Familienknast in Kopenhagen : Täter, Mutter, Kind

Seit drei Generationen sind alle Männer seiner Familie kriminell. Für seinen sechsjährigen Sohn wünscht sich Morten Kaspersen eine andere Zukunft. Jetzt leben sie gemeinsam in einem Kopenhagener Gefängnis.

Catalina Schröder
Auch in Kopenhagen verbringen die Insassen ihre ersten Haftjahre in einem regulären Gefängnis. Im Familienknast hingegen gibt es keine Gitter, Riegel und Wärter mehr. Trotzdem ist noch niemand geflohen.
Auch in Kopenhagen verbringen die Insassen ihre ersten Haftjahre in einem regulären Gefängnis. Im Familienknast hingegen gibt es...Foto: Arne Dedert/dpa

Als Morten Kaspersen* im Sommer 2010 in sein neues Gefängnis zieht, überwältigt ihn ein Gefühl von Freiheit. Mit seinem Sohn Victor klettert er auf die Schaukel hinterm Haus. Zusammen schwingen sie sich immer höher in den vor Hitze flirrenden Kopenhagener Sommerhimmel.

Im Gefängnis Engelsborg leben Straftäter zusammen mit ihren Familien. Gitter, Zäune und schwere Schlösser gibt es nicht. Die Täter werden erfolgreicher resozialisiert als in jedem anderen dänischen Gefängnis. Kaspersen, 33, hofft, dass Engelsborg auch sein Leben dauerhaft verändern wird.

Kaspersen saugt gierig die Luft in seine Lungen. Er läuft in sein neues Zimmer und misst die Wände mit langen Schritten aus. Acht geradeaus, vier nach links. Zweieinhalb Mal so groß wie die Gefängniszellen, in denen er fast fünf Jahre seines Lebens verbracht hat. Immer wieder öffnet und schließt er die Zimmertür. So jedenfalls erinnert er sich.

Dieser Abend ist mittlerweile fast vier Jahre her. Heute leben Kaspersen und sein Sohn Victor, 6, noch immer in dem Familiengefängnis, einer europaweit einzigartigen Einrichtung. Engelsborg liegt am Rand von Kopenhagen, mitten in einer Wohnsiedlung. Gegenüber gibt es eine Grundschule. Sechs Erwachsene und sechs Kinder leben hier zurzeit.

Statt Zellen gibt es im Familiengefängnis fünf kleine Wohntrakte: Mit Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bad und Blick in den Garten. Die Straftäter dürfen das Haus am Nachmittag anderthalb Stunden verlassen. Statt Fenstergittern und Türschlössern gibt es feste Zeiten, zu denen die Familien zu Hause sein müssen. In der Regel ist das 18 Uhr. Verstößt einer der Insassen wiederholt gegen die ausgemachten Zeiten, muss er zurück in ein normales Gefängnis.

Auch Mörder können nach Engelsborg

Eine Sozialpädagogin und eine Familientherapeutin kümmern sich um Kaspersen, Victor und die anderen. Etwa jeder fünfte Insasse zieht mit seinem Partner ein. Bei vielen aber ist die Beziehung durch die Haft zerbrochen und sie kommen alleine mit ihren Kindern.

Außer Vergewaltigern und Menschen, die Gewalt gegen Kinder angewandt haben, werden alle Kriminellen aufgenommen. Auch ein Mörder hat schon mit seiner Familie in Engelsborg gelebt. Die Mitarbeiter sprechen von einem familiensensiblen Strafvollzug. Anders gesagt: Straftäter und ihre Familien, die oft lange getrennt waren, sollen sich wieder aneinander gewöhnen. Der Zusammenhalt der Familie soll stärker werden als jede kriminelle Seilschaft. Während die Rückfallquote in Dänemark im Durchschnitt bei 30 Prozent liegt, wurden seit der Eröffnung von Engelsborg vor zehn Jahren nur acht Prozent der Insassen wieder straffällig.

Ausgebrochen ist aus Engelsborg bislang niemand. Nicht einmal mit den Bewohnern der umliegenden Häuser gab es Streit. Nur einige Male mussten Mitarbeiter wegen Schlägereien in Engelsborg die Polizei rufen.

Teurer als ein normales dänisches Gefängnis ist Engelsborg nicht: Kaspersen und die anderen Familien kochen und waschen selbst. Wachpersonal gibt es nicht. Trotzdem ist Engelsborg bislang das einzige Gefängnis dieser Art. Familientherapeutin Rikke Schultz-Betak erzählt, dass sie auf Kongressen und bei der Behörde für Strafvollzug immer wieder für das Modell wirbt. Ohne Erfolg.

Vereinzelt werden vor allem in Europa immer wieder liberale Strafvollzugsmodelle ausprobiert: In einigen deutschen Gefängnissen für Frauen dürfen Mütter mit ihren Kindern zusammenwohnen, bis diese drei Jahre alt sind. Auf der norwegischen Insel Bastoy leben männliche Straftäter, bewacht nur von einigen Wärtern und dem Meer, das sie vom Festland trennt. Im norwegischen Halden steht ein ganzes Gefängnisdorf, abgeschirmt von einer Mauer. 250 Insassen leben hier in Blockhütten und können sich im Dorf frei bewegen.

Kaspersen, kurze blondierte Haare und Löcher so groß wie Fünf-Cent-Stücke in den fleischigen Ohrläppchen, fläzt sich auf einem Sofa des Therapieraums im Obergeschoss von Engelsborg, während er seine Geschichte erzählt. Aus einer Obstschale, die vor ihm auf einem Sofatisch steht, schiebt er sich eine Erdbeere nach der anderen in den Mund. Seine rundliche Statur verrät, dass oft Deftigeres auf seinem Teller landet.

Kaspersens Vater brachte seine Mutter um

Seitdem er denken kann, hat Kaspersen Mitglieder seiner Familie im Gefängnis besucht. Sein Großvater saß mehr als 20 Jahre ein. Wegen Diebstahl und Körperverletzung. Wegen Betrug und Raub. Ihm gehörten Bordelle in ganz Kopenhagen. Jede Prostituierte kannte ihn. Viele Kriminelle bewunderten ihn, weil er geschaffen hatte, wovon sie träumten: Ein Imperium aus Häusern und Autos, mit legendären Partys und schönen Frauen. Kaspersen sagt: „Er war mein Vorbild.“

Kaspersens Vater strangulierte seine eigene Mutter. Zwölf Jahre schickte der Richter ihn dafür ins Gefängnis. Kaspersen sagt: „Sie hatte Krebs. Sie wollte es so.“ Seine sechs Onkel und seine beiden jüngeren Brüder kamen immer wieder in den Knast. Wegen Kokainhandel, wegen Raub, Körperverletzung und Steuerhinterziehung. Experten sprechen in Kaspersens Fall von transgenerationaler Straffälligkeit: Seit drei Generationen sind alle Männer in seiner Familie kriminell.

Kaspersen war acht Jahre alt, als er zum ersten Mal gegen ein Gesetz verstieß. Er wusste, dass in seiner Familie eigene Regeln gelten und dass sein Vater stolz auf ihn sein würde, wenn er es nun schaffte, die Tafel Schokolade an der Kasse vorbei aus dem Laden zu schmuggeln. Damals ertappte ihn seine Mutter und zwang ihn, die Tafel zurückzubringen.

Statt Schokolade klaute er später Fernseher, knackte mit seinen Kumpels Autos. Ohne Gras überstand Kaspersen keinen Vormittag mehr. Um an Geld zu kommen, verkaufte er selbst welches. „Eines Tages“, sagt Kaspersen, „waren alle Menschen um mich herum kriminell.“ Er geriet in einen Strudel aus Untersuchungshaft, Gerichtsprozessen und Gefängnisstrafen. Viermal kam er in den Knast. Er gehörte nicht zu den ganz Großen. Aber er steckte tief genug in der Szene, um sich selbst nicht mehr befreien zu können.

Als sein Sohn geboren wird, will er raus aus der Kriminalität

Nach jeder Haft schwor er sich selbst Besserung. Nach jeder Haft rissen ihn seine kriminellen Seilschaften wieder mit. Sein Traum war, eines Tages Millionär zu sein. Auch für seine Freundin Lina*. Er überhäufte sie mit Schmuck. Sie verprassten Geld im Kasino und im Karibikurlaub. Heute, vier Jahre nach der Trennung, glaubt er, dass Lina sein Geld mehr geliebt hat als ihn.

Erst im Gefängnis wird Kaspersen bewusst, dass die Erfüllung seines Traums gleichzeitig sein größter Triumph und seine schwerste Niederlage war. Mit seinen Brüdern baute er eine Scheinfirma auf, sie verkauften Dienstleistungen, die es nicht gab und hinterzogen fünf Millionen Dänische Kronen. 670 000 Euro. Er kaufte Häuser und fuhr dicke Autos.

