als sehr streng, und ich hatte kaum Freunde, mit denen ich gespielt habe. Auch die Spiele und das Basteln haben mir nicht gefallen. Das Mittagessen im Kindergarten war sehr stressig, weil es mir nicht geschmeckt hatte, ich es aber unbedingt essen sollte. Während der Wende erinnere ich mich daran, wie eine Lehrerin mich fragte, ob ich Klassensprecherin werden möchte, mir aber nicht sagen konnte, was das genau heißt. Auf meine Frage, was das denn bedeutet, meinte sie: "Ich weiß es auch nicht, aber du bist doch eine von denen." Es war absurd. Nach der Wiedervereinigung wurden viele Fabriken geschlossen, viele Eltern meiner Freunde wurden arbeitslos. Toll war unsere erste Auslandsreise nach der Wende nach Norwegen mit dem Wartburg. Die Wasserfälle dort haben mich besonders beeindruckt.

Johannes Dietrich: Da ich bis 1989 in die Grundschule "Ernst-Thälmann" ging, sind die Erlebnisse von dort am lebendigsten. Schule machte mir Spaß, vor allem Mathe und bei den Mathe-Olympiaden habe ich viele erste Preise gewonnen. Die deutsch-polnischen Ferienlager in Körbiskrug bei Berlin sind mir ebenso in positiver Erinnerung, genauso wie der Zelturlaub mit Familie und Verwandten in Sophienstädt. Mit der Wende verbinde ich ein euphorisches Gefühl. Mich reizte vieles von dem, was ich heute als verdummend oder gesundheitsschädigend bewerte: grelle Werbeschilder, Getränke aus Aluminiumbehältern, Kaubonbons ohne Ende sowie große Autos. Mit der Nachwendezeit verbinde ich entsprechend Ernüchterung. Mir wurde klar, dass hinter all den funkelnden Verheißungen viel heiße Luft steckt, produziert von einer unermüdlichen Konsummaschine. Mich störte schon damals die ungleiche Verteilung von Ressourcen in der Gesellschaft, die teilweise skurrile Blüten trägt: die einen fahren Mehrtonner-Autos, die an Panzer erinnern, die anderen ernähren sich von Essensresten ("Die Tafel"). Beides fand und finde ich unnötig.

Welche Beziehungen haben Sie heute noch zu Ihrem Geburtsort?

Juliane Dietrich: Meine ganze Familie lebt in Seifhennersdorf, dem Ort, wo ich aufgewachsen bin oder in der direkten Umgebung. Den Kontakt zu Freunden habe ich verloren. Ich kann mir nicht vorstellen, direkt dorthin wieder zu gehen, trage mich aber mit dem Gedanken, ein Jahr lang in die Sächsische Schweiz in die Heimat der Eltern meines Mannes zu gehen. Das ist relativ nah an der Oberlausitz und wunderschön!

Sie bieten zusammen Biografie-Workshops an. Welche Erfahrungen haben Sie bisher dadurch gesammelt?

Johannes Dietrich: In den Workshops kommen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zusammen. Es ist bereichernd, anderen Menschen zuzuhören, sich selbst auszudrücken, und dadurch Stücke der eigenen Identität wiederzugewinnen. Kernstück der Biografie-Workshops sind die Phasen, in denen sich Menschen in Kleingruppen einfach intensiv zuhören. Dabei spricht immer nur eine Person, die anderen hören zu.

Juliane Dietrich: Wichtig ist, dass wir nicht über die Erfahrungen oder Meinungen diskutieren. Zu sehen, wie motiviert und inspiriert die Teilnehmer aus den Workshops herausgehen, das fühlt sich wie ein riesiger Schatz an Erfahrungen und Emotionen an, zu dem ich Zugang bekomme, und wodurch ich auch lerne und wachse.

Juliane, Sie sprechen auf Ihrer Homepage davon, dass Sie in Ihrer Vergangenheit auch mit negativen Kommentaren zum Thema "Ostdeutsche" konfrontiert wurden. Was ist Ihnen konkret durch diese Erlebnisse bewusst geworden?

