Die Schlacht um Kobane und die Folgen : Ausweitung der Kampfzone

Mehr als 20 Tote gibt es bereits. Täglich kommt es zu Schlachten auf den Straßen der Türkei. Angesichts der Belagerung von Kobane warnen Beobachter vor einem „allumfassenden Krieg“ zwischen Kurden und der Terrormiliz IS. Einem Krieg, der Wunden reißt – auch in Deutschland.

von und Sebastian Weiermann
Entladung. Viele Kurden werfen der türkischen Regierung vor, nicht genug gegen die IS-Miliz in Syrien zu unternehmen, obwohl Panzerverbände an der Grenze stehen.
Entladung. Viele Kurden werfen der türkischen Regierung vor, nicht genug gegen die IS-Miliz in Syrien zu unternehmen, obwohl...Ozan Kose/AFP

Mahmut Cakan reibt sich die rechte Schulter. Da, wo ihn der Schlagstock des Polizisten traf. Cakan, 43, Kurdenaktivist im Istanbuler Arbeiterviertel Esenyurt, hat zwei Nächte voller Gewalt hinter sich. Er hat gesehen, wie sich Kurden und Türken mit Schusswaffen und Messern bekämpften, wie Autos in Flammen vernichtet wurden – und die Hoffnung auf Frieden in der Türkei gleich mit.

Als Bezirkschef der Kurdenpartei BDP trifft sich Cakan am Morgen nach der zweiten Gewaltnacht mit seinen Mitstreitern im Esenyurter Parteibüro. In einer Ecke des Versammlungssaals hängt ein überlebensgroßes Porträt von Abdullah Öcalan, dem inhaftierten Chef der PKK-Kurdenrebellen. Im Fernsehen läuft der PKK-nahe Sender Sterk TV. Ein Plakat im Treppenhaus ruft zur Solidarität mit Rojava auf, dem kurdischen Autonomiegebiet in Nordsyrien, zu dem auch die umkämpfte Stadt Kobane gehört.

„Überall ist Kobane, überall im Widerstand“, verkündet ein Laufband bei Sterk TV. Seit Tagen wird die Türkei von Kurdenunruhen erschüttert. Der Friedensschluss zwischen der PKK und dem türkischen Staat, der eben noch greifbar erschien, ist in weite Ferne gerückt.

Vier Kurden wurden von einem Polizeiauto überrollt

Cakan und seine Leute holen sich Tee und ziehen eine Bilanz der vorangegangenen Nacht. Vier Kurden wurden in Esenyurt von einem Polizeifahrzeug überrollt und verletzt, mindestens sechs weitere durch Schuss- und Stichwaffen verwundet. Etliche wurden festgenommen. Auf den Straßen brannten bei den Straßenschlachten Baumaschinen und Autos ab. Fensterscheiben an vielen Geschäften gingen zu Bruch, eine Statue des Staatsgründers Atatürk wurde zerstört.

Die Untätigkeit der türkischen Regierung angesichts der Belagerung von Kobane durch den „Islamischen Staat“ (IS) hat Kurden in der ganzen Türkei auf die Straße getrieben. In Esenyurt sammelte Cakan am Dienstag die Anhänger seiner Partei um sich, um auf einem Platz in der Nähe des Parteibüros eine Presseerklärung zu verlesen. Doch er kam nicht weit: „Nationalisten und die Polizei haben uns gleich attackiert.“ Nach offizieller türkischer Darstellung ging die Gewalt von den Kurden aus. Stundenlang tobte die Schlacht auf den Straßen von Esenyurt.

Und nicht nur von Esenyurt. Auch in Deutschland kam es in den vergangenen Tagen zu Ausschreitungen. In Hamburg liefern sich seit Montagabend Kurden und Salafisten Straßenschlachten. Am Mittwoch wurden im Anschluss an eine Demonstration Waffen sichergestellt und mehrere Personen festgenommen. In Celle prügelten am Dienstag mehrere hundert jesidische Kurden und tschetschenische Muslime auf der Straße aufeinander ein. Andere Demonstrationen blieben friedlich. Am Mittwochabend besetzten rund 70 Kurden ein Gleis auf dem Dortmunder Hauptbahnhof. Doch während in der Türkei die Lage eskalierte, räumten die Demonstranten das Gleis nach einer Stunde freiwillig.

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