Galerie Crone in Berlin : Die erstaunlichen Wandlungen des Markus Peichl

Was alle machen, ist für ihn grundsätzlich: vorbei. Markus Peichl war Gonzo-Journalist, Chefredakteur, TV-Formaterfinder. Jetzt leitet er eine der renommiertesten Galerien Berlins. Von einem, der Avantgardismus zum Beruf gemacht hat.

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In seiner Galerie Crone in der Kreuzberger Rudi-Dutschke-Straße stellt Markus Peichl kubanische Kunst vor.
In seiner Galerie Crone in der Kreuzberger Rudi-Dutschke-Straße stellt Markus Peichl kubanische Kunst vor.Foto: Thilo Rückeis

Tabula rasa. Weiße Wände überall, weiße Wände und Betonfußboden. Ein leeres Fabrikloft am Checkpoint Charlie, Berlin. Kaum etwas ist unwirklicher, absurder als eine Galerie ohne Bilder. Und mitten hinein in dieses Nichts bittet von hinten rechts eine Stimme mit leicht österreichischem Akzent um einen Augenblick Geduld. Es sind nur ein paar Silben, und doch, es klingt irgendwie möbliert. Es gibt keine Wiener Leere, nicht mal im Tonfall.

Eine Galerie – was für eine Tarnung für einen Umstürzler. Mit 23 Jahren war Markus Peichl Chefredakteur. Bald darauf stand er zum ersten Mal auf der Straße. Und so ging das weiter, mit immer höherem Einsatz. Dieser Mann hat die Wirklichkeit miterfunden, in der wir alle leben.

Und er hat als einer der ersten ihren wahren Mittelpunkt entdeckt: Ich! Ich! Und nochmals Ich! Nach Markus Peichl gibt es nur eine wirkliche Autorität im Leben eines Menschen, und das ist seine eigene. Klingt gut. Klingt unfassbar komfortabel. Aber wer soll das durchhalten? Hat Peichl es denn durchgehalten?

Und was bedeutet es, eine Galerie zu führen, lebensbilanztechnisch gesehen?

Total Gonzo

Normalerweise bietet die Abwesenheit eines Galeristen eine gute Gelegenheit, die Bilder der Ausstellung zu betrachten, ohne seinen fragenden, kontrollierenden, latent hypnotisierenden Blick spüren zu müssen. Aber hier? Nur ein paar Transportverpackungen lehnen an den Wänden oder liegen auf dem Boden, nach ihrem Umfang zu urteilen, müssen die Werke des Kubaners Roberto Diago vor allem eins sein: ziemlich groß.

Markus Peichl verlässt die Deckung der Teeküche und winkt mit weltumspannend einladender Geste in sein Büro. Vielleicht ist die äußere Erscheinung eines Menschen manchmal vor allem eins: bewusste Irreführung.

Ich sehe die Welt, wie ich bin – das ist ein elementarer erkenntnistheoretischer Satz, er könnte von ihm sein. Markus Peichl, geboren 1958 bei Wien, ist einer der Miterfinder des deutschsprachigen Gonzo-Journalismus. Es gehört zum Gonzo-Journalismus, dass keiner weiß, was Gonzo eigentlich bedeutet.

Als erster Gonzo-Artikel gilt der Bericht über ein amerikanisches Pferderennen 1970, dessen Autor Hunter S. Thompson es nicht gelang, bis zum Redaktionsschluss fertig zu werden, weshalb er in einem letzten Akt der Verzweiflung seine Notizen an die Redaktion schickte. Was in dem kurzlebigen Magazin „Scanlan’s Monthly“ dann erschien, war nicht eigentlich ein Bericht vom Rennen als vielmehr über die Befindlichkeiten des Autors beim Pferderennen. Das Urteil: „It’s totally Gonzo.“ Weitgehend fakten- und recherchefrei, sagen die Nörgler, die noch immer glauben, dass es das gäbe: die Wirklichkeit.

Gonzo? Eigentlich sollte die neue Ausstellung schon fast aufgebaut sein, gleich kommt Außenminister Frank-Walter Steinmeier und hält bei Peichl die Eröffnungsrede zur ersten Einzelausstellung eines Kubaners in der Bundesrepublik Deutschland, und hier herrscht der Horror Vacui? Den Galeristen bringt das nicht aus der Ruhe.

