Die Beatles und wir : Yeah, yeah, yeah

Platz eins bis fünf in den Charts: Vor 50 Jahren schafften die Beatles in den USA ihren Durchbruch. Ein Ereignis, das mehr war als nur eine Fußnote in der Geschichte.

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Die Beatles, Anfang 1964 in Paris.
Die Beatles, Anfang 1964 in Paris.Foto: AFP

Lauter bedeutende Epochenjahre dieses Jahr, 1914, 1939, 1989. Da geht die eine oder andere welthistorische Wegmarke leicht unter. Zum Beispiel jene Tage Ende März, Anfang April 1964. Wahrscheinlich ist es kein wirklich bedeutendes Ereignis, für sich genommen. Eine Fußnote der Geschichte. Aber auch Fußnoten gehören zum Text. Jedenfalls schafften es vor ziemlich genau 50 Jahren vier Liverpooler mit eigenwilligen Frisuren, einfach mal so die ersten fünf Plätze in den amerikanischen Billboard-Charts zu belegen. Für Nichteingeweihte: mit „Can’t Buy me Love“, „Twist and Shout“, „She Loves You“, „I Want to Hold Your Hand“, „Please, Please Me“. Heute zum Belächeln, klar, reine Teeniemusik, purer Kommerz, aber sie hatten schon einen gewissen Drive. Sieben weitere Songs standen weiter hinten in der Hitliste. Das gab es vorher nicht und nachher nie mehr. Irgendwas muss also dran gewesen sein.

„Beatlemania“ beschäftigte schon bald die Soziologen. Dazu gehörte heftiges Weinen in und vor Konzertsälen, Dauergekreische, Ohnmachtsanfälle. Die männliche Jugend entwickelte Neidgefühle. So wurden die Beatles Idole für eine Generation. Sie zeigten, dass man für die Rente vorsorgen kann, ohne ins graue Büro zu gehen oder in die schmutzige Fabrik. Sie hatten eine entkrampfende Wirkung auf Millionen junger Leute.

1964 machte die Vier weltberühmt. Sie wurden zum Inbegriff einer Zeitenwende. Auch wenn es sich eigentlich nur um eine englische Boygroup handelte, die doch nur spielen wollte, ein bisschen besser als andere, aber was sollte da noch kommen, nach fünf Spitzenplätzen? John Lennon und die anderen dachten sich das damals wahrscheinlich auch. Vier Jahre später donnerte „Revolution“ aus dem Radio.

Was die Beatles bedeuteten, weshalb sie so „revolutionär“ waren trotz ihrer biederen Anzüge und dem Diener am Ende des Konzerts, das wird klar, wenn man die damaligen Titelbilder des deutschen Jugendmagazins schlechthin anschaut, also „Bravo“. Da sah man brave Gesichter, Thomas Fritsch, Pierre Brice, Lilo Pulver, Kilius/Bäumler, Rex Gildo und als exotische Abwechslung die blonde Dänin Gitte. Ach ja, Freddie Quinn war auch dabei. Und dann die Beatles. Mehrfach sogar, sie waren ja schlecht zu ignorieren. Die „Bravo“- Redaktion distanzierte sich, indem sie eine Beatles-Perücke beilegte.

1964 begann eine neue Zeit. Jetzt brach durch, was Rock ’ n ’ Roll, Rockabilly, der frühe Soul vorbereitet hatten. Die Jugend begehrte auf, und sie drückte das musikalisch aus. In Großbritannien, in den USA, in Deutschland, fast überall. Selbst in der DDR musste man sich bald mit dem Problem der „Beat-Musik“ und unsozialistischen Haarlängen beschäftigen. Später im Jahr kamen die Rolling Stones, die Sache wurde wilder. Dann kamen die Who, es wurde noch etwas verwegener. Ende 1964 trafen die vier Liverpooler irgendwo in Amerika auf Bob Dylan. Der Rest ist Geschichte. Die Sache wurde anspruchsvoller. Dann wurde sie politisch. Das hat ihr möglicherweise nicht so gutgetan. Aber die Haare wurden ja irgendwann auch wieder kürzer. Die gesellschaftliche Veränderung jedoch, die 1964 für alle und jeden sichtbar wurde, sie hat gehalten. Weshalb wir heute in einer Welt leben, die man jedenfalls nicht miefig nennen muss.

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