Die erste Predigt will Seyran Ates selbst halten

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Berliner Moschee für liberale Muslime : "Der Islam gehört nicht den Fanatikern"
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Seyran Ates im Moscheeraum, der gerade hergerichtet wird.
Seyran Ates im Moscheeraum, der gerade hergerichtet wird.Thilo Rückeis

Abdel-Hakim Ourghi sagt, es gebe überall auf der Welt Muslime, die ihre Religion reformieren wollten. „Bloß sind die Stimmen zu leise, oft auch bedroht.“ Schon in der Vergangenheit habe der Islam etliche Erneuerer hervorgebracht. Nach einem der wichtigsten ist die Moabiter Moschee benannt: Der andalusische Philosoph und Arzt Ibn Rushd, der im 12. Jahrhundert in Córdoba geboren wurde, gilt als Vordenker einer islamischen Aufklärung. Als Namenspatron dachten die Gründer auch an Johann Wolfgang von Goethe, denn der sei ein großer Bewunderer der islamischen Theologie gewesen.

Über die Genese des Moscheeprojekts hat Ates ein Buch geschrieben, das am Freitag erscheint. Darin erklärt sie, dass sie das Gotteshaus am liebsten nach einer Frau benannt hätte. In der Planungsphase fielen ihnen allerdings nur Mohammeds Frauen Hatice und Ayse ein, so aber hießen weltweit schon etliche Moscheen. Außerdem würden bei Ayse negative Assoziationen geweckt, da diese Ehe bereits im Kindesalter geschlossen wurde. Deshalb nun also: Ibn-Rushd-Goethe-Moschee.

Statt eines Vereins haben sie eine gemeinnützige GmbH gegründet, wie es derzeit viele NGOs tun. Ates hat 10000 Euro in das Projekt gesteckt, sie regelte die Formalien mit Anwälten und dem Steuerberater. Künftig soll sich die Moschee über Spenden finanzieren.

Besuch aus Los Angeles

Zu den bekanntesten heutigen Reformern des Islams gehört die in Malaysia geborene, in Los Angeles lebende Ani Zonneveld. Am Dienstag landet sie in Berlin, am Freitag wird sie in Moabit den Ezan, den Ruf des Muezzins, vor dem Gebet übernehmen. Ates selbst hält anschließend die Predigt. Es wird ihre erste, und sie sagt, sie sei deshalb einerseits nervös. Andererseits hätten die meisten ihrer Vorträge der vergangenen Jahre auch bereits predigthafte Züge gehabt. „Weil ich immer den Anspruch habe, Menschen wachzurütteln und zum Nachdenken aufzufordern.“ Ihre Ansprache soll von der Liebe handeln. Die von Gott zu den Menschen und die der Menschen untereinander.

Neben der Vorbereitung der Predigt muss Ates noch profanere Dinge erledigen. Zum Beispiel schauen, wo sie ein paar weitere Gebetsteppiche herbekommt. Die ersten 30 hat ihre Schwester vergangene Woche aus der Türkei mitgebracht, mehr konnte sie nicht schleppen. Und während der eine Bruder oben die Wände zu Ende streicht, will der andere im Erdgeschoss drei zusätzliche Becken installieren, für das Waschritual vor dem Gottesdienst. Die Geschwister unterstützen das Projekt, wo sie können. Aber sie haben auch Angst um ihre Schwester.

Aus der Schweiz wird am Freitag eine weitere Gründerin anreisen: die tunesisch-schweizerische Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli. Sie sagt, ein Teil des Problems der europäischen Muslime sei, dass sie auf Anweisungen der islamischen Rechtsgelehrten aus Saudi-Arabien oder von der Azhar-Universität in Kairo hörten. „Diese Männer haben keine Ahnung, wie Leben in Europa aussieht.“ Es sei fahrlässig, denen die Deutungshoheit zu überlassen. Vor allem unsinnige Verbote will Saïda Keller-Messahli nicht gelten lassen. Etwa die Vorschrift, eine muslimische Frau dürfe keinen Nichtmuslimen heiraten. Oder dass vorehelischer Sex verboten sei. „Wir Moderaten sehen dafür keine religiöse Grundlage. Deshalb akzeptieren wir keine Fatwa, die das behauptet.“

Seyran Ates will noch einen Schritt weiter gehen. Sie möchte, dass die Moschee ein Ort wird, an dem man sogar den Propheten kritisieren darf. Für Salafisten eine extreme Provokation. Aber Ates sagt: „Er hat sich doch selbst kritisiert. Es gibt Überlieferungen, in denen er zweifelt, ob alles richtig ist, was er macht.“ Ihrer Ansicht nach ist Mohammed zum Beispiel „mit der ersten Ehefrau sehr, sehr gut gefahren“. Das mit der Vielehe hätte er sein lassen können.

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