Flüchtlinge im Mittelmeer : Stimme der Hoffnung

Seine Telefonnummer ist für Bootsflüchtlinge oft der letzte Ausweg. Sie steht an Wänden der Lager und den Decks der Boote. Mussie Zerai arbeitet als Priester in der Schweiz. Seine Anrufe haben tausenden Menschen das Leben gerettet.

von
Geraten Flüchtlinge in Seenot, gibt der Priester Mussie Zerai die GPS-Daten des Bootes an die italienische Küstenwache weiter. Seit dem Unglück vor Lampedusa 2013 habe die Marine immer reagiert.
Geraten Flüchtlinge in Seenot, gibt der Priester Mussie Zerai die GPS-Daten des Bootes an die italienische Küstenwache weiter....AFP

Die SMS leuchtet grün auf dem Telefondisplay, auf Englisch: „Lieber Baba, hilf uns schnell. Wir haben kein Essen, kein Wasser, und der Handyakku ist fast leer.“ Mussie Zerai wischt sie weg. „35,47 / 16,67, 35. Breitengrad, 16. Längengrad“, erklärt er. „Mittelmeer, zwischen Libyen, Malta und Sizilien.“ Die Nachricht hat ihm am 2. Oktober ein Eritreer geschickt, ein Bootsflüchtling auf dem Weg nach Europa. Zerai hat die GPS-Daten gleich weitergeschickt, an die Seenotrettung, an die Küstenwachen. Jetzt schaut er auf die Nachricht, eine tiefe Falte teilt seine Stirn. „Wenn ein Boot noch in libyschen Gewässern ist, fühlen sich Italien und Malta nicht verantwortlich. Dann müssen andere helfen.“ Andere, wie die libysche Küstenwache, von der er weiß, dass sie Migranten nicht gut behandelt. Zerai steckt das Telefon in die Brusttasche seines Jacketts, wo er es immer aufbewahrt.

Der Bootsflüchtling ist einer von Tausenden, die in den vergangenen zehn Jahren bei Abba Mussie Zerai Hilfe gesucht haben. Auch er stammt aus Eritrea, ist katholischer Priester und arbeitet in einer Gemeinde bei Aarau, in der deutschsprachigen Schweiz. Er ist ein kleiner Mann von 39 Jahren; er sieht älter aus. Die Haare sind grau meliert, es sind nicht mehr viele, um die Augen haben sich Falten eingegraben.

Seine Nummer ist für viele die letzte Hoffnung

Seine Telefonnummer ist seit dem Sommer 2004 so etwas wie die letzte Hoffnung für Bootsflüchtlinge. Sie kursiert unter den Migranten aus Eritrea, Somalia und Äthiopien. Sie steht an Wänden von Flüchtlingslagern in Libyen und an den Decks der Flüchtlingsboote. Jemand hatte die Nummer auch an das Boot geschrieben, das im Oktober 2013 vor Lampedusa sank. So erzählte es ein Überlebender des Unglücks, bei dem unmittelbar vor der Insel 366 Menschen ertranken. Der Mann sagte auch, dass die Passagiere fest daran glaubten, Mussie Zerai könne ein Rettungsboot schicken, egal, wo sie seien. Das Schiff sank aber zu schnell, der Anruf erreichte ihn nie.

Die italienische Küstenwache schätzt, dass Mussie Zerai schon 6000 Menschen das Leben gerettet hat, mindestens.

Die Telefonrechnungen betragen manchmal mehrere tausend Euro

Zerais Telefonrechnungen betragen manchmal mehrere tausend Euro im Monat. Um sie bezahlen zu können, gründete er vor acht Jahren die Hilfsorganisation „Agenzia Habeshia“. Zunächst nutzte er die Organisation tatsächlich nur, um Spenden für die Telefonkosten zu sammeln. „Aber irgendwann merkte ich, dass ich nicht nur die kleinen Feuer löschen kann, sondern dass ich den ganzen Brand löschen muss.“

Er begann mit seiner Organisation Lobbyarbeit für die Bootsflüchtlinge zu betreiben. Seitdem geht er ins italienische Fernsehen, wenn ein Schiff nicht gerettet wurde, spricht im Radio, schickt E-Mails an Journalisten, Politiker und Flüchtlingshilfsorganisationen. Auch mit dem Netzwerk „Watch The Med“, das versucht, Schiffsunglücke zu rekonstruieren, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, arbeitet er zusammen. Seine Idee zieht Kreise. Vor zwei Wochen haben die Aktivisten eine zweite Notrufnummer für Bootsflüchtlinge eingerichtet, das „Alarm Phone“. Rund um die Uhr sitzen nun in ganz Europa Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, vor den Apparaten, auch ehemalige Bootsflüchtlinge. „Zerai hat den Friedensnobelpreis verdient“, sagt ein Mitarbeiter von „Watch The Med“.

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben