Der Ex-Pirat im Porträt : Christopher Lauer: der Entschleunigte

Politik bedeutet, auf Verschleiß zu fahren. Das hat er nach drei Jahren im Berliner Landesparlament festgestellt. Von den Piraten trennte er sich im Streit. Und nun? Aufhören? Weitermachen? Fast wirkt Christopher Lauer enttäuscht. Dabei ist von ihm noch einiges zu erwarten.

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Christopher Lauer galt einmal als die Piraten-Ausgabe von Joschka Fischer. Im Abgeordnetenhaus redet er gern, erpicht auf jedes Wortgefecht.
Christopher Lauer galt einmal als die Piraten-Ausgabe von Joschka Fischer. Im Abgeordnetenhaus redet er gern, erpicht auf jedes...Foto: Paul Zinken/dpa

Die Tische weiß gedeckt, die Wände hell, die Decken hoch. Da, an der Säule, sitzt Innensenator Frank Henkel mit seinem Staatssekretär. Ein paar Tische weiter der Pirat Martin Delius, vor sich einen Latte Macchiato. Sein Gegenüber ist am Nachmittag des Plenarsitzungstags im Abgeordnetenhaus schon beim Weizenbier angekommen. Im Kasino des Berliner Landesparlaments ist die Atmosphäre ausgeruht. Dieser Tag ist keiner von der Art, die Christopher Lauer auf Tempo bringen. Eine Cola, ein doppelter Espresso, alles zusammen bestellt – das hat jetzt seine Logik.

Man könnte meinen, Christopher Lauer wäre durch mit der Politik. „Ich glaub, ich frag’ in der Fragestunde einfach, welche Serien der Senat empfehlen kann. Entspricht ungefähr dem Niveau des AGHs“, twitterte der Abgeordnete und ehemalige Berliner Piraten-Chef jüngst zur Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses (AGH). Der sarkastische Tweet sagt einiges über Lauers Politikverständnis. „Berlins berühmtester Pirat“ – so hat ihn vor Monaten die „B.Z.“ bezeichnet – glaubt durchaus an die Möglichkeiten der Opposition, durch bohrendes Befragen des Senats zu wirken. Er glaubt auch, dass der parlamentarische Prozess „Niveau“ haben kann. Er glaubt, deshalb fragt und twittert er gerne, an die Wirkung von Worten. „Ja, Oppositionsarbeit geht“, sagt er. Bloß ist ihm der Glaube daran vergangen, mit den Piraten auf lange Sicht viel bewirken zu können.

Komplett desillusioniert? Nach nur drei Jahren?

Nach gerade drei Jahren im Berliner Landesparlament sieht es so aus, als sei Lauer komplett desillusioniert. Was die Piraten angeht, sowieso, aber auch mit Blick auf die Politik insgesamt. Das hängt nicht allein mit dem Niedergang der Piratenpartei zusammen. Von der hat er sich im September im Streit getrennt, den Berliner Landesvorsitz gab er auf. Der Fraktion im Abgeordnetenhaus gehört er noch an. Und nun? Aufhören? Weitermachen? Christopher Lauer könnte die Partei wechseln und Karriere machen. Oder umsteigen, seine Netzkenntnisse, sein politisches Wissen, seine Kommunikationsbegabung beruflich nutzen.

Aktuell macht er beides – Berliner Politik und Beratung. Vor Wochen hat er bekannt gegeben, dass er einen Vertrag mit dem größten Berliner Medienunternehmen (Springer) geschlossen hat. Vorerst bis März berate er den Konzern in einem konkreten Projekt zum Datenschutz und zur Datensicherheit, sagt er. Sein Honorar liege zwischen 3500 und 7000 Euro im Monat – Lauer gibt die Höhe nach den Verhaltensregeln des Bundestags an. Bald wird er sich entscheiden müssen: für oder gegen die Politik. Er könnte Gespräche mit den Frontfrauen und -männern anderer Parteien führen, um die weitere politische Laufbahn zu planen und sich einen Listenplatz zu sichern, sei es bei der SPD, bei den Grünen oder bei den Linken. Wenn man ihn aber nach seiner Zukunft fragt, ist davon keine Rede.

Schade eigentlich. Für einen, der gerade 30 Jahre alt geworden ist, hat Lauer einiges geschafft, nicht bloß politische Prominenz. Er ist einer, der sich Führungsämter zutraut, ob in der Bundes- oder in der Berliner Landespolitik. Im Abgeordnetenhaus gehört er zu den Angesehenen unter den Piraten, auch CDU- Leute sprechen gut über ihn. Lauer ist talkshowfest und eloquent – keiner von den Netz-Nerds, die einem nicht in die Augen sehen können. Ein Selbstdenker mit Selbstbewusstsein. Und einer, der mit seiner schwarz-gerandeten Brille, dem Dreitagebart und dem Gespür für die zum Anlass passende Garderobe nicht wie ein im Kapuzenpulli verschwindender Bewohner des Internets wirkt, sondern wie einer, der in der analogen Welt wahrgenommen werden will.

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