Besucher im eigenen Land : Enttäuschte Erwartungen: Die Rückkehr eines Immigranten

Vergangenes Jahr begleitete der Tagesspiegel den Gastarbeiter Ibrahim Dione von Dakar nach Spanien und zurück. Jetzt ist die Reportage mit dem Axel-Springer-Preis 2014 ausgezeichnet worden.

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Auf 30 Quadratmetern. Ibrahim Dione, 38, ahnte nicht, dass seine Familie inzwischen in so ärmlichen Verhältnissen lebt. .
Auf 30 Quadratmetern. Ibrahim Dione, 38, ahnte nicht, dass seine Familie inzwischen in so ärmlichen Verhältnissen lebt. .Foto: Veronica Frenzel

Als er alle Geschenke aus dem silberfarbenen Hartschalenkoffer verteilt hat – als letztes die pinkfarbenen Adidas-Turnschuhe für seine Tochter –, bedankt sich niemand bei ihm. Keine seiner drei Schwestern, keiner der drei Brüder, nicht die Mutter, nicht die zwei Nichten, auch nicht seine Frau und auch nicht die Tochter. Sie sagen gar nichts, starren ihn, Ibrahim Dione, 38 Jahre alt, nur an. Erwartungsvoll.

Später wird er sagen, dass es ihn traurig gemacht hat, dass sich niemand bedankt hat. Aber er wird auch erklären, dass er damit gerechnet habe, keinen Dank zu bekommen. Er kenne die Erwartungen der Familie.

Jetzt sagt Ibrahim Dione nichts. Er kniet auf dem Fliesenboden vor dem Koffer, zwei flackernde Kerzen erleuchten sein Gesicht. Sein Blick hetzt von einem zum anderen. Der Ruf des Muezzins dringt durch die Nacht. Ibrahim Dione schließt den leeren Koffer und räumt ihn beiseite.

Sechs Jahre und zehn Monate war er fort

Es ist Diones erster Tag, er ist heimgekehrt nach Dakar. Sechs Jahre und zehn Monate war er fort, als Immigrant in Spanien. In dieser Zeit ist seine Tochter groß geworden, elf Jahre alt ist sie mittlerweile. Zwei seiner Schwestern haben Kinder bekommen, seine Großeltern sind gestorben. Seine Frau ist so abgemagert, dass er sie fast nicht wiedererkannt hätte. Es ist kein Tag vergangen, an dem er sich nicht um seine Familie sorgte.

Als der Muezzin verstummt, steht Ibrahim Diones Schwester Marianne auf und erklärt: „Du musst uns aus dieser Wohnung holen“.

Die Wohnung, aus der Dione seine elfköpfige Familie holen soll, liegt in der letzten Etage eines vierstöckigen Hauses nicht weit vom Zentrum von Dakar. Sie hat zwei Zimmer und höchstens 30 Quadratmeter. Auf den Schränken, auf dem Fernseher und auf dem einzigen Bett stehen Töpfe und Eimer. Sie fangen Wasser auf, das von der Zimmerdecke tropft. Am Nachmittag hat es geregnet. Wasser aus dem Hahn gibt es nicht, der Strom fällt immer wieder aus, vor allem nach einem Wolkenbruch.

Dione bleibt stumm. Seine Schwester Marianne nimmt zwei große Eimer und öffnet die Tür. „Ich geh Wasser holen“, sagt sie. Ibrahim Dione schaut ihr hinterher, seine Schultern hängen herab, sein Oberkörper ist nach vorn gebeugt.

Er wusste, dass es seiner Familie nicht gut geht, sagt er später. Aber er habe nicht geahnt, wie schlecht es läuft.

Nur zwei Stunden zuvor ist Ibrahim Dione in Dakar gelandet. Im Flugzeug betrachtete er jede Seite des Bordmagazins, studierte die Zeitung, die die Stewardessen verteilt hatten, auch das Kinoprogramm. Sein Versuch, sich abzulenken, war mäßig erfolgreich. Drei Nächte hatte er wach gelegen vor Aufregung. Auch jetzt war an Schlaf nicht mehr zu denken. Also blätterte er. Und als er Magazin und Zeitung durchhatte, dachte er nach.

Über seinen Plan, den er nach dem Kauf des Flugtickets vor drei Monaten gefasst hatte. Mit seiner Familie wollte er über die schwierige Situation in Europa reden. Am Telefon wagte er das nie, wollte seine Mutter nicht beunruhigen, eine herzkranke Frau. Jetzt ging er die Dinge durch, die er sagen wollte. Zuerst würde er allen erklären, wie schlecht es für ihn gerade in Europa läuft, dass es immer weniger Arbeit gibt für Immigranten, dass die Löhne sinken. Dann würde er seine jüngeren Geschwister auffordern, mehr zum Familienhaushalt beizutragen. Er würde die Wahrheit sagen. Er würde sagen, dass er mehr einfach nicht tun kann.

Als er sich all das einmal aufgesagt hat, spricht er im Flugzeug über die Erwartungen, die er hatte, als er nach Spanien aufbrach. Damals dachte er, er würde nach spätestens drei Jahren das erste Mal zurückkommen. Mit richtig viel Geld und einem Auto voller Geschenke. Er war überzeugt, dass nur der Weg nach Europa beschwerlich sei. Dass er, einmal in Spanien angekommen, arbeiten, viel Geld verdienen und seiner Familie schnell ein besseres Leben bescheren würde, mit einer Wohnung, die ihr gehörte. Dass seine Schwestern und seine Frau nie mehr arbeiten müssten.

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