Diese Erlebnisse und negativen Kommentare machen mich sehr wütend. Diese Bemerkungen zeigen mir, dass manche Westdeutsche keine Ahnung davon haben, was es heißt, in der DDR geboren zu sein und das eigene Leben jetzt zu "meistern". Dass es kein Bewusstsein darüber gibt, was ein unterschiedlicher Zugang zu Ressourcen für Auswirkungen haben kann. Was es heißt, dass das Leben der Eltern, Geschwister und Familien komplett umgekrempelt worden ist. Jetzt treffe ich zum Glück immer mehr Westdeutsche, die mir zuhören, mir Fragen stellen, anstatt mir gleich ihre Meinung aufzudrücken. Das ist sehr heilsam.

Sie bieten am 28. Oktober auch einen generationsübergreifenden Biografie-Workshop an. Warum ist Ihnen dieser Dialog wichtig?

Juliane Dietrich: Wir können viel voneinander lernen. Die Jüngeren von den Älteren und vielleicht auch umgekehrt. Das gemeinsame Gespräch ist wichtig, um die Grenzen des Schweigens, Nicht-Verstehens, Nicht-Zuhörenwollens, Nicht-Fragens zu überwinden. Es gibt viel, worüber wir miteinander sprechen können!

Johannes Dietrich: Insbesondere, weil wir von diesen Generationen einen anderen Blick auf die DDR-Vergangenheit bekommen können. Leider finden aber Gespräche oft nicht statt, auch nicht in der eigenen Familie. Wir sind also auf dem DDR-Auge noch etwas schwachsichtig. Dabei haben unsere Eltern- und Großelterngenerationen spannende Geschichten zu erzählen und können die DDR in einen größeren Rahmen der Geschichte einordnen.

Wie bewerten Sie es, dass manche der "Dritten Generation Ost" vorwerfen, eine "Selbsthilfegruppe" zu sein, oder die Vergangenheit zu verklären?

Juliane Dietrich: Das ist Quatsch! Wir reflektieren die Vergangenheit, um daraus zu lernen und gemeinsam Gegenwart und Zukunft mitzugestalten. Das ist ein politischer Anspruch und hat mit Selbsthilfegruppe nichts zu tun!

Johannes Dietrich: Nach dem Kalten Krieg war die Vereinigung der BRD mit der DDR ein historisches Ereignis von immenser Bedeutung. Sich um Aufarbeitung der DDR-, Wende- und Nachwendezeit in Eigenregie sowie um einen klaren Blick auf die eigene Vergangenheit zu bemühen, ist keine Verklärung, sondern Emanzipation.

Stellen Sie irgendwelche Erwartungen an die Initiative oder an Ihre Generation insgesamt?

Juliane Dietrich: Ja, ich habe sehr hohe Erwartungen. Ich wünsche mir, dass die Menschen der Initiative mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten miteinander kooperieren. An die Generation insgesamt stelle ich die Erwartung, dass wir lauter werden und sagen, was wir denken – in den Zusammenhängen, in denen wir tätig sind. Dass wir mutiger werden, uns unserer Vergangenheit zu stellen und den Problemen in Ostdeutschland gegenübertreten.

Welche Hoffnungen oder Wünsche verbinden Sie mit Ostdeutschland oder Deutschland insgesamt?

Juliane Dietrich: Mich beschäftigt sehr stark der Rechtsextremismus in den ostdeutschen Regionen. Meine Hoffnung ist, dass er nicht noch stärker wird, und ich würde mir wünschen, dass die Menschen vor Ort andere Möglichkeiten für sich finden, sich auszudrücken. Deutschland ist ein Einwanderungsland und ich wünsche mir ein buntes Leben - auch in Ostdeutschland!

Johannes Dietrich: Ich habe die Erwartung, dass wir uns nicht von halbgarer Kritik und Besserwissertum zum Schweigen bringen lassen. Ich wünsche meiner Generation, dass sie bei entscheidenden Herausforderungen wie dem Klimawandel, den Flüchtlingsströmen und bei Wertefragen gemeinsam Lösungen entwickelt.

Nächste Veranstaltungen von Juliane und Johannes Dietrich: Lesung aus dem Buch "Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen" am 4. November 2014 in Potsdam, ein intergenerationeller Workshop am 28. Oktober 2014 in der Villa Schöningen in Potsdam. Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage.

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