Ein Zeichen für die Flüchtlinge : Wie die Mauerkreuze verschwanden

Schon einmal verursachte das "Zentrum für politische Schönheit" große Aufregung: Am vergangenen 1. November verschwanden die Mauerkreuze am Berliner Reichstagufer – als Protest gegen die Flüchtlingspolitik. Wie konnte das gelingen? Eine Rekonstruktion.

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Kinder spielen, Studentengruppen hören ihrem Prof zu: Alles Show. Ein Ablenkungsmanöver.
Kinder spielen, Studentengruppen hören ihrem Prof zu: Alles Show. Ein Ablenkungsmanöver.Foto: Screenshot/Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit

Am ersten November des Jahres 2014 scheint vormittags die Sonne am Berliner Reichstagufer. Die weißen Kreuze, die an die Mauertoten erinnern, strahlen im Licht. Eigentlich Ausflugswetter, aber bis auf die Touristendampfer ist hier nichts los. Ein paar Jogger laufen an den Kreuzen vorbei, irgendjemand schiebt einen Kinderwagen durchs Bild, ansonsten: Ruhe. Dann kommt ein Mann und stellt eine etwa zigarettenschachtelgroße Kamera auf den Stufen ab, die hier vielleicht zehn Meter von den Gedenkkreuzen entfernt zur Spree hinunterführen. Die Kamera wird ab jetzt alle fünf Sekunden ein Bild vom Geschehen machen. Auf dem ersten Bild ist da ein Denkmal mit Kreuzen. Auf dem letzten ist da ein Denkmal ohne Kreuze. Dies ist eine Geschichte über die 45 Minuten dazwischen.

Und auch über die Aufregung, die einige Tage später losbrach, als man bemerkte, dass die Kreuze verschwunden waren. Unmittelbar vor dem 25-jährigen Mauerfalljubiläum, vor den offiziellen Gedenkfeiern. Als die Aktivisten vom „Zentrum für politische Schönheit“ erklärten, dass die Kreuze an die EU-Außengrenze „geflüchtet“ seien zu ihren „Brüdern und Schwestern“, von denen nach Schätzungen von Pro Asyl mindestens 24 000 in den vergangenen 15 Jahren beim Versuch starben, nach Europa zu fliehen. Allein in der vergangenen Woche ertranken mehr als 1000 Menschen im Mittelmeer. Auch sie: Maueropfer, argumentieren die Aktivisten.

Darf man das? Die damaligen Toten an der innerdeutschen Grenze in einen Zusammenhang stellen mit den heutigen Toten an der europäischen Grenze? Macht es einen Unterschied, ob jemand stirbt, weil er ein Land verlassen will? Oder ob er stirbt, weil er ein Land betreten will? Aus Sicht des Sterbenden vermutlich nicht. Was bleibt, ist die Sicht der Lebenden. Die offizielle Sicht: Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) kritisierte die „heldenhafte Attitüde“ der Aktivisten, die man – so Lammert – „für blanken Zynismus halten muss“. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) verurteilte die Aktion als „verabscheuungswürdig“, bald darauf gingen mehrere Anzeigen wegen schweren Diebstahls gegen die Aktivisten ein.

"Verabscheuungswürdig" oder "Aggressiver Humanismus"?

Was Henkel „verabscheuungswürdig“ nennt, nennen die Zentrums-Mitglieder „aggressiven Humanismus“. Eine unbekannte Anzahl von Künstlern hat sich vor Jahren zusammengeschlossen, Aktionsplan: Eindringen in das Spannungsfeld von deutscher Geschichte und deutscher Gegenwart. Möglichst öffentlichkeitswirksam. Wenn sie, wie vor drei Jahren geschehen, die Eigentümer der Waffenschmiede Krauss-Maffei Wegmann in die Öffentlichkeit zerren. Wenn sie, wie vergangenes Jahr, die Internetseite des Bundesfamilienministeriums fälschen und Ministerin Manuela Schwesig (SPD) Dinge in den Mund legen, die sie nie gesagt hat: dass sie 55 000 syrische Kinder aus dem Bürgerkriegsland retten wird. Wie damals, als die Briten 10 000 jüdische Kinder aus Nazi-Deutschland retteten. Einfach dadurch, dass sie sie aufnahmen.

Darum geht es ihnen: Finger in die Wunde legen, das Aufzeigen von Alternativen, die die Wirklichkeit blamieren. Das, was die Aktivisten unter „politischer Schönheit“ verstehen. Kein Wunder, dass die verschwundenen Mauerkreuze zu wütenden Reaktionen führten. Die polizeilichen Ermittlungen aber sind in diesen Tagen eingestellt worden, wie ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft dem Tagesspiegel sagte. Die Aktivisten hätten die Kreuze nicht mit einer „Zueignungsabsicht“ entfernt, sagt der Sprecher. Anders gesagt: Man kann nichts stehlen, was man nicht behalten will. Und behalten wollten die Künstler die Kreuze nie. Die Aufregung hat sich gelegt. Eine Frage aber blieb bisher offen: Wie bitteschön schraubt man mitten am Tag in der Hochsicherheitszone am Reichstag ein Denkmal ab, ohne dass da jemand nachfragt?

Vor aller Augen nehmen die Aktivisten die Kreuze ab und packen sie ein. Niemand schöpft verdacht.
Vor aller Augen nehmen die Aktivisten die Kreuze ab und packen sie ein. Niemand schöpft verdacht.Foto: Screenshot / Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit

Die Antwort lässt sich an den Aufnahmen der kleinen Kamera ablesen und sie lautet: Indem man ein Theaterstück aufführt. Ein Theaterstück mit zwei Besonderheiten. Erstens: Nach der Premiere ist gleich wieder Schluss. Zweitens: Wenn die Zuschauer nicht reagieren, dann war es aus Sicht der Schauspieler eine perfekte Vorführung. Die Zuschauer sind die Sicherheitskräfte rund um den Reichstag. Sie sollen sich langweilen, obwohl vor ihren Augen Unglaubliches geschehen wird. Als Ablenkungsmanöver.

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