Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg : Auf Augenhöhe mit den Drogendealern

Parkläufer sollen den Görlitzer Park befrieden. Den Drogenhandel wollen sie nicht stoppen. Aber die Stimmung verbessern - wenn sie kein Messer in den Rücken kriegen.

Im Toleranzraum. Werktags ist im Görlitzer Park jeweils ein Parkläuferduo im Einsatz.
Im Toleranzraum. Veysel, 40, und Shpetim, 25, patrouillieren durch den Görlitzer Park.Doris Spiekermann-Klaas

Ein Dealer hat nicht aufgepasst. Steht am Westeingang, Höhe Forster Straße, mit einem Kunden im Gebüsch und wickelt sein Geschäft ab, während keine zehn Meter weiter Veysel und Shpetim patrouillieren. Vielleicht liegt es daran, dass die beiden heute ihre grünen Fleecejacken mit dem Aufdruck „Parkläufer“ nicht angezogen haben. Ist einfach zu heiß an diesem Montagnachmittag, und die versprochenen T-Shirts wurden noch nicht geliefert. Also mussten Veysel und Shpetim improvisieren. Sie tragen ihre Jacken zusammengefaltet wie Staffelstäbe vor sich her. Als der Dealer die Parkläufer bemerkt, ist ihm das so peinlich, dass er sich vielmals entschuldigt. Er deutet eine Verbeugung an. Und gibt ein Versprechen ab: „Es kommt nicht wieder vor ... Inschallah.“

Seit fünf Wochen sind sie im Einsatz, immer zu zweit, immer im Uhrzeigersinn durch den Görlitzer Park. „Die meisten Dealer haben Respekt vor uns“, sagt Veysel. Sie grüßen, wünschen einen schönen Tag, manche wollen von ihrem Essen abgeben. Reinste Frühsommeridylle. Veysel sagt aber auch: Das hier funktioniere nur bis zum ersten offenen Streit mit einem der Dealer. „Wenn das passiert, bist du raus. Sonst hast du, ehe du dich versiehst, ein Messer im Rücken.“

Veysel, 40, und Shpetim, 25, ihre Nachnamen möchten sie lieber nicht nennen, sind Teil eines Pilotprojekts, das weltweit einmalig ist. Ihre Aufgabe: Präsenz zeigen. Darauf achten, dass im Park niemand bedroht, beleidigt oder belästigt wird. Das Dealen selbst sollen sie nicht unterbinden. Veysel sagt, die Drogenverkäufer würden ihnen noch nicht so ganz trauen. „Die fürchten, wir sind am Ende doch Zivilpolizisten und nehmen alle hoch.“

Es ist ja auch schwer zu glauben, was da geschieht. Seit Jahren gilt der Görlitzer Park als Dealerparadies. Als Angstraum, den Anwohner meiden. Es wurde geraubt und vergewaltigt, ein Kinderspielplatz als Drogendepot genutzt. Jahrelang versuchte die Polizei erfolglos, die meist afrikanischen Verkäufer durch Razzien zu vertreiben. Im März 2015 erklärte der damalige CDU-Innensenator Frank Henkel das Gebiet zur Nulltoleranzzone, schickte immer wieder Hundertschaften los. Das band Polizeikräfte, brachte aber nichts. Nach ein paar Stunden standen die Dealer wieder an den gewohnten Stellen.

25 Körperverletzungen, 17 Raubüberfälle, fast 200 Diebstähle

Der Görlitzer Park gilt nicht nur als einer der übelsten Drogenumschlagplätze der Stadt, sondern auch als Symbol dafür, wie wirkungslos Repression sein kann. Deshalb nun der gegenteilige Ansatz: Kann man, wenn sich die Dealer schon nicht dauerhaft aus dem Park vertreiben lassen, wenigstens ein Klima schaffen, in dem sich die anderen Parknutzer ungestört fühlen? Anwohner haben eine Arbeitsgemeinschaft gegründet und zusammen mit Bezirksvertretern ein Konzept entwickelt. Die Parkläufer sollen ausdrücklich nicht Polizei spielen, sondern als „niedrigschwellige Sozialkontrolle“ agieren. Die Gelegenheit scheint günstig wie nie: ein grün dominiertes Bezirksamt, ein rot-rot-grüner Senat. Und wo sollte man sich Derartiges trauen, wenn nicht in Kreuzberg?

Seit Jahresbeginn zählte die Polizei im Park und in den angrenzenden Straßen 25 Körperverletzungen, 17 Raubüberfälle, fast 200 Diebstähle. Ein Passant, der sich weigerte, Drogen zu kaufen, wurde mit einem Messer verletzt. Immerhin sind die Zahlen im Vorjahresvergleich gesunken.

Heute wirkt es ruhig. An der Senke in der Parkmitte sitzen nur ein paar Dutzend Besucher im Gras, auf den Bänken und im Schatten der Bäume hocken die Dealer. Dass kaum Griller da sind, liege am Ramadan, sagt Veysel. Pro Runde müssen die Läufer 17 Punkte ansteuern. An jeder Station hängt eine Plakette, mal an einen Mülleimer, mal einen Laternenpfahl geklebt. Die Läufer halten dann ihren taschenlampengroßen Metallstab dagegen, bis ein blaues Licht blinkt. So wird kontrolliert, dass sie sich tatsächlich auf der vorgeschriebenen Route durch den Park bewegen. Die Dealer sehen das und wundern sich, sagt Shpetim. „Manche glauben, wir hätten dort heimlich Überwachungskameras installiert.“

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