Deutschlands bekannteste Streetart-Künstlerin : Wer ist Barbara?

Für ihre anonym geklebten Schilder hat Barbara soeben den Grimme-Online-Award gewonnen. Ihre Identität hält sie trotzdem geheim. Doch es gibt eine heiße Spur.

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Auf dem Boxhagener Platz brachte Barbara 100 Schilder an. Foto: dpa
Auf dem Boxhagener Platz brachte Barbara im Juni 100 Schilder an. Ihre Fans informierte sie über Facebook.Foto: dpa

Sie hatte angekündigt, dass sie persönlich vor Ort sein werde. Irgendwo auf dem Boxhagener Platz, um zu sehen, wie die Menschen in Berlin auf ihre Werke reagieren. Ob sie lachen, sich wundern, rätseln. 100 Schilder hatte sie versprochen, an jenem Donnerstag vor drei Wochen.

Weil aber niemand das Gesicht der Künstlerin kennt, standen alle im Verdacht, Barbara zu sein. Die junge Frau auf der Parkbank. Die Punkerin auf der Liegewiese. Auch der Mann, der seinen Hund ausführte. Weiß ja keiner, ob Barbara tatsächlich eine Frau ist.

Und überhaupt: Wer garantiert, dass es sich um einen einzelnen Menschen handelt, nicht um ein Kollektiv?

Innerhalb von zwei Jahren ist Barbara zur meistbeachteten Streetart-Künstlerin Deutschlands geworden. Die „Tagesthemen“ und der „Spiegel“ feiern sie, auf Facebook und Instagram folgen ihr 600 000 Leute. Soeben wurde Barbara mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet. Der Preisverleihung vor zehn Tagen in Köln blieb sie fern. Behauptet sie jedenfalls.

Künstler, die ihre Arbeiten ungefragt im öffentlichen Raum anbringen, wollen häufig anonym bleiben. Sie begehen schließlich oft Sachbeschädigungen, wenn sie ihre Botschaften etwa an Häuserwände sprühen. Barbaras Schilder sind dagegen bloß mit doppelseitigem Klebeband fixiert, lassen sich rückstandsfrei entfernen. Sie überdauern nie länger als ein paar Tage, dann hat sie jemand zerknüllt oder mit nach Hause genommen.

Ein erster Chat mit Barbara

Es heißt, Barbara habe lange Zeit in Berlin gewohnt, inzwischen sei sie nach Heidelberg gezogen, halte sich aber weiterhin viel in der Hauptstadt auf. Sie gibt grundsätzlich keine persönlichen Interviews. Auch keine telefonischen. Auf Tagesspiegel-Anfrage erklärt sie sich jedoch zu einem Chat auf Facebook bereit.

Dienstagvormittag, 11 Uhr. Frage an Barbara: „Schon da?“

„Ja, ich bin da.“

Sie schreibt, sie sitze in ihrem Garten in Heidelberg, an einem Tisch im Schatten, weil sonst die Sonne auf den Bildschirm ihres Laptops knallen würde und sie nichts mehr erkennen könnte. Sie schreibt auch, da seien gerade Tauben im Garten, die den anderen Vögeln das Futter klauten.

Vielleicht stimmt das. Vielleicht lügt Barbara und hockt in Wahrheit in einer Kreuzberger WG-Küche. Immerhin bestätigt der Wetterdienst im Internet, dass in Heidelberg gerade die Sonne scheint. Mehr lässt sich nicht überprüfen.

Barbara behauptet, sie sei kein Kollektiv, sondern eine einzelne Person. Wie alt? „Jünger als Angela Merkel und älter als Justin Bieber.“ Auch ihr Geschlecht möchte sie nicht verraten: „Ich bin ein Mensch.“ Sie fürchtet, dass sie sich nicht mehr so frei bewegen kann, wenn die Welt erfährt, dass sie Barbara ist.

Street Art von Barbara am Boxi
Noten für starke Gefühle. Die Straßenkünstlerin Barbara hatte Anfang Juni rund 100 ihrer Schilder rund um die Liegewiese auf dem Boxhagener Platz in Friedrichshain geklebt. Sehen Sie hier eine kleine Auswahl! Foto: Henning OnkenWeitere Bilder anzeigen
1 von 31Foto: Henning Onken
21.06.2016 09:25Noten für starke Gefühle. Die Straßenkünstlerin Barbara hatte Anfang Juni rund 100 ihrer Schilder rund um die Liegewiese auf dem...

„Hurra, ich klebe noch“, stand vor drei Wochen auf einem der Schilder ihrer Überraschungsausstellung. Auf einem anderen war zu lesen: „In Deutschland wird viel zu selten auf den Straßen getanzt.“ Und daneben, unter einem Foto von Beatrix von Storch: „Fremdenhass, das ist bekannt, endet oft hungrig am Dönerstand.“ Den Boxhagener Platz, schreibt Barbara im Chat, habe sie als Kulisse gewählt, weil er ein besonderer Ort in ihrem Leben sei. Auf der Wiese in seiner Mitte habe sie zum ersten Mal geküsst. „Das war wunderschön, wenn auch etwas schlabbrig.“

Barbara chattet so, wie sie Schilder betextet: charmant und augenzwinkernd. Mit dem Verlauf der Ausstellung sei sie überaus zufrieden. „Am wichtigsten ist, dass ich unerkannt geblieben bin, obwohl ich mitten in Berlin an einem beliebten Ort 100 Schilder geklebt habe. Das war ein Spießrutenlauf.“

Wie hat sie das überhaupt hingekriegt: so viele Werke an Zäunen befestigen, ohne aufzufliegen, ohne von irgendwem mit dem Handy fotografiert zu werden?

Barbara antwortet, sie habe schon den Tag vor der Aktion auf dem Platz verbracht. Um zu beobachten, wer dort zu welcher Zeit verkehre. Am nächsten Morgen sei sie dann früh hin, die Ausdrucke in einer kleinen Tasche. „Um 9 Uhr ist es sehr ruhig am Boxi, aber es gibt zwei Obdachlose, die jetzt meine Identität kennen, weil sie mir zugeschaut haben.“ Und weiter: „Interessanterweise haben die später anwesenden Journalisten alle möglichen Menschen zu meiner Ausstellung befragt, aber keiner ist an die Obdachlosen herangetreten, die den gesamten Vormittag da waren. Zu meinem Glück.“

Ob es sie nervt, dass Menschen neugierig sind zu erfahren, wer sich hinter dem Pseudonym Barbara verbirgt? Dieses Mal dauert es, bis Barbara antwortet. Als müssten sich erst mehrere Personen auf eine Formulierung einigen. Dann schreibt sie: „Nein, es nervt mich überhaupt nicht, obwohl ich es schwer nachvollziehen kann.“

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