Grenzkontrollen in Bayern : Nicht ganz dicht

Kilometerlange Staus, ratlose Polizisten: Die Entscheidung des Innenministers, an den Außengrenzen wieder Pässe zu kontrollieren, hat zu Verwirrung und Chaos geführt.

Reinhard Frauscher, Wien, Christoph Reiser, Salzburg, und Laura Worsch, Budapest
Eine Kontrolle an der Grenze.
Eine Kontrolle an der Grenze.Foto: AFP

Vier Polizisten steigen an der Grenze zu Österreich aus ihrem Wagen. Weil der Übergang nahe dem bayerischen Freilassing lange Zeit nur eine gedachte Linie war, haben die Beamten ihre eigene Markierung mitgebracht: Sie stellen ein paar Verkehrshütchen auf die Straße. Da ist es 21.03 Uhr am Sonntagabend. Der Anfang vom Ende des grenzenlosen Reiseverkehrs in Europa beginnt unspektakulär.

Die Polizisten sollen Flüchtlinge kontrollieren, nur darum gehe es. Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat das verkündet, nachdem Zehntausende unregistriert nach Deutschland eingereist sind, vor allem nach München. Man müsse zur Ordnung zurückkehren.

Die neue Ordnung zeigt das erste Mal um 21.07 Uhr ihre Wirkung. Da kommen drei junge Syrer die Straße entlang, die zu Fuß von Österreich nach Deutschland laufen wollen. Einer der Bundespolizisten tritt auf sie zu. „Kann ich Ihre Pässe sehen, bitte?“

Die Syrer lassen die Prozedur über sich ergehen. „Wir sind seit 22 Tagen zu Fuß durch Europa unterwegs“, sagt Hatem Ahadsch. Wie die anderen beiden stammt er aus Rakka, jener Stadt in Syrien, wo der sogenannte Islamische Staat seine Kräfte sammelte, lange bevor er 2014 sein Terrorkalifat ausrief. Der 27-jährige Ahadsch setzt sich auf den Boden und nimmt einen Stoß aus seinem Asthmaspray. Dann sagt er: „Wir denken, Deutschland ist das einzige Land in Europa, das uns wie Menschen behandeln wird.“

Wie es für ihn weitergehen soll, wissen die vier Polizisten in Freilassing zunächst auch nicht. „Hallo, wir haben hier drei Syrer, was sollen wir mit denen machen?“, funkt einer der Beamten. Er hat es schon etliche Male probiert. Eine ganze Stunde werden die Syrer am Ende dort sitzen, bis die erlösende Nachricht kommt. Sie dürfen einreisen und werden in ein Aufnahmelager gebracht. „Der Polizist hat zu mir gesagt: ,Willkommen in Deutschland.‘ Und dann hat er gelächelt“, sagt Ahadsch.

Es ist keinesfalls eine echte Abschottung, die da zu beobachten ist. Deutschland verlagert lediglich die Weiterverteilung der Flüchtlinge von München an die österreichische Grenze. Bayern schickt die Busse, die bislang vom Münchner Hauptbahnhof die Ankommenden aufgenommen und weitertransportiert haben, nun nach Freilassing, Passau und Rosenheim. Von dort sollen die Flüchtlinge zur Registrierung in eine der Erstaufnahmeeinrichtungen gebracht werden.

Obwohl offenbar kein einziger Flüchtling zurückgewiesen wird, hat die Aktion dramatische Auswirkungen auf die Region: In Salzburg bricht fast der gesamte innerstädtische Verkehr zusammen. Am Grenzübergang Saalachbrücke zwischen Salzburg und dem bayerischen Freilassing hat die Bundespolizei die Fahrbahn auf eine Spur verengt, die Autos stauen sich bis zurück in die Stadt. Immer wieder winken Beamte mit der Kelle Lieferwagen und Kleinbusse – vor allem solche mit Kennzeichen aus Balkanländern – heraus.

Die Kontrollen selbst verlaufen unaufgeregt. Als ein Minibus aus Rumänien zum Halten aufgefordert wird, zeigen die sieben männlichen Insassen bereitwillig ihre Ausweise, kommen auch der Bitte nach, eine Decke auf einem der hinteren Sitze hochzuheben. Alles scheint dieser neuen deutschen Ordnung, zu der Bundesinnenminister de Maizière zurückkehren wollte, zu entsprechen. Der Wagen darf weiterfahren.

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