Wer sich hetzen lässt, hat verloren.

Und was heißt Horror Vacui? Der Anblick einer Galerie, in der nichts ist, ist die vollkommene Illustration der Illusion, noch einmal ganz neu anfangen zu dürfen. Bis eben zeigte hier die Konzeptkünstlerin Monika Grzymala, wie man aus Kilometern von Klebeband eine ganze Welt errichtet, sehr ätherisch, nicht zum Bleiben bestimmt und darum ganz und gar unverkäuflich. Peichl ist das egal. Man muss schon Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Er lebt für die, die das können. Und für sich. Als Monika Grzymala ihm erklärte, dass sie noch zwei neue Wände brauche, sah er das sofort ein und ließ sie einziehen. Er spricht über seine Künstler wie ein Liebender. Er ist ein Ermöglicher, war er schon immer. Und nun steht wieder alles auf Anfang.

Wenn er nachzählen sollte, wie oft er schon neu angefangen hat! Aber das will er jetzt nicht.

Todesangst in Mumbai

Markus Peichl spricht über Kuba. Zweimal war er schon da, zuletzt in diesem Sommer. Das Land fasziniert ihn, und irgendwann liegt die Primärfaszination offen zutage: Dieses Land fängt ganz neu an. Erst 2014 lockerten die USA das Handelsembargo: „Die Amerikaner strecken schon ihre Finger aus, nicht nur auf dem Immobilienmarkt.“ Peichl ahnt, nie wieder wird dieses Land so aussehen, wie er es eben noch gefunden hat. Und seine Kunst? Zwar haben ihm die Maler und Bildhauer gesagt, auch wenn jetzt alles anders werde, sie selbst und ihre Kunst blieben sich gleich. Auch Roberto Diago hat ihm das versichert, der Absender der Kisten draußen.

Ob Peichls Lebensgefährte Andreas Osarek auch diesen Maler ausgewählt hätte für die erste Einzelausstellung eines Kubaners in Deutschland?

Osarek gehört die namhafte Galerie Crone noch immer, er übernahm sie nach dem Tod ihres Gründers Ascan Crone, holte sie von Hamburg nach Berlin, führte junge Künstler wie Amelie von Wulffen oder Marc Brandenburg ein, bis eine einzige Nacht alles änderte.

Ende November 2008 war Osarek nach Mumbai geflogen, weil „sein“ neuer Maler Norbert Bisky, Lothar Biskys Sohn, hier eine Ausstellung eröffnen wollte. Über den jungen Erfolgsmaler stritten damals die Kunstkritiker: War in dessen Apotheosen des jungen männlichen Körpers nun mehr sozialistischer Realismus drin oder doch eher Leni Riefenstahl oder keins von beiden? Als Andreas Osarek am 27. November 2008 im Hotel Taj Mahal ankam, saß sein Maler schon woanders beim Abendessen. Der Galerist verließ sein Zimmer im 6. Stock, kaufte noch eine Zeitung und setzte sich in die Lobby.

Um 21.35 Uhr fragte ein Pole in der Lobby einen jungen Mann, ob er ihm behilflich sein könne, denn der Rucksack, den dieser trug, schien ihn fast zu Boden zu drücken. Der Träger schwieg, wälzte seine Last von der Schulter, entnahm ihr eine Kalaschnikow und zielte direkt auf den Polen. So begann auch im Taj Mahal das große Sterben, wie zeitgleich oder schon früher an anderen Orten der Stadt.

Es war einer der größten Anschläge nach dem 11. September 2001. Am nächsten Morgen waren 165 Menschen gestorben, über 300 verletzt. Andreas Osarek überlebte. Und Markus Peichl in Berlin war fast von Anfang an dabei, vom ersten Anruf seines Freundes in Todesangst bis zum erlösenden letzten: „Bin draußen!“ Er habe immer gedacht, es sei der Terror der anderen, sagte Peichl im Dezember 2008, und dass er nie geglaubt hätte, einmal so direkt betroffen zu sein.

