Gunther von Hagens : Die Pläne des Plastinators

„Wir setzen einen plastinierten Weihnachtsmann in einen Schlitten“, schlug er einmal vor. Damals war Gunther von Hagens noch gesund. Parkinson hat ihn demütiger gemacht. Was nach seinem Tod kommen wird, weiß er längst.

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Gunther von Hagens.
Gunther von Hagens.Foto: picture alliance / dpa

Und dann gehen Sie noch durch den kleinen Park, Sie können es gar nicht verfehlen!, sagt eine junge blonde Frau mit Kinderwagen in jenem unbefangenen Tonfall, in dem man Fremden den Weg zu den Sehenswürdigkeiten seiner Stadt weist.

Guben hieß früher Wilhelm-Pieck-Stadt Guben und liegt schon ziemlich weit unten in Brandenburg. Auf der anderen Seite der Oder ist Gubin. Gunther von Hagens’ „Plastinarium“ gilt als Hauptattraktion der Doppelstadt.

Für den, der erst eine Stärkung braucht, bevor er Gunther von Hagens’ Totenreich betritt, gab es unlängst noch „Tom’s Culinarium“.

„Tom’s Culinarium“ bot auch einen „Plastinatorenteller“ an, Schweinebraten mit Zwiebelbrot, und vielleicht sogar „Tote Oma“, den unvergessenen Klassiker der DDR-Schulspeisung.

Überlebende streiten noch immer, ob es sich dabei um Grützwurst handelte oder doch um Lungenhaschee.

Was macht Goethe beim Plastinator?

Der Haupteingang des „Plastinariums“ ist geschlossen, denn es empfängt Besucher nur am Freitag und am Wochenende. Durch die Scheiben fällt der Blick auf einen überlebensgroßen Goethe, wie er mit Riesenhut in der Campagna flegelt, in jener Gelassenheit, wie sie den Lebenden so selten gegeben ist: nur in den Augenblicken, wo Selbstgenuss Weltgenuss bedeutet und umgekehrt. Man sagt auch Glück dazu.

Was macht Goethe beim Plastinator?

Er war leichtsinnig genug gewesen, sich auch über die Anatomie zu äußern: „Die anatomische Zergliederung eröffnet uns die Tiefen der Natur mehr als jede andere Bemühung oder Betätigung.“

Ab Januar, hofft der Plastinator, muss keiner mehr bis Guben fahren oder einer seiner großen Wanderausstellungen hinterherreisen. Mit mehr als 33 Millionen Besuchern sind die „Körperwelten“ die erfolgreichste Ausstellung weltweit. Da darf man schon mal an ein eigenes Museum denken. In der Hauptstadt, wo sonst?

Den geeigneten Ort haben Gunther von Hagens und seine Frau längst gefunden: am Fuß des Fernsehturms. Zentraler geht’s nicht, der Plastinator hat noch nie halbe Sachen gemacht. Die Umbauten für das „Menschen-Museum“ haben bereits begonnen. Aber niemand heißt ihn willkommen, im Gegenteil. Das Berliner Verwaltungsgericht muss über den Streit an diesem Freitag befinden.

Warten auf Gunther von Hagens

Der Bezirksbürgermeister von Mitte begründete seine Ablehnung mit dem Paragraf 14 des Städtischen Bestattungsgesetzes: „Leichen dürfen nicht öffentlich ausgestellt werden.“ So sieht das auch die Gemeinde der Marienkirche, vielleicht bald die nächste Nachbarin des „Menschen-Museums“. Am 3. Januar 1292 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, steht sie für das alte Berlin, für das älteste Berlin und die ebenfalls uralte, gleichwohl noch immer allgemein anerkannte Auffassung: Tote gehören unter die Erde! Warten auf Gunther von Hagens auf dem langen Flur des „Plastinariums“. Es ist sehr still.

Der Plastinator gibt nur noch sehr selten Interviews. Auch weil er kaum mehr sprechen kann. 2008 erkrankte er an Parkinson, nur dank zweier Elektroden im Hirn können andere ihn noch halbwegs verstehen, und das auch bloß dann, wenn er beim Reden unablässig eine Tablettenlösung trinkt. Manchmal bricht er unvermittelt in Tränen aus, nicht in Tränen der Reue, sagt er, es handele sich um bloße Hirnchemie, die Hirnchemie eines Parkinson-Patienten.

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