Garnisonkirche in Potsdam : Wie ein Zeichen der Versöhnung die Stadt spaltet

Der Wiederaufbau der Garnisonkirche sollte vereinen, aber bis jetzt stiftet er nur Streit. Barocke Stadtmitte gegen alte Architektur der DDR - darum geht es nur zum Teil. Heute stimmen die Stadtverordneten über den Bau ab.

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So könnte sie aussehen. Die Garnisonkirche mit dem knapp 90 Meter hohen Turm - hier ein Modell - war lange Zeit das höchste Gebäude Potsdams.
So könnte sie aussehen. Die Garnisonkirche mit dem knapp 90 Meter hohen Turm - hier ein Modell - war lange Zeit das höchste...Foto: Andreas Klaer

Erhaben wirkt er nicht, dieser Ort mitten im Zentrum Potsdams, an dem früher die Garnisonkirche stand und an dem sie auch wieder aufgebaut werden soll. Eher haftet ihm etwas Provisorisches an. Vielleicht liegt es an dem schmalen Holzzaun, der den mit Gras überwucherten Boden umgibt, vielleicht an dem orangefarbenen Banner, das an der Hauswand des Nachbargrundstücks angebracht ist. „Eine Kultur der Versöhnung bauen“ steht darauf. Max Dalichow steht davor und glaubt nicht daran.

Die Evangelische Kirche und die Stadt Potsdam wollen die barocke Kirche wiedererrichten, die der Architekt Philipp Gerlach 1720 für den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. von Preußen gebaut hatte, die 1945 nach einem Bombenangriff ausbrannte und deren Ruine auf persönlichen Wunsch von Walter Ulbricht 1968 schließlich gesprengt wurde. Nicht als die Militärkirche, die sie mal war, sondern als Ort der Versöhnung – aber eben mit der Originalfassade.

Ein Bürgerbegehren will das verhindern, genug Unterschriften sind schon zusammen. An diesem Mittwoch stimmen die Stadtverordneten darüber ab, ob Potsdam auf den Bau der Kirche verzichten soll. Dass sie das beschließen, ist unwahrscheinlich, Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs sitzt selbst im Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche. Und überhaupt gehört es zum erklärten Ziel, den historischen Altstadtkern mit seinen barocken Bauten wiederherzustellen, die Bausünden der DDR nach und nach verschwinden zu lassen. Lehnen die Stadtverordneten das Bürgerbegehren ab, könnte es zeitgleich zur Landtagswahl am 14. September zum Bürgerentscheid über das Projekt kommen.

"Das Rausradieren der DDR aus dem Stadtbild"

„Der Wiederaufbau steht für das Rausradieren der DDR aus dem Stadtbild“, sagt Max Dalichow. Der 36-Jährige mit dem glatt rasierten Gesicht und dem kurzen schwarzen Haar engagiert sich in der Bürgerinitiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“ gegen den Wiederaufbau. Auf dem künftigen Baufeld klingt das, was er sagt, ein bisschen seltsam. Unter der Sandfläche verbirgt sich noch das Fundament der alten Garnisonkirche. Aber links und rechts stehen Plattenbauten, ein Studentenwohnheim und das Rechenzentrum der Landesregierung. Dort blättert der Putz ab, ein paar Garagentore sind bunt besprüht.

Es sind verschiedene Ideen von Stadt, die hier auf engstem Raum zusammenkommen. Oder kommen könnten. Denn beim Streit um die Garnisonkirche geht es längst um etwas Grundsätzliches. Darum, ob Potsdam wirklich seine barocke Stadtmitte zurückbekommen muss oder ob auch Architektur aus DDR-Zeiten ihren Platz behalten darf. Darum, was stärker wirken wird in einem wiedererrichteten Bau: preußischer Militarismus – oder eine Mahnung zum Frieden.

Dass die Sprengung der Kirche in vielerlei Hinsicht Unrecht war, sagt auch Max Dalichow. Seine Großmutter, Brunhilde Hanke, war damals Oberbürgermeisterin der Stadt, sie kämpfte bis zum Schluss gegen die Zerstörung, stritt sich mit der Bezirksleitung, weinte – und konnte dann doch nichts ausrichten. „Vor wenigen Wochen“, sagt Dalichow, „hat sie gegen den Wiederaufbau unterschrieben.“ Einen Widerspruch sieht ihr Enkel darin nicht, etwas Bestehendes abreißen sei schließlich etwas anderes als etwas nachbauen.

„Die Ruine, die damals noch stand, die hatte etwas Romantisches“, sagt er, obwohl er selbst 1968 noch gar nicht geboren war. Wenn er so darüber nachdenke, finde er fast Gefallen an der Idee, statt des barocken Turms dessen halb verbrannte, halb eingestürzte Überreste nachzubauen. „Das wäre doch wirklich ein Kriegsdenkmal.“

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