Er ahnte, dass sie eines Tages auffliegen würden. Doch er konnte nicht mehr aufhören. Wie ein Zuschauer stand er am Spielfeldrand seines eigenen Lebens.

Es ist vier Uhr nachmittags im Juni 2008, als 20 Polizisten Kaspersens Haus stürmen. Sie treten die Türen ein und zerren ihn und seine Kumpane von den Sofas. Er darf eine Tasche packen, dann bringen sie ihn in Untersuchungshaft. Zwei Wochen später bringt seine Freundin Lina Victor zur Welt. Geplant war das Kind nicht.

Zwei Stunden darf Kaspersen das Gefängnis in Polizeibegleitung nach der Geburt verlassen und Lina im Krankenhaus besuchen. Als die Zellentür nach seiner Rückkehr hinter ihm ins Schloss fällt, hämmern zwei Worte in seinem Kopf: Nie wieder! Er will raus aus der Kriminalität.

Heute sagt Kaspersen, dass der Tag von Victors Geburt ihm gezeigt hat, dass er sich entscheiden muss: für Victor. Eine Sozialarbeiterin im Gefängnis erzählte ihm von Engelsborg. Vier Monate später zog Kaspersen ein. Am Anfang lebte auch Lina im Familiengefängnis. Doch sie sehnte sich nach ihrem früheren Lebensstil zurück, verließ Kaspersen. Seitdem sieht Victor seine Mutter ein- bis zweimal im Monat.

Jeden Freitag ist Therapiesitzung

In Engelsborg erlebt Kaspersen zum ersten Mal das, was Millionen Menschen Alltag nennen. Jeden Morgen um fünf klingelt sein Wecker. Jede Familie hat eine Aufgabe. Eine mäht den Rasen, eine andere putzt die Gemeinschaftsküche, eine dritte kümmert sich um die Blumenbeete. Kaspersen backt jeden Morgen Brot. Um sechs Uhr weckt er Victor. Nach dem Frühstück fährt er ihn in den Kindergarten. Dann macht er die Betten, saugt Staub und kocht.

Anfangs konnte Kaspersen es kaum fassen, dass er jede Tür mit seinem eigenen Schlüssel öffnen kann. Dass er in den Garten gehen kann, wann immer ihm danach ist. Dass er von seinem Fenster direkt auf eine grüne Hecke guckt.

Jedes dritte Wochenende sollen die Familien in ihr richtiges Zuhause fahren, um sich an ihr neues gemeinsames Leben zu gewöhnen. Kaspersen und Victor bleiben an diesen Wochenenden in Engelsborg. Ein anderes Zuhause haben sie nicht. Abends spielen Kaspersen und Victor mit Plastiksauriern oder Victor kickt mit den Kindern der anderen Familien im Garten. Manchmal passt Kaspersen auf die Kinder seiner Nachbarn auf. Er sagt: „Wenn ich einem Menschen vertraue, öffne ich ihm mein Herz.“ Jeden Freitag hat er Therapiesitzung mit der Familientherapeutin Rikke Schultz-Betak. Sie sagt, dass ihr Kaspersens Leben vorkommt wie ein wilder Fluss, in dem er jahrelang stromabwärts gerissen wurde. Schultz-Betak ist für Kaspersen wie ein Kompass, der ihm hilft sein Leben in eine neue Richtung zu steuern. Auch wenn er Engelsborg in einigen Monaten verlassen wird, kann er sie bei Problemen um Hilfe bitten.

Für seinen Sohn hat er einen besonderen Wunsch

Momentan bekommt Kaspersen Sozialhilfe. Nach seiner Haftstrafe will er eine Ausbildung zum Physiotherapeuten beginnen. Er sagt, dass er mit Menschen arbeiten möchte. Leicht wird es mit seiner Vergangenheit nicht. Einen Plan B für den Fall, dass er keinen Ausbildungsplatz bekommt, hat er nicht. Den Kontakt zu seinen Freunden hat Kaspersen abgebrochen. Einzig seine kriminelle Familie ist ihm geblieben. Von ihr will er sich nicht abwenden. „Sie sind mein Blut“, sagt Kaspersen. Momentan sitzt niemand von ihnen im Gefängnis. Kaspersen ist stolz darauf. Der kleine Victor weiß, dass er in Engelsborg wohnt, weil sein Vater etwas falsch gemacht hat. Was genau passiert ist, will Kaspersen ihm erklären, wenn Victor alt genug ist.

Für die Zukunft hat Kaspersen einen großen Wunsch. Victor soll der erste gesetzestreue Mann seiner Familie werden.

*Name geändert

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