Freiheit, die man sich selbst nimmt

Er hatte damals gerade wieder eine neue Zeitschrift erfunden und sie „Liebling“ genannt. Ein Jahr lang hatte „Liebling“ tapfer gekämpft, die November-Nummer 2008 war zugleich ihre Grablegung. War es auch die Grablegung des Journalismus, den Peichl liebte, spielerisch intellektuell, weltenerschaffend, weltenzerstäubend, respektlos-respektvoll und gnadenlos subjektiv? Alles das, was den Fundamentalisten jeglicher Couleur als „westliche Dekadenz“ gilt.

1988 hatte Peichl in Ost-Berlin eine mit selbstloser Hingabe aufwendig gefälschte Ausgabe des „Neuen Deutschland“ verteilen lassen, in der das Zentralkomitee der SED die Bürger der DDR über ihren neuen „Glasklar“-Kurs in Kenntnis setzte, mit dem es sich mutig an die „Glasnost“-Seite Gorbatschows stellte. Was für eine gute Nachricht! Und sah das Zentralorgan je echter aus? Peichls selbstgedrucktes „Neue Deutschland“ war die erste Meldung in „Tagesschau“ und „Aktueller Kamera“ gleichermaßen. Die DDR hatte einen neuen Staatsfeind. Aber war, was er da getan hatte, nicht eigentlich eine Kunstaktion? Also eine heftige Irritation unserer Wirklichkeitswahrnehmung?

Die Berichterstattung über Ereignisse, die nie stattgefunden haben, stellt ohne Zweifel eine ganz besondere Herausforderung des Journalismus dar, zumal in der Zeitung des „Klassenfeinds“. Doch genau so kommt man der Freiheit ein Stück näher. Freiheit ist immer die Freiheit, die man sich selber nimmt.

Aber die Freiheit zu morden? Seltsam, an die hatte er nie gedacht.

Zehn Stunden Todesangst. Andreas Osarek konnte sie nicht vergessen. Mit welchem Recht hatte er überlebt? Warum er und nicht die anderen? 2011, mehr als zwei Jahre nach der Nacht im Taj Mahal, gab er auf. Es ging nicht mehr, keinen Tag länger. Er würde seine Galerie schließen, es sei denn ... Und Peichl übernahm.

Peichl liebt die Untergeher

War er denn je gefragt worden? Selbst als er Chefredakteur des „Wiener“ wurde, des ersten deutschsprachigen Lifestylemagazins, hatte ihn kein Mensch vorher gefragt.

Man habe ihn im Impressum als solchen eingetragen, erfuhr der Jungredakteur, es sei einfacher und vor allem zeitsparender gewesen, als vorher erst noch mit ihm darüber zu reden.

Der neue Chefredakteur tat, was die Pflicht der Jugend ist. Peichl formuliert das so: „Ich habe in allem übertrieben.“

Er erweiterte den Heftumfang des „Wiener“ um 32 Seiten, schließlich sieht eine dicke Zeitschrift viel relevanter aus als eine dünne. Außerdem ließ er versuchsweise 15 000 unverkäufliche Exemplare mehr herstellen. Was für eine Kunstaktion. Wer 15 000 mehr druckt, erklärt Peichl, verkauft 5000 mehr, das sei zwar seltsam, verhalte sich aber genau so. Immer ungefähr ein Drittel mehr. Gelte übrigens in jeder Größenordnung. Ich schaffe eine Welt und frage niemanden, ob ihm das passt, denn sonst entstünde sie nicht. Leider hat er sieben Geschäftsführer dabei verschlissen. Kollateralschäden. Kunstopfer.

Wahrscheinlich hat das Gedruckte die Zukunft schon hinter sich, aber Peichl liebt die Untergeher, darum hat er bereits 1993 die „Lead Awards“ erfunden, die führenden Preise für Print- und Onlinemedien dieses Landes. Bis heute ist er Jury-Chef. Die Tageszeitungen dieses Landes werden immer besser, urteilt er, in diesem Jahr meinte er gar, einen Quantensprung zu erkennen. Aber ob sie das retten kann?

Auch die Zukunft des Fernsehens hat er vorweggenommen. Mit „0137“ etablierte er die erste tägliche Talkshow im Fernsehen, als fast alle die Idee noch für baren Unfug hielten: Kein Mensch wolle so was sehen. Beckmann moderierte. Und das erste Reality-Format, ziemlich schrill, war auch sein Werk: „Das wahre Leben“, 1992, eine Fernseh-WG der Ich!-Sager in Berlin-Mitte. Vorbei. Was alle machen, ist grundsätzlich vorbei.

Gut, dass er seine Galerie hat. Sagt es und schaut alarmiert in Richtung der Ausstellungsräume, aus denen jetzt der dumpfe Hall niedergestellter Lasten dringt. Wenn der Krach auf die Ankunft der noch fehlenden Kunst deutet, gäbe es eine reale Chance, schon fertig zu sein, wenn Frank-Walter Steinmeier und Roberto Diago kommen.

Nicht, dass Markus Peichl diese Möglichkeit unruhig macht. Er hat zuletzt sogar das gestürzt, was selbst dem Gonzo-Journalismus heilig blieb: den Redaktionsschluss. Stell dir vor, es ist Redaktionsschluss, und die Seite ist nicht voll!

Redaktionsschluss als Empfehlung

Beim „Wiener“ wurde Peichl entlassen, weil er die Auflage gesteigert hatte. Bei „Tempo“, seinem großen Hamburger Nachfolger, musste er gehen, weil er den Redaktionsschluss nur als Empfehlung begreifen konnte.

– Sie haben ihn gleich mehrmals gerissen?

– Mehrmals? Immer!

Was nutzt dem Leser ein pünktlich erscheinendes Magazin, wenn es nur halb so gut ist, wie es hätte werden können? Es gibt nur einen angemessenen Aufenthaltsort für jeden wahren Ich!-Sager: auf dem Gipfel seiner Möglichkeiten.

Vielleicht hat er sich deshalb in der Galerie gleich so wohl gefühlt. Ein Maler gibt etwas genau dann aus der Hand, wenn er weiß, dass er es besser nicht hätte machen können. Perfektionisten unter sich. Und für das Kunstverkaufen besaß er eine außergewöhnliche Begabung, das hat er gleich gespürt: Ein Mann kam rein, fragte, ob er einen Bisky habe. Peichl erinnerte sich, wo die Biskys sind, zeigte einen, und der Mann kaufte ihn. So also geht das, dachte der Galerist.

Vielleicht war es eine Art von Nachhausekommen. „Ich bin gewissermaßen unter den Tischen der Wiener Kaffeehäuser aufgewachsen“, sagt Peichl. Sein Vater, Architekt und Karikaturist, nahm den Jungen oft mit, wenn er sich mit seinen Freunden und Bekannten traf, mit Friedensreich Hundertwasser etwa oder Andy Warhol. Peichl hat also nur die Position gewechselt, statt unterm Tisch sitzt er jetzt am Tisch.

Maler ohne Namen

Mit Menschen mit Namen also, er nennt sie galeristensprachlich „Künstler, die bereits im institutionellen Kontext wahrgenommen werden“. Aber er wäre nicht Markus Peichl, hätte er nicht eine Schwäche für Maler, die noch keinen Namen haben, aber gern einen hätten.

Als er im Sommer aus Havanna wiederkam, sehnte er sich so nach einer schöpferischen Vorläufigkeit, nach den urbanen Ruinen, die er an Berlin so geliebt hatte. Havanna war voll von ihnen. Herz und Seele waren noch auf Kuba, als er in der Friedrichstraße ein geschlossenes, schon fast ausgeweidetes Hotel fand. Könnte man das nicht einen Atemzug lang so lassen? 33 Zimmer, 33 Künstler auf dem Weg „zur Wahrnehmung im institutionellen Kontext“. Der Hotelbesitzer fand die Idee sofort zwingend, und binnen kürzester Zeit öffnete „The Vacancy“. Sehr erfolgreich.

Peichl lächelt jetzt fast zu wienerisch. Und dann schauen dort am Checkpoint Charlie von allen Wänden die strengen Selbstbefragungen des Kubaners Roberto Diago auf der Suche nach seinen schwarzen Wurzeln, es sind serielle Exerzitien mit Namen wie „Das Antlitz der Wahrheit“ oder „Die Haut, die spricht“.

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